DIE REISEN, die ich seit kurzem zur Erforschung der Hochhäuser unternehme, sind keine wirklichen Reisen. Ich springe nur so von Punkt zu Punkt und bilde mir dann das eine oder andere ein. Es ist der Schwindel, der mich lockt, und die Aussicht in den oberen Etagen, die sich täglich ein wenig verändert und die ich mit anderen Aussichten vergleiche. Manchmal zweifle ich sehr an mir als Forscher. Manchmal halte ich alles für längst erforscht. Ich überwinde das.
1. Jetzt fahre ich schon. Die Sätze, eigene wie fremde, fahren mit.
2. Meyers Grosses Konversations-Lexikon (1906): «In ästhetischer Beziehung lassen sich die hohen Häuser überhaupt kaum rechtfertigen; es sind bisher wenige auch nur einigermassen befriedigende Lösungen gelungen.»
3. Für meine Forschungen habe ich zwei Notizhefte gekauft. Das blaue ist für Lesenotizen, in das rote trage ich meine Reisebeobachtungen ein.
4. Ich sammle mündliche und schriftliche Mitteilungen, die ich anschliessend nach Stockwerken sortiere.
5. Zum Beispiel eine Schriftstellerin stürzt sich vor Kummer aus dem Fenster (Deutschland 1992).
6. Zum Beispiel ein Präsident wird von seinen Feinden erschossen (Amerika 1963).
7. Zum Beispiel ein Liebespaar nimmt ein Zimmer für eine Nacht (I. Bachmann, Der gute Gott von Manhattan, 1957).
8. Ich fahre und denke über das Unglück nach. Man sagt, es wohne bevorzugt in hohen Häusern, je höher, desto lieber. Ich glaube aber nicht, dass das Unglück so wählerisch ist.
9. Soll man Hochhäuser kritisieren?
10. Ein Hochhaus, sagt Der Grosse Brockhaus, 1983, ist ein Gebäude, «bei dem der Fussboden mindestens eines Aufenthaltsraumes mehr als 22 m über der festgelegten Geländeoberfläche liegt», was ungefähr zehn Stockwerken entspricht.
11. Aus dem elften Stock eine Schnur herunterlassen muss 1977 die von ihrem Vater in ein Zimmer gesperrte Christiane F. Sie hält es ohne eine neue Ration nicht länger aus. Gerade fünfzehn ist das schönste Kind der östlichen Gropiusstadt, eine Fixerin, aber mit einem Gesicht so fein wie chinesisches Porzellan (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, 1978 ).
12. «Im zwölften Stock blieb Cheveland Northrup stehen, um zu verschnaufen . . . Er holte ein paar mal tief Luft und setzte verbissen seinen Aufstieg fort» (J. Barry, Das Appartementhaus, 1961).
13. Ich bin nicht abergläubisch. Entweder das Leben findet nicht statt (Ch. Hein, Drachenblut, 1982) oder wird von einem Verrückten Tag und Nacht beobachtet (I. Levin, Sliver, 1991).
14. Kein Zwischenfall bisher, keine Unregelmässigkeit. Meine Fahrt ist wie mein Leben. Ohne Höhepunkte, aber auch ohne Gefahr, die mich vernichten könnte.
15. Nicht alle Nachrichten sind Nachrichten. Wenn ich lese, dass ein in einem Hochhaus gelegtes Feuer drei Menschenleben gekostet hat, so ist das eine Nicht-Nachricht (A. Kluge). Eine Nachricht ist es, dass die Mieter Brandwachen organisieren wollen: «Eine Mitteilung, nach der man sich richtet» (Duden, 1977) .
16. Sehr wahrscheinlich sind solche Feuersbrünste, Fensterstürze, Unglücke aller Art natürlich nicht. Sie sind möglich, aber etwa so, wie auch meine Fahrstuhlbekanntschaft möglich ist, an die ich denke wie an eine Katastrophe und auf die ich jederzeit vorbereitet bin, zum Beispiel jetzt, da der Knopf von Nr. 17 aufleuchtet.
17. Niemand da. Ein Kinderstreich. Eine Erwachsenenvoreiligkeit.
18. Unterscheidungen. Hier der Verzweifelte, der in die Tiefe springt, aber etwas anderes wünscht (der Wunsch ist ja: ich muss gar nicht springen), dort der Unzufriedene, der niemals springt und dessen Sehnsucht nach der selbstgemachten Katastrophe eben deshalb unstillbar ist: «Er hätte mit mir vom Balkon springen können, Hand in Hand. Für ein paar Sekunden des Falls . . . wäre das vielleicht Glück gewesen» (I. Drewitz, Das Hochhaus, 1975).
19. Ich bin nicht schwindelfrei. Habe ich die Wahl zwischen einem Kriminalroman, in dem einer aus dem 20. Stock stürzt, und einem Blick über die Brüstung eines wirklichen Hochhausbalkons, so muss ich nicht lange überlegen.
