«ICH TRAT DURCH DAS GARTENTOR HINAUS und ging in Richtung Universität. Noch hatte ich keine zwölf Schritte getan, als ein alter, handbemalter, dunkelgrüner Mercedes mit crèmefarbenem Dach neben mir anhielt. Die Türe auf der Fahrerseite öffnete sich und hinderte mich auf der schmalen Strasse am Weitergehen. Vier Männer sprangen aus dem Wagen, der Fahrer mit einer Pistole und drei jüngere Typen, jeder mit einer Kalaschnikow in der Hand und einer Faustfeuerwaffe im Gürtel. Ich stand still, und wir betrachteten uns schweigend. Schliesslich stiessen sie mich auf den Hintersitz, und zwei der Bewaffneten nahmen mich in die Mitte. Der Wagen beschleunigte, und es wurde mir befohlen, mich auf den Boden zu legen. Der Mann auf dem Beifahrersitz fragte, ob ich Engländer sei. Ich richtete mich auf und sagte: <Nein, ich bin Ire.> Sie waren verwirrt, und dann kam die nächste Frage: <Magst Du Thatcher?> <Nein, ich mag Thatcher nicht, ich bin irisch.>»
Der 11. April 1986 war für den Literaturdozenten Brian Keenan der erste von insgesamt 1575 Tagen in Geiselhaft, deren Verlauf er in einem Buch mit dem Titel «The evil cradling» beschreibt. Vier Monate vor dem Kidnapping hatte Keenan an der American University in Beirut seine Lehrtätigkeit aufgenommen. Als irischer Staatsbürger wähnte sich Keenan gegenüber politisch motivierten Geiselnehmern in Sicherheit. Zur Zeit seiner Geiselnahme befanden sich bereits Franzosen, Amerikaner und Engländer in Gewahrsam islamistischer Extremisten, deren Ziel es unter anderem war, den Westen von seiner Unterstützung für Saddam Husseins Regime im iranisch-irakischen Golfkrieg abzubringen. Vermutlich rettete der irische Pass Keenan das Leben. Zwei britische Geiseln wurden am 17. April 1986 in Beirut ermordet aufgefunden. Die Untat erfolgte als Reaktion auf die amerikanische, von London gutgeheissene Bombardierung Libyens zwei Tage zuvor.
Die ersten Monate seiner fast viereinhalb Jahre dauernden Geiselhaft verbrachte Keenan in Isolation. Später wurde er mit dem ebenfalls entführten britischen Journalisten John McCarthy zusammengelegt. Rund ein Dutzendmal wurden die beiden Geiseln zwischen den südlichen Vororten Beiruts, einem Dorf in Südlibanon und einem Verlies in der Bekaa-Ebene transferiert, entweder im Kofferraum eines Wagens oder in einem sargähnlichen, unter der Brücke eines Lastwagens versteckten Behälter. Die Geiseln waren in ihren teilweise winzigen Zellen die meiste Zeit angekettet, sahen während der ganzen Haftzeit nie Sonnenlicht und mussten sich bei Anwesenheit ihrer Wächter die Augen verbinden. Der Willkür des Wachpersonals vollständig ausgeliefert, hatten sie alle denkbaren Schikanen bis hin zur Folterung zu erdulden.
Zu gewisser Zeit befanden sich Keenan und McCarthy gemeinsam mit drei amerikanischen Geiseln in derselben Zelle. Eine davon war Terry Anderson, bis zu seiner Entführung Bürochef der Nachrichtenagentur Associated Press in Beirut. Als letzte der westlichen Geiseln wurde Anderson nach über sechs Jahren Haft im Dezember 1991 freigelassen. Wegen des politischen Klimawechsels im Nahen Osten waren für die Menschenräuber in Beirut sowie ihre Hintermänner in Teheran und Damaskus die festgehaltenen Westler vom Pfand zur Hypothek geworden.
Ihre Freilassung liegt nun über fünf Jahre zurück, doch hier in Dublin scheint Sie jedermann zu kennen. Ist für Sie ein normales Leben möglich, wenn Sie auf Schritt und Tritt an Ihre Zeit in Geiselhaft erinnert werden?
