NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Die Nebeltrinker

Von Herbert Cerutti

EINE WÜSTE ist per Definition eine Gegend, wo pro Jahr weniger als 150 Millimeter Regen fallen (im Schweizer Mittelland sind es um die 1000 Millimeter). Eine der extremsten Wüsten ist die Namibwüste im südwestlichen Afrika, die sich als 100 Kilometer schmales Band 2000 Kilometer entlang der gesamten Atlantikküste von Namibia erstreckt.

Eine Ursache für Namibias Wüstengürtel ist paradoxerweise der Ozean. Denn parallel zur Küste fliesst von der Antarktis her in Richtung Äquator der Benguela-Strom. Mit seiner tiefen Wassertemperatur verhindert er, dass vom Meer her Wolken ins Land ziehen und Niederschlag bringen. Da Namibia ohnehin im südlichen Hochdruckgürtel liegt, ist extreme Trockenheit programmiert.

Im trockensten Teil der Wüste Namib regnet es vielleicht einmal in zehn Jahren. Im Durchschnitt misst man weniger als 20 Millimeter Regen pro Jahr. Ein Ort also, wo man sich Leben kaum vorstellen kann. Trotzdem wimmelt es in der Dünenlandschaft der Namib von kleinem Getier, wobei dem Besucher vor allem die vielen Schwarzkäfer auffallen, die emsig über den roten Sand huschen. Wie schaffen diese Käfer die klimatische Hürde? Wo holen sie sich das lebensnotwendige Nass?

Die Namib ist vermutlich um die 20 Millionen Jahre alt. Zeit genug für Flora und Fauna, einiges für das Überleben in einer extremen Umwelt zu entwickeln. In der Namib gibt es heute eine Vielzahl endemischer Pflanzen- und Tierarten, hochspezialisierte Lebewesen also, die ausschliesslich an diesem Ort vorkommen.

Besonders aufregend für den Wüstenbiologen sind die gegen hundert verschiedenen Schwarzkäfer der Tenebrioniden-Familie; sie scheinen sämtliche Tricks gegen Hitze und Trockenheit zu kennen. Ihre wohl wichtigste Strategie ist das Sparen. Nur wer die Wasserverdunstung des eigenen Körpers extrem klein halten kann, hat eine Chance, der raschen Austrocknung zu entgehen. Der Körper der Tenebrioniden ist ein Wunderwerk der Anpassung. Die beiden Vorderflügel sind bei diesen Käfern zu einer harten, geschlossenen Deckschale verwachsen. Damit wird das Körperinnere vor übermässiger Verdunstung geschützt. Allerdings kann der Käfer nun nicht mehr fliegen - eine Aktivität, die mit ihrem hohen Bedarf an Energie und Kühlwasser in der Wüstenhitze ohnehin ein Luxus wäre.

Viel Wasser geht bei Lebewesen üblicherweise mit der ausgeatmeten Luft verloren. Dagegen sind die Tenebrioniden-Käfer der Namib gefeit. Die über den Hinterleib verteilten Atemlöcher münden in einen feuchten Hohlraum unter dem Rückenpanzer, und der gesamte Luftaustausch mit der trockenen Aussenwelt erfolgt nur über ein kleines Loch am Körperende. Regelmässig atmen die Käfer ausserdem nur, wenn sie aktiv sind. Sobald sie ruhen, schalten sie auf Spargang und machen im Extremfall nur noch alle 60 Minuten einen Atemzug. In besonders trockenen Gegenden oder Zeiten legen sich die Käfer als zusätzlichen Schutz noch einen Wachsmantel zu: Mikroporen im Chitinpanzer sondern Wachsfäden ab, die sich wie ein Haarschopf um den Körper legen und so die Verdunstung weiter reduzieren. Das von den feinen Fäden gebrochene Sonnenlicht lässt dann den Panzer der Käfer in prächtigem Dunkelblau schillern.

Trotzdem: Irgendwie müssen auch die Durstkünstler zu ihrem Wasser kommen. Viele der grösseren Wüstentiere gelangen zu Wasser, indem sie Pflanzen und kleinere Tiere fressen. Den Pflanzen selber aber und manchem Kleingetier bleibt diese indirekte Bezugsquelle verschlossen. Ihnen hilft ein Geschenk der Wüstennacht: Am Mittag kann die Lufttemperatur auf über 40 Grad Celsius steigen und der Sand sogar glühendheisse 70 Grad erreichen, nach Sonnenuntergang sinken die Temperaturen aber sehr rasch. Der nächtliche Temperatursturz bis manchmal gegen null Grad entzieht selbst sehr trockener Luft noch Feuchtigkeit - am Boden bildet sich Tau. Diese Himmelstränen sind für viele Wüstenpflanzen das einzige Nass, das sie in den regenlosen Zeiten bekommen. Käfer, Spinnen und andere kleinere Tiere profitieren davon, indem sie die taufeuchten Pflanzen und Steine belecken oder den Tau vom eigenen Körper holen, wie es Schlangen und Geckos mit ihren Zungen tun.