20. J. Barry, Das Appartementhaus: «Er holte tief Luft, dann schlang er die Arme um je ein Paar Beine und stürzte die beiden Körper hinunter. Er wagte nicht, sich über die Brüstung zu beugen, um ihren zwanzig Stockwerke tiefen Sturz zu verfolgen.»
21. Ob ich zuviel lese, zuwenig reise?
22. «Hier an dieser Stelle», erklärt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt zur Eröffnung des neuen Europa-Centers 1965, «haben wir ein Beispiel dafür, was ein freies Volk zu leisten vermag . . . Indem wir solche Zeichen gegen den Himmel schreiben, erfüllen wir in der schwierigen Lage, in der wir uns noch immer befinden, unsere Aufgabe.»
23. Prioritäten. Erst durch ein Haus reisen, dann durch ein Buch. Erst das Buch lesen, anschliessend das Haus.
24. Die Liftkabine misst knapp zwei Quadratmeter. Eine Leuchtanzeige zeigt die Nummern der Stockwerke an. Ich fahre, also bin ich.
25. Ob ich dereinst mutiger sein werde und meine Reise einmal unterbreche, anstatt hier fortwährend irgendwelche Stockwerksgeschichten zu verfassen, die mir am Ende noch über den Kopf wachsen?
26. Anhalten, aussteigen, lauschend von Tür zu Tür gehen. Ein Geräusch vertrauenswürdig finden, die Bedenken über Bord werfen, klingeln.
27. Aus meinem roten Notizbuch: Heute Mittwoch habe ich die Etagen 29, 28 und 27 des sogenannten Ideal- Hochhauses in der Berliner Gropiusstadt besucht. Obwohl ich mich vor den Türspionen sehr freundlich betrage, bekomme ich auf mein Klingeln entweder gar keine oder aber ablehnende Antworten. Wie es wohl wäre, sich von hier oben in eine dieser winzigen Parkplatzgestalten zu verlieben?
28. Fortsetzung: Heute Samstag habe ich in einem Café lange mit einer Bewohnerin des 28. Stocks gesprochen. Ich glaube, sie gefällt mir. Sie wohnt nur so auf Abruf. An bestimmten Herbsttagen lebt sie über Nebel und Wolken. Es soll sehr schön sein.
29. Natürlich habe auch ich Wünsche oder Träume in meiner Eigenschaft als Hochhausforscher. Zum Beispiel Amerika lockt mich oder das eine oder andere europäische.
30. Unterdessen ist das Liebespaar, dessen Geschichte ich lese (I. Bachmann), in den 30. Stock gezogen. Mir ist nicht wohl dabei. Sie sind nett, aber leider auch sehr ahnungslos.
31. Ein Unglücksort zweiter Ordnung, diese Nummer 31. Ich kenne da eine Geschichte, in der ein Verrückter eine ganze Nacht lang zwei Menschen durch einen Wolkenkratzer hetzt (D. R. Koontz, Nackte Angst, 1977). Ich darf es gar nicht sagen, aber ich verdanke diesem in gewisser Hinsicht doch sehr minderwertigen Büchlein eine ganze Menge.
32. Die Hälfte. Auf halbem Weg.
33. «Connie hielt sich einen Meter unter dem Zierfries . . . am dreiunddreissigsten Stock auf. Sie hing an einem Seil und schaukelte im Wind . . . Es machte ihr ausserordentliche Mühe, sich festzuhalten» (D. R. Koontz, Nackte Angst).
34. Natürlich könnte ich auch zu Fuss bis unters Dach steigen. «Die Fahrstühle zerstören das Heldentum der Treppen» (G. Bachelard, Die Politik des Raumes 1957).
35. Ob man die Dinge, Menschen, Zeiten stets ein wenig schätzen muss, um sie zu erforschen, zu beschreiben, zu verewigen, ist so eine Frage.
36. Ich stelle folgende Rechnung auf: Angenommen, im Erdgeschoss eines Hochhauses steigen 21 Personen (Höchstbelastung) in einen Fahrstuhl der «oberen Ferngruppe» (EG bis 60. OG) und fahren los. Ein Viertel der Passagiere steigt in jeder Etage aus, ein Fünftel neu zu. Ab welchem Stockwerk bin ich der einzige Fahrgast?
37. Selbstverständlich sehe ich die Lücken in meiner Arbeit. Sie bedrücken mich, andererseits habe ich gute Vorsätze.
38. Eintrag ins rote Notizbuch: Heute Freitag habe ich am Alexanderplatz mein Lieblingshochhaus besucht – eine 38geschossige 1000-Betten- Schlank-und-Rankheit in Blau und Grau mit dem Namen Forum-Hotel, in die ich aus irgendwelchen Gründen vernarrt zu sein scheine. Ich glaube, dass mir so eine Umarmung oder auch Liebelei hoch über den Dächern der Stadt Berlin persönlich ziemlich schmecken würde.
39. Aus dem roten Notizbuch: Schlaflose Nacht von Dienstag auf Mittwoch, kurzer Traum am frühen Morgen. Ich bin in ein Hochhaus gezogen. Glücklich und stolz.