Das Problem ist, dass wir wegen der Kampagnen für die westlichen Geiseln eine Art Ikonen-Status erlangten. Es war die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Viele Leute wollen mich auch heute noch willkommen heissen oder mit mir über ein persönliches Problem sprechen. Doch was soll's, zuhören kostet mich ja eigentlich nichts.
Doch, es kostet Sie Zeit.
Zeit ist für mich nicht mehr so wichtig. Gestohlene Zeit kann nicht zurückgewonnen werden.
Bedeutet dies, dass die Unfreiheit nicht mit der Freilassung beendet ist, sondern in anderer Form weitergeht?
Absolut. Berühmtheit ist eine eigene Form von Gefangenschaft. Zwar sind die Leute um mich sehr grosszügig, sehr freundlich, aber ich bin nicht zurück in der Welt, aus der ich entführt wurde.
Sie hätten sich entschliessen können, nicht nach Irland zurückzukehren.
Natürlich hätte ich dies tun können. Doch wenn man während fast fünf Jahren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist, fällt man Entscheide. Eigentlich denkt man dauernd: Was werde ich tun, wenn ich einmal frei bin?
In Ihrem Buch beschreiben Sie ein paar der Projekte: die Wiederaufforstung Irlands, ein Musikinstrument lernen.
Wenn man eingeschlossen ist, denkt man sich so manche Dinge bis in alle Einzelheiten aus. Man kreiert sich eine eigene Welt, über die man zu verfügen glaubt, und hält sich für fähig, alles auszuführen. Doch zurück im wirklichen Leben, stellt man fest, dass nicht alles durchführbar ist. Zwei Pläne waren mir besonders wichtig: Ich kaufte mir ein altes Bauerngut im Westen Irlands und stellte alles wieder instand, und zwar mit eigenen Händen. Und zweitens wollte ich einen Roman schreiben. Ich bin fast fertig damit. Er handelt von einem blinden Harfenspieler. Ein Instrument lernte ich zwar nicht spielen, doch die Idee habe ich verarbeitet.
Verbringen Sie Ihr Leben heute mit Schreiben?
Ja. Denn was soll eine ehemalige Geisel tun? Vor allem, wenn man so viel ungewollte Berühmtheit erlangt hat. Ich arbeitete zwei Jahre lang an der Universität hier. Dann hatte ich genug. Man glaubte, ich hätte einen geschärften Blick zur Beurteilung von Literatur, verursacht durch die Extremsituation, in der ich mich befunden hatte.
Sie wollten Ihre Erfahrung in Geiselhaft nie beschreiben. Dennoch haben Sie es getan. War dies eine Art von Therapie, um das Geschehene zu verarbeiten?
Das stimmt, ich schrieb das Buch für mich. Und es kümmerte mich nicht, ob sich jemand dafür interessieren wird. Ich hatte mir nur einen Vorsatz gefasst: nämlich vorbehaltlos offen zu sein. Ich wollte gedanklich dahin zurückkehren, wo alles geschah; in diese doch recht brutale Situation. Es gab mir aber auch die Möglichkeit, die Presseleute auf mein Buch zu verweisen.
Woher schöpften Sie die Kraft zum Überleben? Auch unter den extremsten Bedingungen zu Beginn Ihrer Haft vermochten die Geiselnehmer nie Ihren Willen zu brechen.
Ich bin ein sehr eigensinniger, ja sturer Mensch. Für mich war entscheidend, ein Gefühl dafür zu bewahren, wer ich bin; mich kennenzulernen, auch mit all meinen hässlichen Seiten. Ich befasste mich in langen Perioden der Isolation und Versenkung vor allem mit der Person, die ich zu sein glaubte, also mit meiner Identität. Vielleicht ist das ein typisch irischer Zug. Als ich dann mit den anderen Geiseln zusammen war, veränderte sich dies. Denn da realisierte ich bald, dass mein Überleben von dem der andern abhängig war und ihres von meinem. Darum glaube ich nicht, dass der Wille zu überleben nur auf persönlicher Kraft beruht, sondern auch auf Gegenseitigkeit.