Nahe der Küste trägt eine weitere Laune der Natur zur Wasserversorgung der Wüstentiere bei. Wenn feuchtwarme Atlantikluft mit dem Westwind Richtung namibische Küste zieht, kondensiert die Luftfeuchtigkeit über dem kalten Benguela-Strom und treibt als Bodennebel über die Dünen bis weit ins Wüsteninnere. Dies geschieht, je nach Gegend, in 40 bis 200 Nächten pro Jahr. Denn kaum steigt die Sonne über den Horizont, verdampft die Herrlichkeit in der Wüstenhitze. Manche der küstennahen Namib-Lebewesen nutzen den Nebel als Wasserquelle, indem sie seine Feuchtigkeit wie den Tau vom Boden lecken. Was aber der Schwarzkäfer Onymacris unguicularis mit dem Nebel der Namib macht, ist derart ausgefallen, dass im Jahre 1976 die renommiertesten Wissenschaftsjournale der Welt über die von William Hamilton und Mary Seely gemachte Entdeckung berichteten.

Onymacris unguicularis lebt in den steilen, windabgewandten Rutschhängen der mächtigen Namib-Sanddünen. Dort taucht er nach Sonnenaufgang aus dem losen Flugsand auf, sucht bis etwa zehn Uhr Nahrung und entflieht dann der Hitze, indem er sich wieder einbuddelt. Erst am späteren Nachmittag, wenn ein kühlender Wind zu wehen beginnt, taucht der zwei Zentimeter grosse Käfer wieder aus dem schützenden Untergrund auf. Der Wind bringt ihm auch seine Nahrung: zerfallenes Pflanzenmaterial, Samen und tierischen Abfall wie Kot und Kadaverpartikel. Diese organischen Überreste sammeln sich an der windgeschützten Seite am Dünengleithang und sind dort für manche Käfer und Silberfischchen das einzige Futter.

Bei Anbruch der Nacht verschwindet Onymacris unguicularis wieder im Untergrund. In jenen Nächten aber, wo Nebel über die Düne streicht, kommt der Käfer im Dunkeln wieder aus dem Sand. Zielstrebig krabbelt er die Dünenwand empor, bis er auf der schmalen Krete steht. Dort stellt er sich exakt gegen den Wind, reckt das Hinterteil steil in den Nachthimmel und nimmt bis zum Morgengrauen ein Nebelbad.

Ein lebensspendendes Bad, denn die feinen Wassertröpfchen des vorbeistreichenden Nebels schlagen sich auf dem Rückenpanzer nieder, verschmelzen zu grösseren Tropfen und kullern schliesslich über spezielle Längsrinnen in Richtung Mund, wo sie vom Tier getrunken werden. Messungen haben ergeben, dass der Käfer in einer einzigen Nebelnacht bis zu 34 Prozent seines Abendgewichts trinken kann - ein Flüssigkeitskonsum, der bei einem 70 Kilogramm schweren Menschen 24 Litern Tranksame entspräche. Damit der Käfer diesen Riesenschluck überhaupt behalten kann, füllt er mit dem immer praller werdenden Leib den sonst für die Atmung reservierten Hohlraum unter dem Rückenpanzer.

Und wie versorgt sich das Tier mit Wasser, bevor es zum Käfer herangewachsen ist, also im wurmähnlichen Larvenstadium? Untersuchungen an verschiedenen Arten der Gattung Onymacris haben eine weitere erstaunliche Nebelnutzung gezeigt: Die Larven trinken den Nebel mit ihrem After. In der Wand ihres Mastdarms sitzen spezielle Zellen, die dank extrem hoher Salzkonzentration den Wasserdampf der Luft per Osmose förmlich durch die Zellwand einsaugen. Zugleich entziehen diese wasserhungrigen Zellen am Darmende auch den Fäkalien die Flüssigkeit, damit das wertvolle Nass nicht mit dem Kot wieder ausgeschieden wird.

Der Überraschungen noch nicht genug, haben wiederum Hamilton und Seely bei den Tenebrioniden der Gattung Lepidochora ein einzigartiges Verhalten entdeckt. Gezielte Beackerung des Wüstenbodens führt zu einer Steigerung der Nebelernte: Die mit ihrem abgeplatteten Panzer wie fliegende Untertassen über den Sand huschenden Schwarzkäfer ziehen in Nebelnächten auf dem Windhang der Düne quer zur Windrichtung lange Gräben. In diesen Vertiefungen mit ihren steilen Rändern bleiben mehr Nebeltröpfchen hängen als im umliegenden flachen Sand. Wenn die Käfer am Ende der Bauarbeit wieder entlang der Gräben zurückwandern, können sie den Nebel mit dem Mundwerkzeug ernten und ihren Wasserbedarf decken.


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