NZZ Folio 07/98 - Thema: Privacy   Inhaltsverzeichnis

Richtig leben mit Geri Weibel -- Die Sommerlochfrage

Von Martin Suter

AUCH DIESES JAHR bleibt Geri in den Sommerferien zu Hause. Das Risiko, das falsche Ferienziel zu wählen, ist ihm schlicht zu gross. Noch so ist die Ferienzeit eine schwere Prüfung. Sie unterbricht den natürlichen Lauf der Dinge. Es ist kompliziert genug, den Überblick über Falsch und Richtig zu behalten, wenn die Szene beisammen ist. Verstreut sie sich in alle Welt, gerät sie vollends ausser Kontrolle.

Wenn sich im Juli das Fisch&Vogel leert und in der SchampBar die fremden Gesichter überhandnehmen, beginnt für Geri die Zeit der Orientierungslosigkeit. Dann sitzt er in seiner immer fremder werdenden Umgebung zwischen Shortsträgern und Menschen mit beschrifteten T-Shirts («Auf und Davos!») und fühlt sich mit jedem Tag deplacierter. Wer garantiert ihm, dass er sich nicht im Auge einer gigantischen Trendwende befindet, die alles durcheinanderwirbelt und einzig Geri Weibel zurücklässt als Kuriosität aus einer anderen Zeit mit anderen Kragen und Hosenbünden?

Manchmal hat Geri das Gefühl, die Ferien dienten Robi Meili, Freddy Gut und Konsorten nur dazu, aus der Lifestyle-Disziplin der Szene auszubrechen und unbeaufsichtigt mit unautorisierten Trends herumzuexperimentieren.

Nur allzu gut erinnert er sich an den Sommer 96, als Robi Meili mit einem Zehntagebart aus Barcelona zurückkam und zum Carajillo im - damals noch - Mucho Gusto «El País» las und darin Artikel anstrich. Geri hatte sich bereits drei Tage nicht rasiert und einen Kassetten-Schnellkurs Intensiv-Spanisch gekauft, als sich Robis damalige Freundin in der Bartfrage durchsetzte, und mit den Stoppeln auch «El País» verschwand. Nur der Carajillo hielt sich noch eine Weile.

Auch Susi Schläflis Rückkehr aus Bali ist ihm in lebhafter Erinnerung. Sie tauchte in der SchampBar auf, mit nichts als einem Batik-Sarong an, bereit, ihn auf den kleinsten Wink abzuwerfen und ihre nahtlose Bräune und ihr neues Verhältnis zu ihrem Körper zu demonstrieren. Erst als sie mit einer doppelten Lungenentzündung ins Spital eingeliefert wurde - sie hatte die Vorläufer der Herbststürme ignoriert -, verlief der Trend im Sand. Geri ärgerte sich, dass er vorsorglich die Hosenbeine seiner besten Jeans abgeschnitten und ausgefranst hatte.

Was Geri an den Nachferientrends am meisten zu schaffen macht, ist ihre Abruptheit. Trendwenden, die unter seinem wachsamen Auge geschehen, kündigen sich meist durch Kleinigkeiten an. Auch wenn es ihm nicht jedesmal gelingt, die Zeichen frühzeitig zu lesen, so muss man ihm doch ein gewisses Sensorium attestieren und eine gewisse Erfahrung in der Seismologie der Trenderschütterungen seiner unmittelbaren Umgebung. Aber wie kann er vorausahnen, dass Freddy Gut nach den Ferien von Trance auf Chris de Burgh und von Gatorade auf Guinness umgestiegen sein wird, weil er auf Korfu eine Turnlehrerin aus Dublin kennengelernt hat?

Geri hat auch schon versucht, die Lifestyle-Anarchie, die in der Ferienzeit und der kurzen Zeit danach herrscht, zu geniessen. Er hat sein Hawaihemd, einen Fehlkauf aus dem Jahr 89, aus dem Schrank geholt, ist in die abgeschnittenen Jeans (ja, diese) geschlüpft und ist so am See spazierengegangen. Aber es stellte sich kein Gefühl der Freiheit ein. Er fühlte sich wie ein schlecht verkleideter Spitzel, der jederzeit befürchten muss, erkannt, enttarnt und der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden.

Seither meidet Geri Weibel während der kritischen Wochen Ausbrüche aus der Lifestyle-Routine. Er hält sich an die Vorgaben der Vorferienzeit und versucht, die Ungewissheit der Nachferienzeit aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Die einzigen Ausbrüche aus der Routine sind seine Besuche in der Badeanstalt, wenn es das Wetter erlaubt.

Die Badeanstalt, vorausgesetzt, es ist die richtige, war im vorletzten Sommer voll im Trend und im letzten noch akzeptiert. Das Risiko, dass er sich damit in die Nesseln setzt, ist relativ gering. Er muss nur darauf achten, dass er nicht braun wird. Braun ist abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten uncool, unurban und eine schlechte Kontrastfarbe zu Schwarz und Steingrau.

Geri arbeitet konsequent mit Schatten, Frotteetüchern, XXL-T-Shirts und 30er-Blocker. Er übersteht das Trend-Sommerloch ohne Sonnenbrand und mit einer Haut, so weiss wie ein frischgebadeter Tunnelwart.

Langsam füllen sich Fisch&Vogel und die SchampBar wieder mit den vertrauten Gesichtern. Geri ist froh, die vorbildlose, die schreckliche Zeit hinter sich zu haben, und stiehlt sich vor dem Apéro jeweils ein halbes Stündchen fürs Solarium.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.