NZZ Folio 08/09 - Thema: Flug LX 14   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Immer das gute Gefühl: ‹Jetzt flieg ich weg›»

© Stefanie Hopp
Serap Cicek, Hamburg, Deutschland. Linktext
Serap Cicek arbeitet dort, wo andere durchreisen, zwischen Terminal 1 und 2 am Flughafen Hamburg. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Stefanie Hopp

Serap Cicek, Hamburg, Deutschland, ist 27 Jahre alt. Sie hat einen 6-jährigen Sohn und lebt mit ihrem Lebenspartner in einer Drei­zimmerwohnung in Hamburg Altona. Gemeinsam mit einer Freundin hat sie im Dezember 2008 den Friseursalon im Hamburger Flughafen eröffnet. Ihre Angestellten verdienen 1200 Euro netto, die beiden Chefinnen «etwas mehr».

Welcher Haarschnitt ist angesagt?

Bei den Frauen: Bob, Bob, Bob – in allen Variationen. Alle wollen aussehen wie Heidi Klum oder die Frau von Tom Cruise. Männer wollen – allerdings häufig auf Wunsch ihrer Frauen – aussehen wie Barack Obama. Und zwar unabhängig von ihrer Hautfarbe und Haarstruktur.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Ich arbeite am liebsten nur mit der Schere, benutze kaum andere Geräte. Im übrigen arbeiten wir im Salon mit dem Aveda-Konzept, das heisst, wir verwenden ausschliesslich Naturprodukte.

Warum sind Sie Coiffeuse geworden?

Der Beruf wurde mir zufällig zugeschmissen, und das war das Beste, was mir je passiert ist. Ich war ursprünglich Arzthelferin, mochte die Büroarbeit aber nicht. Als eine Freundin sich um einen Ausbildungsplatz als Coiffeuse bewarb, tat ich es spasseshalber auch und wurde dann tatsächlich genommen. Heute liebe ich meine Arbeit.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Im Anschluss an die Lehre habe ich die Ausbildung zum Meister gemacht und war mit 25 Jahren eine der jüngsten Meisterinnen Hamburgs.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Irgendwann möchte ich im Flughafen von Istanbul eine Filiale eröffnen. Meine Eltern stammen aus der Türkei, und ich finde, Istanbul ist eine Supermetropole.

Haben Sie viele Stammkunden?

Ja. Unser Salon wurde erst im Dezember 2008 eröffnet, aber so wie es aussieht, kommen viele Leute wieder.

Was für Leute sind das?

Geschäftsleute aus Zürich, Wien und München, die ihre Wartezeit nutzen. Oft rufen sie an, bevor sie losfliegen, und sagen: «Ich lande um fünf, habe eine Stunde Zeit, schaffen wir das?» Gehetze gibt es nicht.

Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?

Einerseits die, die sagen: «Machen Sie etwas aus mir.» Da hat man die grösste Freiheit, kann komplett umstylen. Andererseits die, die schlecht drauf sind oder grundsätzlich unzufrieden. Die muss man erst mal aus der Reserve locken.

Haben Sie prominente Kunden?

Frank Elstner kam gleich kurz nach der Eröffnung – den hab ich erst gar nicht erkannt. Und Kim Wilde war auch schon da, mit Gefolge. Zum Waschen und Föhnen.

Wem würden Sie gern die Haare schneiden?

Obama würde mich reizen. Schon damit ich mal sehe, was genau so toll ist an seiner Frisur.

Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?

Wenn der Kunde sehr zufrieden ist, dankt wie verrückt und wiederkommt.

Welche Reaktionen haben Sie schon erlebt?

Ich bekomme öfter mal Blumen oder Geschenke. Ein Kunde hat mir ein extrem hohes Trinkgeld gegeben: Er musste 28 Euro bezahlen, gab mir 50 und sagte: «Stimmt so.»

Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?

Wenn die Haare «kaputtgefärbt» sind, gehen wir da nicht gern nochmals ran.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?

Die Alster, die Elbe – Hamburg ist eine Wahnsinnsstadt, dazu eine saubere Stadt. So vieles verändert sich, denken Sie nur an die neue Philharmonie und die Hafencity. Ich liebe die Beachclubs an der Elbe.

Was gefällt Ihnen am Flughafen?

Hier herrscht eine besondere Stimmung, es hängt dieses Gefühl in der Luft: «Jetzt flieg ich weg», immer ist etwas los. Für uns, die wir hier arbeiten, hat der Flughafen Dorfcharakter, andererseits ist es so kosmopolitisch. Das mag ich sehr.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Zurzeit komme ich nicht dazu, ich habe einen kleinen Sohn. Wenn ich Zeit hätte, ginge ich ins «Tarantella» am Dammtor. Das ist sehr angesagt, dort kann man wunderbar essen.

Wo machen Sie Ferien?

Zuletzt waren wir in Antalya.

Was treibt die Menschen zurzeit um?

Von der Krise merken wir nichts. Einer hat mal erzählt, bei der Lufthansa sei die erste Klasse jetzt leerer. Eigentlich reden alle über die Städte, wo sie gerade herkommen.

Stefanie Hopp ist freie Journalistin; sie lebt in Elmshorn.

Hair-Society
Der Salon liegt ebenerdig im «Airport Plaza» zwischen Terminal 1 und 2. Neben den Haarschnitten werden auch Manicure, Pédicure und Massagen angeboten. Laufkundschaft ist willkommen, aber sofern möglich, wird um Voranmeldung gebeten.

Preis für einen Haarschnitt
Ein Herrenhaarschnitt kostet 28 Euro, ein Damenhaarschnitt 45 Euro (Waschen, Schneiden, Föhnen), für einen Kinderhaarschnitt zahlt man zwischen 10 und 15 Euro.

Deutschland
Einwohner: 82,3 Millionen
BIP pro Kopf: 28 211 Euro
Milch: 1 Liter 0.80 Euro 
Brot: 1 kg 2 Euro
Kinobillett: 7 Euro
Zigaretten: 4 Euro
Taxi: 10 km 13 Euro

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