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NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport Inhaltsverzeichnis
Beim Coiffeur -- Bei Putins Glatze ist nichts mehr zu machen
© Markus Rohner
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| Olga Alexejewna Paschina, Sowjetsk, Russland. |
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In ihrem Salon in Sowjetsk gewährt Olga Paschina Kriegsteilnehmern und alten Männern 50 Prozent Rabatt. Einmal Haareschneiden, bitte!
Von Markus Rohner
Olga Alexejewna Paschina, Sowjetsk, Russland, 64 Jahre alt, in Weissrussland geboren und aufgewachsen, arbeitet seit 44 Jahren als Coiffeuse. Sie hat zwei Töchter, die beide in ihrem Coiffeursalon im russischen Sowjetsk, dem ehemaligen Tilsit, arbeiten. Mit ihrem Mann wohnt sie in einer Zweizimmerwohnung in der Nähe ihres Salons, den sie vor 30 Jahren eröffnet hat. Ihr monatlicher Verdienst beträgt 360 Franken. Sowjetsk ist mit rund 50 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt im Bezirk Kaliningrad.
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Meine Kunden bevorzugen fast alle den Kurzhaarschnitt, ich nenne das den «Sportschnitt». Auf der Seite raspelkurz, oben ein bisschen länger. Diese Frisur ist äusserst pflegeleicht und bei russischen Männern sehr beliebt.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Ich verwende vorwiegend die elektrische Schermaschine und die Handschere und schneide so den Männern die Haare kurz. Modetrends sind wir hier zum Glück nicht unterworfen.
Warum sind Sie Coiffeuse geworden?
Das ist bei uns Familientradition. Zwei Brüder meiner Mutter waren auch Coiffeure, und ihnen habe ich seit Kindsbeinen zugeschaut.
Also haben die beiden Onkel Ihnen das Handwerk beigebracht?
Nein, mit 15 Jahren habe ich meine Heimatstadt Brest in Weissrussland verlassen und bin nach Karelien gezogen. Dort habe ich die praktische Ausbildung zur Coiffeuse absolviert. Zwei Jahre später nahm ich an einem Wettbewerb teil und bin Zweite geworden. Aber eigentlich wäre mir der erste Platz zugestanden.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Zum Glück habe ich zwei Töchter, die im Salon mitarbeiten. So kann ich in absehbarer Zeit mit dem Haareschneiden aufhören und mich meinem Mann und den drei Enkelkindern widmen. Mit der Pension habe ich auch Zeit fürs Reisen. Mein Vater lebt in Polen, und ich besitze einen polnischen Ausweis.
Würden Sie gerne nach Polen und in die EU auswandern?
Heute nicht mehr, meine ganze Familie lebt in Russland. Und ich liebe dieses grosse, schöne Land. Aber ich hoffe, dass dieses Land mit seinen wertvollen Ressourcen endlich aufsteht und dafür sorgt, dass es allen Bürgern bessergeht.
Haben Sie viele Stammkunden?
Alle meine Kunden sind Stammkunden. Viele arbeiten in den Markthallen, die gleich auf der anderen Strassenseite liegen. Am liebsten sind mir allerdings die älteren Männer.
Hatten Sie schon einmal spezielle Erlebnisse?
Anna, eine Praktikantin, verpasste einem mittelalterlichen Kunden einmal einen «Bullenschnitt». Da wird der Schädel praktisch kahlrasiert. Am Schluss liess sie auf dem Kopf eine kleine Insel zurück. Wir alle im Salon – auch der Kunde – mussten darüber herzhaft lachen.
Wem würden Sie gerne einmal die Haare schneiden?
Unserem Staatspräsidenten Medwedew. Bei der Glatze von Regierungschef Putin kann man als Coiffeuse nichts mehr tun.
Haben Sie prominente Kunden?
Der Vizeregierungschef des Gebietes Kaliningrad, Juri Schalimow, kommt immer wieder zum Haareschneiden hierher.
Haben Sie sich schon einmal geweigert, jemandem die Haare zu schneiden?
Ja, als einer mit völlig verdrecktem Kopf von mir die Haare gewaschen haben wollte.
Was lieben Sie an Sowjetsk?
Vor allem die Kompaktheit – die Art, wie die Stadt gebaut worden ist. Sie ist sauber und ordentlich und verfügt über viel Grünflächen. Tilsit gehörte einst zu Ostpreussen und ist seit dem Zweiten Weltkrieg Teil von Russland. Napoleon hat hier 1807 den Frieden von Tilsit unterzeichnet, und die Stadt wird auch mit dem Käse in Verbindung gebracht. Wobei der Tilsiterkäse aus der Schweiz – das habe ich mir sagen lassen – im Ausland fast bekannter ist als unserer.
Wie verbringen Sie Ihren Abend?
Ich gehe im Park spazieren und besuche gelegentlich das Theater.
Wo machen Sie Ferien?
Bei meinem Vater in Polen. Früher träumte ich oft von Reisen ans warme Mittelmeer. Daraus ist nie etwas geworden, und jetzt bin ich zu alt dafür.
Spüren Sie die Wirtschaftskrise?
Und wie. Die Männer besuchen meinen Salon deutlich weniger. Statt durchschnittlich zweimal pro Monat kommen sie jetzt nur noch alle vier bis sechs Wochen.
Markus Rohner ist Journalist; er lebt in Altstätten SG.
Deutsche Strasse Der Herrensalon liegt im Zentrum von Sowjetsk an der ehemaligen Deutschen Strasse, gleich gegenüber den Markthallen. Heute heisst die Strasse Uliza Gagarina und erinnert an den Kosmonauten Juri Gagarin.
Preis für einen Haarschnitt Herren bezahlen im Schnitt 6 Franken. Ältere Herren und Kriegsteilnehmer erhalten 50 Prozent Rabatt. Darüber führt Olga Paschina wegen des Steueramtes streng Buch.
Russische Föderation Einwohner: 141,9 Millionen BIP pro Kopf: 14 695 Fr. Milch: 1 Liter 1 Fr. Brot: 1 kg 1.20 Fr. Kinobillett: 3.50 Fr. Zigaretten: 1 Fr. Taxi: 10 km 6 Fr.
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