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NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...? Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Der Pupillenforscher und die Pin-up-Girls
Die Augen seien das Fenster zur Seele, heisst es. Doch wie man darin lesen soll, wusste niemand, bis der Psychologe Eckhard Hess 1960 seinem Assistenten das Bild einer halbnackten Frau zeigte.
Von Reto U. Schneider
Das exotische Fachgebiet der Pupillometrik wurde an einem Morgen im Jahr 1960 im Büro von Eckhard Hess an der Universität von Chicago geboren: Hess hatte einen Stapel Karten aus Landschaftsbildern zusammengestellt und das Foto eines «halbnackten Pin-up-Girls» daruntergemischt. Diese Bilder zeigte er eines nach dem andern seinem Assistenten James Polt. Hess konnte dabei nur die Rückseiten der Karten sehen, wusste also nicht, welches Bild sich Polt gerade anschaute. «Beim siebten Bild bemerkte ich eine deutliche Erweiterung der Pupillen», schrieb Hess später. Es war das Bild mit dem Pin-up-Girl. Von da an widmete der Psychologieprofessor seine Forschung der Verbindung zwischen Pupillengrösse und Vorgängen im Gehirn.
Die Idee, dass sich in den Augen alles mögliche lesen lässt, ist in der Literatur und im Alltag allgegenwärtig. Der französische Dichter Guillaume de Salluste nannte die Augen «Fenster zur Seele». Vor allem Emotionen wie Liebe, Leidenschaft, Hass oder Wut sollen sich in den Augen zeigen.
Wissenschafter hatten die Veränderung der Pupillengrösse bei bestimmten Tätigkeiten des Gehirns schon früher beobachtet, doch es war Hess, der ihr Studium als Forschungsgebiet etablierte. Schuld daran war eigentlich seine Frau. Sie hatte eines Abends beobachtet, wie sich seine Pupillen erweiterten, als er sich einen Bildband mit Tierfotos anschaute. Daraufhin improvisierte Hess das Pin-up-Girl-Experiment mit Polt.
Den ersten systematischen Versuch machte er mit vier Männern und zwei Frauen. Er liess sie in eine dunkle Kiste blicken, auf deren gegenüberliegender Wand er nacheinander verschiedene Bilder projizierte. Ein kleiner Spiegel lenkte das Bild des linken Auges in eine auf der Seite angebrachte Infrarotkamera, die jede Sekunde zwei Bilder machte. Auf diesen Aufnahmen bestimmte Hess die Pupillengrösse. Die Resultate waren erstaunlich klar: Bei den Frauen erweiterten sich die Pupillen am stärksten, wenn das Bild ein Baby zeigte, eine Mutter mit Baby oder einen nackten Mann. Männer reagierten vor allem auf die nackte Frau. Hess deutete diese Erweiterung als Zeichen des Interesses und der Zustimmung. In späteren Experimenten zeigte er seinen Versuchspersonen Bilder von behinderten Kindern und von moderner Kunst. Dabei beobachtete er, wie sich die Pupillen verengten - selbst bei Leuten, die behaupteten, ihnen gefielen abstrakte Gemälde.
In einer berühmten Studie untersuchte Hess auch die Wirkung der Pupillengrösse auf andere. Er legte Männern zwei Bilder einer Frau vor, die sich einzig durch die Grösse der Pupillen unterschieden. Die Augen der Männer reagierten viel stärker auf die Frau mit den weiteren Pupillen. Hess spekulierte, dass die weiten Pupillen einer Frau Interesse an ihrem Gegenüber signalisierten und sich deshalb wiederum die Pupillen der Männer weiteten. Schon im Mittelalter träufelten sich die Frauen Belladonna (Atropin) in die Augen, um schöner auszusehen.
Hess glaubte, das ultimative Werkzeug für die Untersuchung des menschlichen Geistes gefunden zu haben: Er behauptete, an der Pupillenreaktion einer Person ihre sexuelle Orientierung zu erkennen. Und er war überzeugt, Werber könnten an der unbestechlichen Reaktion der Pupillen auf Produkte ihren Markwert voraussagen. Nach eigenen Aussagen wurde Hess auch immer wieder von Bundesstellen gebeten, die Pupillometrik als Lügendetektor einzusetzen. Er lehnte ab. Als andere Forscher die Experimente von Hess wiederholten, konnten sie seine Resultate nicht bestätigen. «Hess war ein netter Mann, aber kein sehr guter Experimentator», sagt Stuart Steinhauer vom Biometrics-Research-Programm in Pittsburgh. Er habe zum Beispiel bei der Messung der Pupillengrösse viele physische Reaktionen, die nichts mit dem Inhalt der Bilder zu tun hatten, nicht in Betracht gezogen.
Heute sind die Wissenschafter zwar über viele Aspekte der Pupillenreaktion immer noch uneins, aber zwei Dinge haben sich herauskristallisiert: Die Pupillen erweitern sich bei Interesse, unabhängig davon, ob es durch negative oder positive Bildinhalte geweckt wird. Darüber hinaus erweitern sich die Pupillen auch, wenn das Gehirn viel Information verarbeitet, etwa bei schwierigen Rechenaufgaben.
Bloss: Warum reagieren die Pupillen überhaupt auf die Vorgänge im Gehirn? Ob darin ein tieferer Sinn liegt oder ob diese Aktivität nur das Nebenprodukt eines mit anderen Dingen beschäftigten Gehirns ist, bleibt unklar.
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