Der Kopf glüht, die Glieder sind schwer, der Hals schmerzt: Eine Grippe, die sich zu einer Lungenentzündung auswachsen könnte, diagnostiziert der Doktor und kritzelt etwas auf den Rezeptblock. Das Bewusstsein vom Fieber wie in Watte gepackt, betritt man bald darauf die Apotheke und sucht in einem Anflug von Verzweiflung nach dem kleinen weissen Stück Papier, das einem Erlösung versprach. Doch man hat es verloren oder in der Praxis vergessen. Auch den Krankenkassenausweis trägt man nicht auf sich. Ohne Rezept und Ausweis könne sie einem die verschriebene Medizin nicht geben, sagt die Apothekerin.
In Dänemark kann einem das nicht passieren. Dort ist das Rezept immer schon in der Apotheke angekommen, wenn der Patient die Türklinke drückt. Die 3500 dänischen Familienärzte, die sich um die Gesundheit der 5,3 Millionen Dänen kümmern, können ihre Rezepte am Computer verfassen und per E-Mail direkt der Apotheke schicken, wo man die Medikamente nur noch abzuholen braucht. Liegt die Grossmutter krank im Bett und ist ihre dringend benötigte Medizin aufgebraucht, genügt ein Anruf beim Arzt; der sendet eine E-Mail an die Apotheke, wo der fürsorgliche Enkel die Medizin entgegennimmt. Wohnt man in einem abgelegenen Ort, wo es keine Apotheke gibt, wird das Medikament in den Dorfladen geschickt.
So einfach geht das im Staate Dänemark, auf den manche hiesigen Gesundheitspolitiker etwas neidisch schauen. Das kleine Land im Norden Europas setzt seit den späten 1980er Jahren im Zeichen von Patientenfreundlichkeit und Effizienz ganz auf die Informationstechnologie und nimmt heute im Bereich der E-Health, also bei der Zusammenführung von Medizin und Internet, neben den anderen skandinavischen Staaten, den USA, Kanada und Grossbritannien eine Spitzenposition ein.
Durchaus stolz sagt Ib Johansen, dass im dänischen Gesundheitssektor pro Monat über drei Millionen Dokumente auf elektronischem Wege versandt würden. Johansen ist stellvertretender Chef von Medcom (www.medcom.dk), einer staatlichen Organisation, die dafür sorgt, dass der Datenfluss zwischen Ärzten, Patienten, Spitälern, Apotheken, Labors, Röntgenstationen, Heimpflegern und der Gesundheitsadministration reibungslos funktioniert und stetig ausgebaut wird.
Ein Drittel der elektronischen Post betrifft Rezepte; ein Viertel Entlassungsschreiben der Spitäler, also Meldungen an den Arzt, die Heimpflege oder die Gemeinde, dass der Patient wieder nach Hause geschickt worden ist; ein Fünftel Labortests; dann folgen sonstige Mitteilungen und Abrechnungen. Das dänische Gesundheitswesen ist zu 85 Prozent steuerfinanziert – direkt aus der eigenen Tasche zahlen die Patienten lediglich etwa Medikamente bis zu einem bestimmten Preis oder Zahnarztkosten.
Nicht allein das Medizinpersonal hat Zugriff auf E-Health, sondern auch der Patient. Dafür stehen ihm verschiedene Homepages zur Verfügung, die ihm Informationen über Medikamente, Krankheiten und ihre Behandlung bieten: www.netdoktor.dk, www.medicinprofilen.dk, www.interaktionsdatabasen.dk oder www.dkma.dk. Das von der dänischen pharmazeutischen Gesellschaft finanzierte, nicht profitorientierte Portal «Sundhed» (Gesundheit), das vor zwei Jahren aufgeschaltet wurde, führt die Angebote zusammen: Bei www.sundhed.dk findet man allgemeine Hinweise zum dänischen Gesundheitswesen, zu Ärzten und Spitälern, und man kann sich auch mit seinem eigenen Doktor in Verbindung setzen, falls er Internetkonsultationen anbietet. Wer seine persönliche Gesundheitsseite aufrufen will, benötigt ein Passwort und eine digitale Signatur. Die dafür notwendige Software lädt man gratis herunter und installiert sie auf dem PC.
