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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn das Erdöl tiefer im Boden wäre
Von Franz Zauner
Vor 150 Millionen Jahren war das Wetter gut für Öl. Die Hitze brütete Myriaden kurzlebiger Organismen aus, die nach ihrem Ableben als toter Kohlenstoff beständig in die sauerstofflosen Tiefen der Ozeane hinabrieselten. Dort unten herrschten genau der richtige Druck und die nötige Temperatur, damit aus dem organischen Faulschlamm Kerogen entstand. Dieser Erdölrohstoff wurde von den Erdkräften gerüttelt und geschüttelt, bis er als schwarze, zähe Flüssigkeit in jenen unterirdischen Lagern zusammenlief, die seit 150 Jahren geleert werden.
Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts sprudelten in Pennsylvania die ersten Quellen. Bald drehte sich alles um den energiereichen Zaubersaft. Die Potentaten der jüngeren Geschichte befeuerten ihren Wahnwitz mit ihm. Die zweite Entdeckung des Feuers brachte aber auch Wohlstand und befreite von vielen Sorgen, wenn auch nicht von der einen: dass irgendwann kein Öl mehr da sein könnte. So weit eine kurze Geschichte der Kohlenwasserstoffe.
Für unser Gedankenexperiment benötigen wir eine Natur, die sich ein wenig mehr anstrengt. Ein paar eindringlichere Erdfaltungen da, einige undurchlässige Steindeckel dort, schon sind die Kohlenwasserstoffe besser versteckt und schwerer zu finden. Die Massenware Öl verwandelt sich in eine Kostbarkeit, die in Goldflacons vertrieben wird. Und wer sich das Öl geologisch wegdenkt, muss wahrscheinlich auch Nein zur Kohle sagen, die auf ähnliche Weise entsteht. Mit der Folge, dass Solaranlagen stehen, wo sich heute Ölpumpen drehen.
Elektrizität und Batterien kennt man im 19. Jahrhundert schon, aber ein energetisches Aufputschmittel fehlt jetzt. Es gibt nur Sonne, Wasser und Wind, die schwächlichen Verwandten der schwarzen Energieträger. Statt in einen munteren Innovationsgalopp verfällt Europa in einen gemächlichen Entwicklungstrab.
Wer Glück hat, lebt heute in einem Schweizer Hügelhaus. Die patentierte Kleinkraftwerksburg zieht durch blosses Herumstehen in der Landschaft geduldig Watt um Watt aus ihren Windrädern, Kollektoren und Biomasseöfen, heizt sich im Winter auf, kühlt sich im Sommer ab und wäre in all ihren klimatisch angepassten Versionen gleichermassen Sinnbild älplerischer Genügsamkeit wie Exportschlager. Seit der Entdeckung der Photovoltaik sind für die Energieversorgung im Weltmassstab vorwiegend die Wüstensöhne zuständig. Die Norweger fördern kein Nordseeöl, sondern pumpen Wasser mit billigem Sommerstrom in ihre zahllosen, in den Klüften der Küstengebirge drapierten Speicherkraftwerke. Im Winter liefern sie teuren Spitzenstrom nach Europa.
Am Höhepunkt der Ölzeit in den 1960er Jahren dachte kein Mensch an Energie. In der Solarwelt denkt man an nichts anderes. Alarme fiepen und schrillen los, wenn Lichter zu lange brennen oder sich Elektromotoren überanstrengen. Die Bahn gewährt Rabatte an wolkenlosen Tagen im Sommer. In jedem noch so kleinen Flüsschen surren zahllose Turbinen. Vielleicht findet sich eine Studie, die attestiert, dass die Schweizer Jugend öfter an Energiesparen denkt als an Sex.
In der Ölwelt braucht jeder Europäer täglich fünf Liter Rohöl, Amerikaner genehmigen sich das Doppelte. Da der Verbrauch von Solarstrom die Menschen nicht zwangsläufig bessert, dürfen wir auch beim Solarflächenbedarf von ungleichen Verhältnissen ausgehen.
Die Sonne liefert 1100 Kilowattstunden gratis pro Jahr und Quadratmeter. Das hat man auch in der Ölwelt bemerkt. Ihre allerneuesten Laborwunder – Solarzellen mit ausgeklügelten Glasschliffen und revolutionär dotierten Halbleitern – treiben die photovoltaischen Wirkungsgrade in Richtung 50 Prozent. Im Wochentakt verspricht ein Startup, dass sich die solare Ernte dank seiner bahnbrechenden Akkumulatorentechnologie auch ordentlich einlagern lässt. Was die Ölwelt schafft, kann die Solarwelt schon lange. Sie hatte schliesslich nichts Besseres zu tun.
2008 ist der Strom in der Solarwelt billig genug, damit er endlich einmal so ausgelassen vergeudet werden kann wie das Öl in den 1960er Jahren. Der Planet swingt, die vier oder fünf Milliarden Köpfe zählende Menschheit entspannt sich. Individuelle Freiheit liegt in der Luft, am Horizont zeigen sich mehr Chancen als Gefahren. Wann gab es das zuletzt in der Ölwelt – eine Aufbruchstimmung? Auch in der Solarwelt muss sich zeigen, wie viel Verschwendungspotential im vorherrschenden Energieformat steckt.
Doch irgendwann werden die unterirdischen Ölseen doch entdeckt. Gewiss behaupten die behäbigen Solarkonzerne, dass eine Ölinfrastruktur unerschwinglich sei. Aber neue Fördermethoden drücken den Ölpreis auf 300, vielleicht sogar 200 Dollar pro Fass. Plötzlich rechnen sich Pipelines und Tankstellennetze.
Vielleicht kommt der Öldämon als Freund. Manchmal stöhnt auch die Solarwelt unter Regenjahrzehnten und Jahrhundertflauten. Es kann nicht ganz falsch sein, hinter dem Rücken der launischen Mutter Natur ein paar Öltanks aufzustellen. Gut möglich, dass die Gletscher stark gewachsen sind, weil in der Solarwelt niemand daran gedacht hat, die Atmosphäre mit Kohlendioxid gegen Kälte zu impfen. Ein Treibhauseffekt muss her. Am Ende müssen alle herausfinden, wie man die Klimamaschine bedient.
Franz Zauner ist stellvertretender Chefredaktor und Leiter Online der «Wiener Zeitung».
Leserbriefe:
Zu Was wäre, wenn das Erdöl tiefer im Boden wäre - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)
Sehr geehrter Herr Zauner, wo bleibt der Atomstrom? Max Berger, Bern
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