IN EINEM Spiegelkabinett sitzen A und B sich gegenüber. Sie tragen Perücken und Hemden mit weiten Ärmeln; statt eines Hosenlatzes haben sie einen Schurz so weit wie von hier bis Ostern; statt eines Wamses tragen sie Kamisölchen, die ihnen kaum bis zum Nabel reichen, und statt des Kragens ein grosses Halstuch mit dazu noch Trichter von Spitzen an den Beinen und überall Bänder, dass es einen erbarmen kann.
A: Wie? Du willst also, dass man sich bindet und bei der erstbesten Liebe, die einen erfasst, ausharrt, dass man um ihretwillen auf die Welt verzichtet und für niemand mehr Augen hat? Nein; Beständigkeit ist nur für alberne Tröpfe gut; alle Schönen haben das Recht, uns zu verzaubern.
B: Ich kann keine Frauen mehr sehen noch hören. Ich verstehe die Schöpfung nicht. War es nötig, dass es zwei Geschlechter gibt? Ich habe darüber nachgedacht: über Mann und Weib, über die unheilbare Wunde des Geschlechts. Auf alles war ich gefasst, aber nicht auf Langeweile. In meinen Armen sind alle so ähnlich, zum Erschrecken gleich.
A: Langeweile? Das ganze Vergnügen der Liebe beruht doch auf dem Wechsel. Das Erwachen einer Zuneigung bringt einen unerklärlichen Zauber mit sich. Es ist die höchste Wonne, durch hundert Huldigungen das Herz einer jungen Schönheit zu überreden, durch Liebeserklärungen, Tränen und Seufzer die Scheu eines unschuldigen Herzens zu bekämpfen.
B: Ich habe geliebt. Ich erinnere mich. Als ich sie zum erstenmal sah, bin ich auf die Knie gesunken, auf jener Treppe. Wie vom Blitz getroffen. So sagt man doch? Ich werde das nie vergessen: Wie sie Fuss vor Fuss auf diese Stufen sinken liess, Wind im Gewand. Unter dem Schleier sah ich den Glanz zweier Augen, blau. Ich hatte nicht den Atem, um sie anzusprechen. Das war die Liebe, ich glaube, das war sie. Zum ersten und zum letzten Mal.
A: Ich fühle ein Herz in mir, als könnte ich die ganze Erde lieben; und wie Alexander wünschte ich, es gäbe noch andere Welten, um auch dorthin auf Eroberungen auszuziehen. Nie könnte ich mich dazu aufraffen, mein Herz in vier Wänden einzusperren. Es gehört allen Schönen, an ihnen liegt es, es sich reihum zu nehmen. Im übrigen genügt mir der Glaube, dass zwei und zwei vier sind; und vier und vier acht.
B: Hast du es auch erlebt, das nüchterne Staunen vor einem Wissen, das stimmt? Ich sehne mich nach dem Nüchternen, dem Genauen. Vor einem Kreis oder einem Dreieck habe ich mich noch nie geschämt, nie geekelt. Nichts Grösseres habe ich erlebt als dieses Spiel, dem Sonne und Mond gehorchen. Ich bin voll Liebe, voll Ehrfurcht . . .
A: Das nun gerade nicht! Ich verschaffe mir unter dem allseits geachteten Mantel der Religion die Freiheit, der schlechteste Mensch der Welt zu sein. Keineswegs gedenke ich, meine süssen Gewohnheiten aufzugeben; ich werde nur Sorge tragen, dabei unbemerkt und frei zu bleiben.
B: Gerade in der Liebe ist doch keine Freiheit! Kein Bann der Kirche und keine Klinge der Welt haben mich je zum Zittern gebracht; aber eine Frau bringt mich jeden Tag dazu. Und womit eigentlich? Ich sehe bloss, dass ich über das Lächerliche nicht mehr zu lächeln vermag. Im Ernst, mein Unwille gegen die Schöpfung ist lebhafter denn je.
A: Nein, nein; dass ich imstande sei zu bereuen, soll niemand sagen können, was auch kommen mag. Los, folge mir.
A erhebt sich und verlässt das Kabinett. B ist mit einemmal verschwunden; nicht nur wegen des Zeitsprungs von 288 Jahren.
A ist der Titelheld aus Molières «Don Juan ou le Festin de Pierre» (1655); B jener von Max Frischs «Don Juan oder die Liebe zur Geometrie» (1953).