Jan Petersen, der in der Abteilung Gesundheitsinformatik des nationalen Gesundheitsausschusses arbeitet und für die Strategie des dänischen E-Health-Systems mitverantwortlich ist, klickt sich durch das Angebot: «Ich kann meinem Arzt E-Mails schicken und ihn um Rat fragen, so wie ich das auch telefonisch tun könnte. Aber E-Mail hat den Vorteil, dass die Leitung nie besetzt ist.» Weil man diese Art der ärztlichen Beratung fördern will, verdient der Doktor mehr daran, als wenn er auf herkömmliche Weise Ratschläge erteilt. Mit Hilfe eines online verfügbaren Kalenders kann man auch gleich einen Arzttermin vereinbaren.
Und von den persönlichen Gesundheitsdaten, die man auf www.sundhed.dk einsehen kann, ist die Einwilligung zur Organspende auch nur einen Klick entfernt. Zudem lassen sich Wartelisten von Spitälern – ein leidiges Thema in Dänemark – abfragen. Bald sollen auch die Resultate von Qualitätskontrollen und von Patientenumfragen zur Zufriedenheit mit den Leistungen der 63 staatlichen Spitäler veröffentlicht werden – eine solche Offenlegung wäre in der Schweiz zurzeit schlicht undenkbar.
«Besonders nützlich finde ich die Medikamentengeschichte», sagt Petersen. Hinter diesem Link stecken die Angaben über alle Medikamente, die einem verschrieben worden sind. Für ältere Menschen oder solche, die an schweren Krankheiten wie Krebs oder Aids leiden und deshalb täglich viele Medikamente einnehmen müssen, sei diese Datei hilfreich, um den Überblick zu behalten. Doch wenn nur der Kranke selber Einblick in seine Rezepturen hätte, wäre noch nicht viel für die Effizienz des Gesundheitswesens gewonnen. Daher haben auch die Ärzte, die den Patienten im Spital oder der Privatpraxis behandeln, Zugang zu dieser Datenbank. «So ist schnell entdeckt, wenn ein Medikament nichts nützt», sagt Petersen. Da der Patient im Internet auf seiner Gesundheitsseite sieht, wer sich wann für seine Medikamente interessiert hat, ist auch für Transparenz gesorgt. Das verhindere Missbrauch, sagt Petersen.
Überhaupt Missbrauch: Wo der dem Staat gegenüber miss trauische und vom Fichenskandal traumatisierte Schweizer die Augen verdreht, zuckt der Däne gelassen die Schultern. Datenbanken im Bereich der Gesundheit, in denen Labortests, Krankengeschichten und anderes mehr gespeichert werden, gelten bei Datenschützern gemeinhin als heikel, da sich ein unberechtigter Eindringling mit einem einzigen erfolgreichen Hack Zugang zu vielen höchst persönlichen Daten verschaffen könnte.
Viele Staaten, die ebenfalls auf den E-Health-Zug aufspringen wollen, bevorzugen deshalb die sogenannte elektronische Gesundheitskarte. Anstatt auf zentralisierten Datenbanken wie in Dänemark werden die Patientendaten (etwa Blutgruppe und Allergien) auf einer Karte gespeichert, die in der Verfügungsmacht des Patienten selber steht. In Deutschland soll ein solches System nächstes Jahr eingeführt werden, in der Schweiz wird ab 2008 das Konzept der Versichertenkarte umgesetzt, das den Zahlungsverkehr mit den Krankenkassen vereinfachen soll.
