|
|
NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn es nie zum Swissair-Grounding gekommen wäre
Von René Lüchinger
Ein Bundesrat, ein Airline-Boss und eine Finanzchefin treffen sich zum Gespräch. Weil die drei sich nicht finden, geraten die Dinge ausser Kontrolle, und eine Airline fällt vom Himmel.
Der Airline-Chef ist Mario Corti, der letzte Präsident der Swissair. Er wird begleitet von seiner Finanzchefin Jacqualyn Fousé. Gegenüber sitzt Kaspar Villiger, Finanzminister der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Hüter der Staatskasse. Es ist Montag, der 17. September 2001, um die Mittagszeit. Corti schildert die desolate finanzielle Verfassung der nationalen Fluggesellschaft in drastischen Worten. Sechs Tage zuvor hatten Terroristen in New York das World Trade Center in Schutt und Asche gelegt und dadurch den internationalen Luftverkehr innert Minuten in die grösste Krise seiner Geschichte gestürzt. Seither befindet sich auch die einstige «fliegende Bank» Swissair in einem unkontrollierten Sturzflug.
Corti sitzt also im Berner Bundeshaus, sekundiert von Fousé. Beide reden auf Villiger ein. Sie wollen kein Geld. Nur eine Bundesgarantie der grundsoliden Eidgenossenschaft. Ein Stück Papier, das niemanden etwas kostet, es Corti aber erlauben würde, nervös werdenden Gläubigern Zuversicht einzuträufeln. Das braucht es jetzt: Vertrauen. Deshalb will er von Villiger ein Schreiben mit einer grossen Zahl darauf. Eine Eins mit neun Nullen. Eine Milliarde Franken. Das aber ist zu viel für Villiger. Er sagt, mit Bedauern, ab. Am Ende kostet das Swissair-Debakel den Bund weit mehr als eine Milliarde.
Hier eine andere Variante der Geschichte: Villiger sagt zu. Corti und Fousé fahren zurück an den Zürcher Balsberg. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht in den Gängen im Hauptsitz der Swissair: Die Schweizer Regierung hat die Schirmherrschaft über die waidwunde Swissair übernommen! Das gibt Kraft und Zuversicht. In den Abendnachrichten sind dies die Top News des Tages. Die TV-Macher zeigen Analogien zur Geschichte auf. 1951 war die Swissair schon einmal praktisch bankrott. Damals half der Bundesrat mit einem Kredit, der später in Aktienkapital umgewandelt wurde, und heute hilft er zwar nicht mit Cash, aber mit einer Garantie. Nur die Zahlen haben sich gewandelt: Reichten vor 50 Jahren noch 15 Millionen Franken, um die Swissair zu retten, braucht es heute eine Garantie über eine Milliarde.
Als Corti vor die Kameras tritt, zeigt er sich erfreut, dass sich in der Schweiz auch im neuen Jahrtausend in der Krise die Classe politique die Hand reicht. Und er zeigt sich kämpferisch: «Der Weg ist schmal, aber gangbar.» Drastisch nimmt er Kapazitäten aus dem Markt, reduziert die Langstreckenflotte, entlässt Personal. Langsam geht die Swissair aus dem Sinkflug wieder in den Steigflug über. Als die Weltkonjunktur wieder anzieht, setzt die stark verkleinerte Swissair wieder Speck an. Und schliesslich gelingt der grosse Durchbruch. Die Swissair, für die deutsche Lufthansa «oft auch Vorbild», so ein ehemaliger Lufthansa-Chef, wird in die Star Alliance aufgenommen, den grössten Airline-Verbund der Welt unter Führung des deutschen Kranichs.
Am 22. Oktober 2006, als Mario Corti seinen 60. Geburtstag feiert, fliegt die nationale Airline Swissair fast wieder in altem Glanz – fast so, als wäre nie etwas gewesen. Zu den ersten, die Corti gratulieren, gehört alt Bundesrat Kaspar Villiger.
René Lüchinger ist Wirtschaftspublizist und Sachbuchautor. Von ihm stammt «Der Fall der Swissair. Das Drama. Der Untergang. Die Akteure» (Wirtschaftsmedien 2001), das die Grundlage für den Film «Grounding» war; er lebt in Kilchberg ZH.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|