Am besten scheint diese Gegenseitigkeit mit dem Briten John McCarthy funktioniert zu haben.
Entscheidend war, dass John so anders ist als ich. Er spricht ein gutes English, hat eine Public-School-Ausbildung und kommt aus vermögendem Haus. Und hier ist Brian Keenan, aus der Arbeiterklasse stammend, Ire und Sozialist. Wenn ich irgendwo sonst auf John gestossen wäre, wir hätten nichts gemeinsam gehabt. Doch wir trafen uns nicht in einem Pub. Man warf uns zusammen in ein Loch. Das einzige, das uns zusammenhielt, war ein gemeinsamer Sinn für Humor. Ein recht schwarzer Humor.
Dieser Sinn für Humor ist, das werden Sie auch als Ire bestätigen, etwas sehr Britisches. Verstanden ihn die amerikanischen Geiseln?
Nein, als sie uns Witze reissen hörten und tanzen sahen, machte ihnen das Angst, denn sie kannten einen Humor dieser Art nicht. Dasselbe galt auch für die Wächter, sie hatten nicht das geringste Verständnis dafür. Zwischen uns und den Amerikanern war eine kulturelle Schranke. Sie suchten vor allem tiefgreifende Diskussionen. Und daraus wurden meist Streitgespräche, welche die Amerikaner immer gewinnen wollten. Ich kann das verstehen, denn daraus lässt sich Selbstwertgefühl gewinnen. Doch dieses Sprachverhalten war nicht so lebensrettend wie der Humor oder die Spiele aller Art, die John und mich zusammenhielten.
Wären Sie in einer längeren Isolationshaft vom Wahnsinn gepackt worden?
Nein. Natürlich hätte ich nicht für fünf Jahre in Isolation bleiben wollen. Doch nachdem ich die sechs Monate durchgemacht hatte, wären auch weitere sechs oder mehr Monate möglich gewesen. Ich hatte das Schlimmste überwunden. Man kann sich selbst nicht davon-rennen. Der Raum war 1,8 Meter lang und 1,2 Meter breit. Es gab auch keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Man entwickelt die Fähigkeit, sich zu beobachten. Und plötzlich sieht man, wieviel mit einem passiert; mit allen Stimmungsschwankungen natürlich. Das hilft, Angst zu bewältigen, denn man versteht plötzlich, wie Furcht entsteht. So machte es mir mit der Zeit nicht mehr viel aus, wenn Wächter in meine Zelle kamen und mich mit dem Gewehrlauf verprügelten.
Sie berichten über eine neugewonnene Freude an kleinen Sachen, beispielsweise Ameisen, die Sie in der Zelle beobachteten. Kennen Sie solche Gefühle auch heute noch?
Ich verbringe viel Zeit im Westen Irlands. Immer wieder geschieht es, dass ich meinen Wagen unvermittelt anhalte, um mir etwas anzuschauen. Und meine Begleiter wundern sich, denn für sie gibt es nichts Aussergewöhnliches zu sehen. Ich bin seit der Freilassung auch oft in Kunstmuseen. Bilder geben mir viel. Mein Blick ist anders als früher. Und da das Auge ein Teil des Gehirns ist, hat sich offensichtlich auch mein Denken verändert. Deshalb habe ich auch mit Fotografieren begonnen. Es sind kleine Einzelheiten, die ich festhalten will, die sehr viel über das Leben aussagen.
Während Ihrer Haft hatten Sie einen geregelten Tagesablauf mit sehr wenig äusseren Einflüssen. Vermissen Sie diese Ruhe manchmal?
In den ersten neun Monaten nach meiner Freilassung fragte ich mich sehr oft: Wie kann ich jenen Zustand wieder erreichen, als mein Geist mit solcher Tiefe und Klarheit funktioniert hat? Manchmal bedauerte ich beinahe, dass ich den Wächter, der mich freiliess, nicht zum Teufel geschickt hatte. Damals war ich hungrig nach den Momenten extremer Luzidität.