Die Dänen haben Abstand von der Idee der Gesundheitskarte genommen. «Denkt man das konsequent zu Ende, müssten alle Gesundheitsdaten auf der Karte sein», sagt Petersen. «Das bringt zum einen technische Probleme mit sich, denn es lassen sich nicht beliebig viele Daten auf einem Chip speichern. Zum andern ist nicht gewährleistet, dass die Daten immer dem aktuellen Gesundheitszustand ihres Trägers entsprechen; er müsste sie immer wieder aufdatieren lassen. Und was geschieht, wenn der Patient sie nicht bei sich hat, zum Beispiel bei einem Unfall?» Die Lösung mit zentralen Datenbanken erachtet man in Dänemark deshalb als zweckmässiger.
Ganz ohne Gesundheitsausweis kommen aber auch die Dänen nicht aus. Doch auf ihrer Karte sind nur die Adresse des Trägers, des Familienarztes und die zentrale Personenregisternummer vermerkt. Diese Nummer, bestehend aus Geburtsdatum und einer zusätzlichen vierstelligen Ziffer, wurde vor 40 Jahren in Dänemark eingeführt. Damit beziehen die Dänen nicht nur Medikamente, sie benötigen die Nummer auch beim Kauf eines Hauses, beim Ausleihen von Büchern, beim Umzug und vielen anderen Geschäften des täglichen Lebens. Nicht ohne Grund gilt Dänemark als ein Paradies für Statistiker. Denn hier lässt sich anhand dieser Personenregisternummer der Lebenslauf der Bürger von der Geburt bis zum Tod verfolgen. Und genaue Statistiken stellen im Kampf gegen ineffiziente Gesundheitssysteme ein hilfreiches Instrument dar.
Was den potentiellen Missbrauch der Gesundheitsdaten banken betrifft, verweist Jan Petersen zum einen auf das strenge dänische Datenschutzgesetz und zum anderen auf die menschliche Natur: «Wo Menschen sind, wird immer Missbrauch getrieben. Man macht es ihnen ja auch leicht: Der eine klebt sein Passwort auf einem Post-it an den Computerbildschirm, ein anderer loggt bei einem gemeinschaftlich verwendeten PC in einem Spital nicht aus und ermöglicht so seinen Kollegen, Einblick in Verbotenes zu erhalten. Das System ist nur so sicher, wie sich die Menschen verhalten, die sich darin bewegen.»
Ib Johansen von Medcom kann sich lediglich an zwei Fälle von Missbrauch erinnern: Einmal habe ein Spitalangestellter die Krankenakte seines Medizinprofessors angeschaut. Und ein andermal sei ein konservativer Politiker mit dem Auto betrunken in einen Betonpfeiler gefahren, worauf sich die Polizei unberechtigterweise Zugang zu seinen Daten verschafft habe. «Aber es ist ein Mythos, dass ein IT-basiertes Gesundheitssystem weniger sicher ist als eines, das mit Papier arbeitet. Das Gegenteil trifft zu. Wie will zum Beispiel ein Drogenabhängiger ein Narkotikarezept für einen Kollegen kopieren, wenn er es gar nie in der Hand hat?» Es sei vernünftiger, medizinische Dokumente per E-Mail zu verschicken als per Fax: Schnell hat sich die Laborgehilfin bei der Nummernwahl vertippt, und die Testresultate werden im Faxgerät irgendeiner Firma ausgedruckt anstatt beim Arzt.
Vor Missbrauch schützt auch das Konsensprinzip. Der Patient muss in allen Fällen seine Einwilligung geben, wenn seine Daten von einer Stelle zur anderen im weitverzweigten System des Gesundheitswesens verschickt werden. Dazu müssen nicht übertriebene Formalien eingehalten werden: Eine Frage des Arztes und ein Ja des Patienten genügen. «Es nützt doch dem Kranken auch, wenn seine Laborwerte möglichst rasch, unkompliziert und fehlerfrei im Spital oder beim Spezialisten ankommen», sagt Ib Johansen. Deshalb gebe es mit der Einwilligung kaum je Probleme.
