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NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

10 Gramm auf Fernflug

Ein Teichrohrsänger, nicht schwerer als ein Fünffrankenstück, überquert auf dem 6000 Kilometer langen Flug in sein Winterquartier 2000 Kilometer Wüstengebiet. Wie schafft ein junger Vogel die unglaubliche Wanderung zwischen Europa und Afrika?

Von Bruno Bruderer

Ein Teichrohrsänger weiss, wohin er fliegen muss, wenn er als Jungvogel zum ersten Mal von Europa Richtung Afrika aufbricht. Die Zugrichtung ist ihm angeboren: Wenn man ihn ohne seine Eltern aufzieht, aber ihm ermöglicht, das natürliche Magnetfeld, den Sonnengang, den Sternhimmel zu erleben, dann kann er sich orientieren. Auch wann er abreisen soll, ist in einem inneren Programm festgelegt.

Sich für eine grosse Wanderung vorbereiten heisst in erster Linie: den Rucksack packen. Damit er den langen Weg bewältigen kann, legt ein Zugvogel Fettreserven an. Für den Teichrohrsänger sind es rund 6000 Kilometer von Mitteleuropa bis in die Feuchtgebiete zwischen Sahel und tropischem Regenwald. Er fliegt nachts. Der Langstreckenflug während des Tages ist wegen der Luftturbulenzen zu energiezehrend. Den Tag kann er nicht nur zum Ausruhen nutzen, sondern in günstigen Rastgebieten auch zur Nahrungsaufnahme.

Der kürzeste Weg wäre der über die Alpen und direkt südwärts übers Mittelmeer. Doch die Mehrheit der Zugvögel fliegt südwestwärts und fliegt damit eher den Alpen entlang als darüber hinweg. Die rund 700 Kilometer übers offene Meer zwischen der Camargue und der algerischen Küste können die Vögel bei Rückenwind in etwa 15 Stunden zurücklegen. Unerwartet auftretende Gegenwinde oder gar Stürme über dem Meer führen aber immer wieder zu Ausfällen unter den direkt südwärts fliegenden Vögeln. Da nur die Überlebenden ihr Erbgut weitergeben können, wird der risikoärmere Weg über die Iberische Halbinsel durch natürliche Selektion bevorzugt. Der nächtliche Singvogelzug ist über dem spanischen Festland viel stärker als etwa auf den Balearen. Noch viel deutlicher als der Nachtzug konzentriert sich der Zug der grossen, tagsüber fliegenden Segelflieger, wie etwa der Störche und Greifvögel, auf die iberische Landbrücke. Sie sind auf thermische Aufwinde angewiesen und meiden deshalb den Flug über grosse Wasserflächen.

Als ob das Mittelmeergebiet nicht bereits genügend Schwierigkeiten böte, schliesst sich weiter südlich die Sahara an, ein riesiges Gebiet, in dem auf weite Strecken kein Wasser und kaum Nahrung zu finden ist. Um dieses Hindernis voll aufgetankt zu überqueren, verdoppelt der Teichrohrsänger sein Gewicht. Wie er aber den Flug über die Sahara bewältigt, ist bis heute ein Geheimnis.

Die Zugforschung an der Schweizerischen Vogelwarte ist seit 1980 auf die Hindernisse im Weg der Zugvögel ausgerichtet. Zum Vogelzug über Europa mit Alpen und Mittelmeer wissen wir bereits relativ viel. Ringfunde zeigen, dass westeuropäische Vögel mehrheitlich Richtung Südwesten ziehen und Osteuropäer Richtung Mittleren Osten. Nur selten wird aber ein Vogel im Winterquartier südlich der Sahara gefunden, und auch wenn viele in der Sahara umkommen, ist in der Regel niemand da, der sie finden könnte.

Am schönsten wäre es natürlich, man könnte einen Vogel mit einem kleinen Radiosender ausrüsten und über Satellit seinen ganzen Flugweg verfolgen. Das hat man mit grossen Vögeln, etwa mit Störchen, tatsächlich erfolgreich gemacht. Aber auch die kleinsten Sender sind noch 20 bis 30 Gramm schwer, und ein Teichrohrsänger wiegt vielleicht 10 Gramm. Satellitentelemetrie ist also für die Erforschung des Kleinvogelzuges nicht geeignet. Wir müssen deshalb ein Mosaik aus verschiedenen Informationen zusammensetzen.

Da sind etwa die grossräumig koordinierten Mondbeobachtungen. Dazu richtet man ein Fernrohr auf den Mond und notiert Standort und Zeit sowie die Richtung und Silhouettengrösse der vor der Mondscheibe passierenden Vögel. Daraus lassen sich die effektiven Flugrichtungen und Zugdichten berechnen. Eine relativ billige Methode, bei der Hunderte von Leuten mitmachen können. In einer guten Herbstzugnacht überqueren im schweizerischen Mittelland in einer Stunde etwa 2000 Vögel eine Linie von einem Kilometer. Das wären auf 50 Kilometern Breite 100 000 pro Stunde oder rund eine Million Vögel zwischen Alpen- und Jurarand in einer ganzen Nacht. Unser Mitarbeiternetz reicht inzwischen bis hinunter nach Südspanien und Marokko, im Südosten bis Bulgarien.

