An Kraftakten, die ihresgleichen suchen, ist die russische Geschichte nicht arm. Iwan der Schreckliche eroberte den Osten für das Imperium, Peter der Grosse liess die Sümpfe an der Newa trockenlegen, um da seine Metropole zu errichten, Stalin schwang sich auf zum Herr über ein Gefängnis, in das er ganze Völker sperrte.
Die Kehrseite solcher Gewaltsunternehmen ist die Depression, die Russland immer wieder heimgesucht hat und auch wohlgemeinte hochfliegende Pläne im Sand verlaufen liess. Vertraut aus der russischen Literatur ist uns die Figur des Salonrevolutionärs, der sich und das Land und die Welt retten will und schliesslich daran verzweifelt, dass auch in ihm ein Oblomow steckt, der lieber liegenbleibt und philosophiert.
Sind wir jetzt Zeugen eines Aufbruchs, der für einmal nur gewaltig, nicht gewalttätig ist? Was Moskau angeht, spricht einiges dafür. Die russische Kapitale - die grösste Stadt des Kontinents - ist neben Berlin derzeit Europas grösster Bauplatz. Das ist nicht nur für den offenkundig, der noch das leichenstarre Moskau der Breschnew-Ära in Erinnerung hat und sich ob des Kontrastes ungläubig die Augen reibt. Was immer man als Massstab nimmt, Bodenpreise, Bauvolumen, Dekadenz: Moskau ist Europas neues Eldorado. Für jemanden aus der Provinz - und das heisst für fast alle Russen - bleibt die eigene Hauptstadt so unerreichbar fern wie Paris.
Wird Moskaus Boom weitergehen, das Erreichte Bestand haben? In einem Punkt unterscheidet sich der neue russische Kraftakt von früheren, findet er doch statt in einer Welt, in der die Isolation vom globalen Geschehen nicht länger möglich ist. Das ist keine hinreichende, aber eine notwendige Bedingung, soll der Aufschwung nicht in erneuter Lethargie enden wie so oft schon. Die Menschen reisen, der Markt tut das seine.
Paris war, wie Walter Benjamin gesagt hat, die Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts, New York ist die des zwanzigsten. Wird Moskau die des einundzwanzigsten sein? Am Willen, das steht ausser Frage, fehlt es nicht. Peter Haffner Die Bilder in diesem Heft stammen von Gerd Ludwig, der das neue Moskau über längere Zeit mit der Kamera erkundet hat.