NZZ Folio 10/08 - Thema: Gratis   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Im Rampenlicht

© Heinz Unger
Das Mädchenzimmer mit allerlei Schweinchen und durchgetanzten Ballettschuhen. Linktext
Eine gealterte Ballerina aus adligem Hause? Ein calvinistischer Opernintendant?Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Ein romantisch-weibliches Flair weht durch die Räume. Ein herrschaftliches Ambiente mit edlen antiken Möbeln und prunkvollen Leuchtern; hier verweisen Einrichtung und Accessoires auf Besitz und Tradition; alles ist sorgfältig gestaltet und drapiert – es handelt sich wohl um persönliche Erinnerungsstücke.

Das Ganze hat einen musealen Touch und sieht irgendwie unbenutzt aus. Farbig erblühen hier die Rosensträusse, der schmale Einblick in die Küche lässt dagegen kulinarisch nicht allzu Buntes vermuten. Residiert hier eine Dame von Welt, eingerichtet für Empfänge und Diners, die einst stattfanden?

Im Schlafzimmer findet sich eine Galerie von Ballettschuhen; war oder ist der Tanzschritt hier Laufbahn, tanzte und reiste sie einst rund um den Globus, der nun im Salon auf dem Heizungssims steht? Ist der Antikschreibtisch inzwischen Büroecke für ihre Ballettschüler? Und was nur will uns die schweinische Säulisammlung sagen? Die Farbe Rosa allein kann es nicht sein, denn in den anderen Gemächern herrscht kein Pink-Style. Hortet unsere Balletteuse all die Schweinchen als Glücksbringer für den Spitzentanz, ist es einfach ein Sammeltick oder eine spezielle Art von Tierliebe? Vielleicht hat sich unsere Bewohnerin, die vermutlich nicht mehr jugendlich ist, hier über all die Jahre ein Mädchenzimmer bewahrt.

Überhaupt bewahrt sie viele Erinnerungen, lebt hier in einem alten Familiensitz, adlige Hinterlassenschaft bis hin zum roten Kinderstuhl. Der einstige Thron unserer Tänzerin? Oder bewahrt hier jemand Andenken an die ehemalige Ballerina, die hinter dem Bühnenvorhang entschwunden ist?

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Die Bewohner lieben es stilvoll, Louis XVI ist angesagt, vom Esszimmer bis in den Salon. Selbst für die Kleinen in dieser Familie gibt es eine Kinderausführung mit rot gepolsterten Armlehnen und Sitzkissen sowie einem Joncgeflecht als Rückenlehne.

Durch den Kontrast der schwarzen Sitzpolsterbezüge mit den weissen Polstermöbeln sowie dem Salontisch, die aus jüngerer Zeit zu stammen scheinen, ist dieses Interieur, trotz Bauteilen aus unterschiedlichsten Bauetappen, frisch und geradezu heutig: Das Cheminée im Esszimmer könnte aus der Entstehungszeit des Hauses sein, vielleicht Anfang 20. Jahrhundert; geheizt wird mittlerweile mit Radiatoren, kaschiert mit einem kunstvollen Kulissenrahmen, der fast an einen Kachelofen erinnert.

Trotz calvinistischer Strenge – auf Teppiche wird komplett verzichtet, und die Vorhänge sind schnörkellos schlicht – könnte hier eine Familie aus der Westschweiz leben, die mit der leichten Muse beziehungsweise der Welt des Theaters zu tun hat. Vermutlich ist es ein Paar im mittleren Alter mit Einzelkind. Man ist zufrieden und stolz, dass die Teen­agertochter, ihrer Herkunft gebührend, auch Ballerina ist.

Das Esszimmer könnte einer Szene aus Richard Strauss «Rosenkavalier» entstammen. Wohnt hier ein Opernintendant oder eine Opernsängerin?

Interessant ist die Hängung des Kronleuchters. Er ist exakt in die optische Mitte zwischen Decke und Tisch gesetzt und erreicht so eine höchst regelmässige Lichtverteilung. Auch haben die bodenlangen Fenster keine Voiles, wodurch das Tageslicht direkt eindringen kann. Dank dem richtigen Licht lebt es sich in diesem Haus, trotz den vielen Antiquitäten, nicht wie in einem Museum.