Auch die Ärztin Louise Rabøl, die sich am Spital des Kopenhagener Vororts Hvidovre um die Patientensicherheit kümmert, weiss von keinen Nachteilen zu berichten, die E-Health mit sich bringen würde. Sie beschäftigt sich lieber mit der Zukunft: der computerisierten Medikamentenverschreibung, die zurzeit in Dänemark eingeführt wird. Dabei helfen dem Arzt Computerprogramme, die richtige Medizin für seinen Patienten zu finden: Mit Alarmmeldungen weisen sie ihn auf Unverträglichkeiten mit bereits verschriebenen Medikamenten oder auf Allergien hin. «Diese Programme haben das Potential, Fehler bei der Verschreibung deutlich zu reduzieren», sagt Rabøl.
Doch die Einführung der IT-Systeme im Gesundheitswesen erfordert hohe Investitionen. Soeben wurden 1,2 Milliarden Kronen (rund 250 Millionen Franken) bewilligt, um die Kopenhagener Spitäler entsprechend aufzurüsten. Das regelmässige Aufdatieren der Hard- und Software beansprucht durchschnittlich 20 Prozent des Budgets eines Familienarztes. Rechnen sich diese Ausgaben?
Das sei schwierig abzuschätzen, sagt Ib Johansen von Medcom, da sich die finanziellen Vorzüge des Systems nicht unmittelbar zeigten. Untersuchungen würden aber darauf hindeuten, dass sich durchaus Kosten reduzieren liessen. Zum Beispiel gebe es seit der Einführung der national standardisierten Auswertung von Labortests weniger Fehler. Bisher hätten 18 Prozent aller von Hand beschrifteten Testergebnisse nachkorrigiert werden müssen. Seit alle Labors dasselbe Formular im Internet benutzten, sei die Fehlerquote auf zwei Prozent gesunken. Die Folge: Einsparungen von über 100 Millionen Kronen (rund 20 Millionen Franken) pro Jahr. Und mit der konsequenten Weiterverweisung eines Patienten vom Familiendoktor an ein Spital oder einen Spezialisten per E-Mail anstatt per Fax oder Brief würden jährlich rund 5,4 Millionen Franken gespart.
Der Arzt muss zwar für die sorgfältige Eingabe der Daten etwas mehr Zeit aufwenden, als wenn er sie ins Diktiergerät spricht – dafür muss er im Schnitt eine Person weniger beschäftigen, da er die Arbeit selber am Computer erledigt. Auch die Empfänger der Nachricht verzeichnen einen Effizienzgewinn: Bei den von Hand geschriebenen Weiterverweisungen braucht es in acht Prozent der Fälle wegen Unleserlichkeit Rückfragen beim Arzt.
Aber nutzen nicht vor allem Ärzte, Apotheker und Laborangestellte die verlockenden Möglichkeiten des Internets? Was ist mit den Patienten? Klicken viele www.sundhed.dk an? Johansen schüttelt den Kopf und deutet mit Daumen und Zeigefinger eine kleine Menge an: Nur wenige Dänen surfen auf das Gesundheitsportal, um sich per E-Mail medizinisch beraten zu lassen. Doch das werde sich ändern, davon ist er überzeugt. Jüngere Menschen würden Informationen immer öfter im Internet suchen – und auch finden. Ob er denn selber mit seinem Arzt per E-Mail verkehre? «Nein», sagt Johansen und lacht. «Meinen Doktor will ich persönlich sehen.»
Markus Hofmann ist Inlandredaktor der NZZ; er lebt in Zürich.
Er ist bei der Concordia versichert (HMO-Modell, 2500 Franken Jahresfranchise) und zahlt im Monat 178 Franken Prämie.