Sie beschrieben die Wächter in allen Einzelheiten. Warum beschäftigte Sie deren Verhalten so intensiv?
Ich ging mit ihnen durch alle Höhen und Tiefen. Einige von ihnen hasste ich wirklich. Sehr schwer zu ertragen war ihre Wechselhaftigkeit. Sie konnten einem alles zuliebe tun und im nächsten Augenblick Prügel austeilen. Es war überlebenswichtig, sie immer zu beobachten. Ich begann zu begreifen, dass auch diese Typen im Nebenraum trotz ihren Gewehren Gefangene waren. Sie konnten das Haus kaum verlassen. Das Essen wurde jeweils von aussen gebracht. Trotz unseren Verschiedenheiten waren wir eigentlich eine Gruppe. Diese Wächter befanden sich in einer Falle. Mit einem habe ich lange Gespräche geführt, auch über Irland. Er war leicht zu verunsichern und wurde auch jedesmal wütend, wenn er keine Argumente mehr hatte. Er sagte mir: «Brian, Du sprichst wie eine Schlange.» So realisierte ich, dass diese Typen, die mich bewachten, mehr Angst hatten als ich selbst. Ich hatte gelernt, mit meiner Furcht umzugehen. Diese Typen aber waren ihren Ängsten ausgeliefert.
Politisch motivierte Geiselnahme ist immer ein Zeichen von Schwäche. Als aus Nordirland stammender Ire wissen Sie, was es bedeutet, in einem politischen Konflikt zur schwächeren Seite zu gehören.
Absolut. Ich konnte die Schwäche der Geiselnehmer verstehen und für sie auch Sympathie entwickeln. Nicht für die Sache, doch für die Zwangslage, in der sie sich befanden. Obwohl sich Nordirland und Libanon in keiner Art und Weise vergleichen lassen. Doch etwas weiteres lernte ich, und davon war ich vor meinen Ferien, wie ich die Geiselhaft nenne, nur halb überzeugt gewesen: Einen Kampf mit Kalaschnikows führen kann jedes Kind. Viel schwieriger ist es, kulturell bedingtes Denken zu überwinden und sich mit den Ideen des Feindes zu befassen. Auf diese Weise ist bedeutend mehr zu erreichen.
Verfolgen Sie weiterhin die Entwicklung in Libanon?
Eigentlich würde ich gerne zu einem Besuch zurückkehren. Doch ich weiss nicht, wie ich es anstellen soll. Jedesmal, wenn ich die Reise plane, erfährt jemand davon. Und ich erhalte einen Anruf von einer TV-Station, die mich mit einer Crew begleiten will. Ich will das Land aber nicht durch ein Kameraobjektiv sehen. Einmal einfach hinreisen, einen Kaffee trinken und mir alles anschauen, das möchte ich. Ich habe immer noch Freunde dort, die ich gerne sähe. Es nimmt mich auch wunder, wie ich reagieren würde, wenn ich wieder dort wäre. Vielleicht käme dann einer dieser Typen auf mich zu und sagte: «Hallo, wie geht's, Du weisst doch wer ich bin?» Und verschwände dann wieder.
Sie haben also positive Gefühle dem Land und seinen Leuten gegenüber. Kein Bedürfnis nach Rache?
Ich glaube nein. Natürlich bin ich immer noch wütend darüber, nicht so sehr, was mir widerfahren ist, sondern vielmehr darüber, wie mit anderen Geiseln umgegangen wurde. Hätte ich starke Rachegefühle, bedeutete dies, dass ich innerlich immer noch gefangen wäre. Zurückblickend muss ich sagen: Okay, die hielten mich fast fünf Jahre fest. Aber ich kam nach Hause, vermutlich reicher.
Half Ihnen die Religion? Sie erwähnen, dass Ihnen als fast einzige Lektüre die Bibel gegeben wurde.
Es spielt eine grosse Rolle, wie man die Ausdrücke wählt: Es bestand ein Bedürfnis nach Glaube. Das hat mit Gott und Kirche nicht viel zu tun und ist sehr schwer auszudrücken. Es war eine Art von spiritueller Beschäftigung. Ein Gebet half, in sich zu gehen und die Dinge um sich herum vergessen zu lassen.