40. Aus dem blauen Notizbuch: Die Hochhausbewohner als Tiere; das Politische daran. Maximen: 1. Wo Termiten sind, kann der Umsturz nicht weit sein. 2. Leider blind ist zwar der Maulwurf, aber auch sehr beweglich. 3. Ein Volk von Ameisen kann man studieren wie ein Naturforscher. 4. Eine Laus ist eine Laus und womöglich nicht besonders viel wert.
41. Soll man neue Hochhäuser bauen?
42. Was schon sein könnte: Dass es so etwas wie eine wissenschaftliche Optimalhöhe für meine Forschungen gibt. Jener wirtschaftlichen Optimalhöhe vergleichbar, die man in Amerika
errechnet hat und derzufolge sich
zwanzig bis dreissig Etagen lohnen, allerhöchstens aber zweiundvierzig (R. Jungk, Die Zukunft hat schon begonnen, 1952).
43. Und wenn ich nun doch höher hinaus will?
44. Zum Beispiel meine Stockwerksgeschichten könnten mir ausgehen.
45. Oder ich könnte meine Hoffnung auf das Unerwartete aufgeben.
46. Ich müsste meine Forschungen über die Grenzen der Stadt hinaus ausdehnen können.
47. Ein ganzes Leben leben als Hochhausforscher?
48. «Sie sassen am Fenster. Er liess den Blick über die Glaswände der Bürogebäude auf der anderen Strassenseite gleiten. ‹Ein Paradies für Voyeure›, sagte er. Sie lächelte, rührte ihren Kaffee um. Er lächelte, trank von seinem» (I. Levin, Sliver).
49. Noch knapp ein Viertel. «Das Haus nimmt die physischen und moralischen Qualitäten eines menschlichen Körpers an» (G. Bachelard). So gesehen befinde ich mich also ungefähr im Bereich von Schulter oder Schlund.
50. Der Grosse Brockhaus, 1931 : «Die Herstellung der Hochhäuser erfolgt gewöhnlich in der Weise, dass zunächst auf einem gut ausgebauten Untergrund . . . ein Stahlgerüst . . . errichtet wird, dessen Felder dann mit Beton oder Mauersteinen ausgekleidet werden . . . Die Ausführungszeit ist sehr gering; auf das Stockwerk entfallen ein bis zwei Wochen.» Knapp 60 Jahre später werden beim Frankfurter Messeturm jeden Tag bis zu drei Meter gebaut.
51. «Die Aufgabe, an diesen Betonbauteilen Veränderungen vorzunehmen oder sie abzubrechen, ist schwierig und zugleich neuartig» (R. Lindner, Schälen, Trennen und Abbrechen von Betonbauteilen, 1982).
52. Wie deutsche Infanteristen 1942 in Stalingrad ein Hochhaus in die Luft sprengten (Völkischer Beobachter 12.10.1942): «Sie . . . legten unter die Fundamente des Betonriesen ihre Sprengladungen, die auf einen Schlag gezündet das ganze Hochhaus mit seinen Verteidigern zu einem Trümmerhaufen von Betonbrocken und verbogenen Eisenstäben zerschlugen.»
53. Ich bin jetzt einunddreissig.
54. Dass meine Seele eine Wohnung ist (G. Bachelard), kann ich eigentlich nicht wissen.
55. Nur aus einer Laune heraus habe ich meine Fahrt nun doch einmal aus eigenem Entschluss unterbrochen. Ich habe mich auf den schmalen Spalt zwischen Kabinenboden und Treppenhausboden gestellt und eine Weile auf die Liftanlage neben mir gehört. «Irgendwo in der Tiefe des Schachtes . . . ein Rauschen, ein Vibrieren von Stahlseilen, das Versprechen auf eine erwünschte Veränderung, eine Hoffnung, die geduldig macht» (Ch. Hein) . Dann bin ich weitergefahren.
56. Kellergedanken. Ob das Haus, das ich bereise, einen Keller hat?
57. «Von dem Zimmer oben gab es eine seltsame Aussicht. Eine im Flug verlassene Welt lag unten» (I. Bachmann).
58. «Ab einer gewissen Höhe würde jede Zeitung, die aus dem Fenster geworfen wird, nach oben geweht werden» (J. N. Schmidt, Wolkenkratzer, 1991) .
59. Noch ein Stockwerk bis zum sechzigsten. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dürfte ich in wenigen Augenblicken alleine sein.
60. Das Ende meiner Reise naht.
61. Entweder eine Überraschung ist auch weiterhin möglich, oder sie bleibt für immer aus.
62. Ich bin nicht unzufrieden.
63. Endstation. Ich bin oben. Ich weiss, «in einigen hundert Jahren wird am selben Ort ein anderer Reisender . . . all den Dingen nachtrauern, die ich heute hätte sehen können und die mir entgangen sind» (C. Levi- Strauss, Traurige Tropen, 1955). Aber ich finde, es gibt Schlimmeres.
Michael Kumpfmüller ist Literaturwissenschafter und lebt in Berlin.