Mondbeobachtung funktioniert natürlich nur in klaren Nächten um Vollmond, deshalb nutzen wir als weitere Methoden Radar- und Infrarotbeobachtungen. Mit einer guten Infrarotkamera kann man einen Kleinvogel bis 3000 Meter Höhe erfassen, mit Mondbeobachtung je nach Mondhöhe bis etwa 1500 Meter.

Herzstück unserer Zugforschung sind Beobachtungen mit dem Zielfolgeradar «Superfledermaus». Mit einem solchen Gerät lässt sich ein einzelner Kleinvogel bis zu einer Distanz von etwa 5 Kilometern automatisch verfolgen. Dabei wird seine Position im Sekundentakt im Computer registriert, sein Flugweg erscheint auf dem Bildschirm, und das Flackern des Radarsignals widerspiegelt die Flügelschlagbewegungen des Vogels.

Der kleine Teichrohrsänger fliegt mit einer Schlagfrequenz von etwa 18 Schlägen pro Sekunde. Seine Fluggeschwindigkeit beträgt ohne Windeinfluss etwa 10 Meter pro Sekunde. Entsprechend dem charakteristischen Wellenflug der Singvögel wechseln sich auch beim Teichrohrsänger Schlagphasen und Pausen von je etwa einer halben Sekunde ab. Wasservögel und Watvögel schlagen dagegen ohne Unterbruch. Grosse Vögel schlagen mit den Flügeln langsam, kleine entsprechend rascher. Wenn wir also einen Vogel mit dem Radar verfolgen, können wir eine grobe Artenzuteilung vornehmen. Mit der «Superfledermaus» kann man aber nicht nur Einzelvögel verfolgen und ihr Flugverhalten kontrollieren, man kann auch eine Halbkugel über dem Radar systematisch abtasten und so feststellen, wie viele Vögel in diesem Raum fliegen und wie sie verteilt sind.

Auch Fang und Beringung haben an der Vogelwarte eine grosse Tradition. Bei jedem gefangenen Vogel können wir beurteilen, in welchem Körperzustand er sich befindet; eine einfache Vergleichsskala erlaubt zum Beispiel, seine Fettreserven und die Stärke seines Brustmuskels zu schätzen. Physiologische Methoden zeigen, ob ein Vogel zurzeit Eiweiss, Fett oder Zucker abbaut oder ob er sich in einer Aufbauphase befindet.

All diese Methoden sollen nun im Saharaprojekt kombiniert eingesetzt werden. Grobe Schätzungen deuten darauf hin, dass im Herbst jeweils etwa fünf Milliarden Vögel die Sahara überqueren. Das wollen wir zumindest in der westlichen Sahara überprüfen. Wir wollen zudem wissen, ob der Zug auf der ganzen Breite von Mauretanien in homogener Dichte verläuft oder ob er zum Beispiel der Küste entlang oder im Bereich eines von Norden nach Süden verlaufenden Höhenzuges konzentriert ist.

Fliegen die Vögel ohne Rast über die ganze Sahara hinweg, wie es von manchen Forschern postuliert wird, oder landen sie? Ändert sich dieses Verhalten in Abhängigkeit von der Vegetation oder im Zusammenhang mit Wind und Wetter? Wenn sie landen, streben sie lediglich nach Schatten, um zu ruhen, oder suchen sie Vegetation mit Aussicht auf etwas Nahrung? Um dies zu erfahren, werden wir auch Zählungen von rastenden Vögeln in den verschiedenen Lebensräumen der Wüste vornehmen, und wir beobachten das Verhalten einzelner Vögel im Tagesverlauf.

Im Frühling und Herbst 2003 wollen wir je eine feste Forschungsstation an der mauretanischen Küste und eine etwa 600 Kilometer weiter östlich in der Wüste einrichten. Mit einer mobilen Station sammeln wir Stichproben an verschiedenen Stellen dazwischen und fahren dann so weit ostwärts in die Wüste, wie es geht. Jede Station wird mit einem Radargerät sowie mit einer Equipe für Fang, Beringung und Feldbeobachtung ausgestattet. Das Projekt wird von verschiedenen Firmen und Stiftungen unterstützt, unter ihnen der Schweizerische Nationalfonds. Die Radargeräte wurden uns bei der Ausmusterung samt Reparaturmaterial kostenlos von der schweizerischen Armee überlassen.

Professor Bruno Bruderer ist Leiter der Zugforschung an der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach.

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