Dem könnte man auch Meditation sagen.
Natürlich. Alle Geiseln taten das. Einige behaupteten zwar, sie beteten nicht, doch ich glaubte ihnen nicht. Eine Art von religiöser Sensibilität ist doch Bestandteil der Psyche, das ist auch nicht kulturell bedingt. Mich selbst würde ich nicht als religiös bezeichnen. Aber die Meditation oder das Gebet, wie immer man dies nennen mag, hat mein Entscheidungsvermögen erweitert.
Als politische Geisel hofften Sie sicher, dass die Regierung Ihres Landes zu Ihren Gunsten intervenieren würde. Haben Sie das Gefühl, in Dublin wurde alles unternommen, um Sie zu befreien?
Während der ersten 18 Monate war ich überzeugt, als Ire schon sehr bald freizukommen. Ich setzte mir immer Fristen von drei Monaten. Und jedesmal war die Enttäuschung grösser. Dann realisierte ich, dass ich nun schon zu lange hier war und auch zuviel wusste, um bald freizukommen. Die Entführer mussten mit der Freilassung bis zu einem günstigen Zeitpunkt warten. Bewirkt wurde meine Freilassung dann tatsächlich, als Irland in der EG die Präsidentschaft hatte und die nötigen Hebel in Bewegung setzten konnte.
Glauben Sie, dass für Ihre Freilassung auch Lösegeld bezahlt wurde wie im Falle anderer westlicher Geiseln, zum Beispiel der entführten IKRK-Delegierten, die ja nach vergleichsweise kurzer Zeit freikamen? Hat Sie diese Frage nachträglich überhaupt interessiert?
Sehr sogar, bereits während der Gefangenschaft. Den Amerikanern sagte ich immer, euer Lösegeld ist das Vermögen des Schahs, nämlich dessen auf amerikanischen Banken blockierte Gelder. Heute bin ich davon überzeugt, dass wir alle losgekauft worden sind. Natürlich wissen wir das eine oder andere, was nicht öffentlich bekanntgeworden ist. Doch angenommen, wir erzählten, was wir wissen, ist damit zu rechen, dass die betroffenen Geheimdienste die Mittel hätten, uns unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Darum lasse ich es sein, denn an der ganzen Geschichte ändert sich ja ohnehin nichts mehr. Gegenüber meiner Regierung hege ich keine Bitterkeit. Ich glaube, sie tat alles, um meine Befreiung zu erwirken. Etwas jedoch habe ich nicht vergessen: Zwei der Geiseln, beides Lehrer und britische Staatsbürger, wurden in Gefangenschaft exekutiert. Ein französischer Journalist starb, weil er nicht die nötigen Medikamente erhielt. Der amerikanische Uno-Offizier Higgins wurde gehenkt. Mindestens sechs westliche Geiseln kamen in Libanon um. John McCarthy, Terry Waite und ich erhielten von der Queen einen Orden, während über die Toten niemand sprach. Das verletzt mich noch heute. London machte es sich damals zu leicht mit der Haltung, wonach es sich bei den Terroristen um einen Haufen Fanatiker handle, mit denen sich nicht verhandeln lasse.
Welche Ratschläge würden Sie einer Geisel geben?
Am wichtigsten ist es, so schnell wie möglich Selbstvertrauen aufzubauen. Ich sagte jeweils zu mir selbst: Niemand kann mich erniedrigen, in die Tiefe fallen kann nur ich allein. Um dies zu lernen, brauchte ich lange Zeit. Es war nötig, vor den Wächtern keine Angst mehr zu haben, sie nicht als Terroristen zu betrachten. Das heisst, sich ihnen nicht zu unterwerfen. Denn sie würden dies als Schwäche deuten und dich ausnutzen und plagen wie ein Tier. Irgendwie muss man sich innerlich einen Bunker bauen, in den man sich zurückziehen kann. Das geht in Haft sogar so weit, dass man sich selbst eine Lüge erzählen kann und daran glaubt. Das gibt einem dann wieder Halt für die nächsten drei Monate.