Stefan Zwicky


Cyril Koller, Auktionator, und Familie

«Ich bin der einzige Mann im Haus, umgeben von fünf Frauen. Manchmal bin ich der blöde Papi, manchmal der liebe, so ist das eben. Grund zu klagen habe ich nicht. Das Haus ist für eine grosse Familie ideal konzipiert. Die Mädchen leben im obersten Stock, meine Frau und ich in der Mitte, und gemeinsam treffen wir uns unten im Wohnzimmer. Ruhig ist es nie, obwohl genügend Rückzugsmöglichkeiten gegeben wären. Die Kinder rufen lautstark ihre Wünsche von oben herunter. Oft sind auch noch die Freundinnen der Töchter zu Besuch, manchmal sitzen bis zu zehn Frauen um den Esstisch in der Küche, dann bedauert mich meine Frau wohl schon etwas. Unterstützung bekomme ich hin und wieder vom Freund der ältesten Tochter.

Das Haus gehörte meiner Grossmutter und stammt aus dem Jahr 1927. Wir kauften es vor rund zehn Jahren. Küsnacht ist ein schöner Flecken. Einziger Nachteil ist die Strasse vor dem Haus. Schlimm ist es morgens um 8 Uhr und zum Feierabend. Der Blick aus dem Fenster auf den glitzernden Zürichsee entschädigt aber voll und ganz. Auf der anderen Strassenseite liegt ein kleiner Park mit einem Steg, von dem aus wir oft ins Wasser springen, aber nur, wenn es warm genug ist.

Bis auf die älteste Tochter, die unter der Woche im Internat ist, wohnen alle Mädchen daheim. Meine Frau ist etwas strenger als ich. Bei schulischen Dingen gibt es bei uns beiden aber kein Pardon.

Die Tänzerin ist Jara. Sie besucht die Kunst- und Sportschule. Später möchte sie etwas mit Tanz machen, wohl eher mit modernem Tanz. Das Schweinchen ist ihr Lieblingstier. Schon als kleines Kind hat sie angefangen, Säuli zu sammeln. So wissen all ihre Freundinnen was sie ihr schenken sollen.

Ich studierte Kunstgeschichte und arbeitete bereits während des Studiums bei meinem Vater im Auktionshaus. Er gründete die Galerie Koller vor 50 Jahren. Mein Vater ist ein reiner Möbelmensch, sehr zu begeistern für Stücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Ich bin eigentlich eher der Bildertyp, aber auch ich mag das Warme der Antiquitäten, zum coolen Wohnen hatte ich immer eine gewisse Distanz. Damit es nicht zu schwer wirkt, verzichten wir auf Teppiche. Wir besitzen keine Erbstücke. Wir kaufen, was uns gefällt und zu uns passt, immer mal wieder ein neues Kunstwerk oder eine Antiquität, mal einen Stuhl, dann eine Zeichnung oder einen Silberbecher – auch in anderen Auktionshäusern. Glücklicherweise haben meine Frau und ich denselben Geschmack.

Wir pflegen einen sehr lockeren Umgang mit Antiquitäten, haben auch keine Angst, wenn mal ein Kind zu nah daran vorbeigeht. Wer den Stuhl oder Tisch vor uns besass, weiss ich in den seltensten Fällen, und das kümmert mich auch nicht so sehr. Wenn es eine königliche Familie gewesen wäre, wäre es vielleicht spannend, aber meist kommen die Möbel aus Nachlässen.

Meine Frau lernte ich bei der Arbeit in unserem Auktionshaus kennen. Mittlerweile leite ich das Geschäft, und meine Frau arbeitet drei Tage die Woche mit mir zusammen. Sie geht morgens aus dem Haus, wenn alle Kinder versorgt sind. An ihren Arbeitstagen kommt eine Haushaltshilfe, die Mittagessen kocht und die Wäsche macht.

Für unsere Mädchen ist es selbstverständlich, mit Kunst aufzuwachsen. Sie haben Freude daran. Sie kommen, ohne zu murren, an unsere Vernissagen, verteilen Häppchen und füllen die leeren Gläser auf. Natürlich machen sie das auch, weil sie damit ihr Taschengeld aufbessern können. Besonders nötig ist das für die hohen Handyrechnungen. Junia hat unglaublich viele Freundinnen und hängt ständig am Handy, keine Ahnung, was die so lange und so Wichtiges zu besprechen haben.

Wenn ich abends nach Hause komme, arbeite ich im Büro weiter. Den Unterschied ‹hier Privatleben, dort Geschäft› gibt es bei uns nicht. Die Grenzen sind fliessend. In den Ferien beantworte ich täglich eine Stunde lang Telefonate und ­E-Mails. Meine Frau hat sich damit arrangiert. Täte ich es nicht, hätte ich bei der Rückkehr 400 Nachrichten zu beantworten und wäre sofort wieder gestresst.

Am besten erhole ich mich draussen auf dem See. Wir haben ein kleines ­Motorboot. Wenn ich sonntags damit hinausfahre, lasse ich alles andere weit hinter mir.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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