In Athen werden wir sie in diesem August wieder sehen, wie sie aus ihren Startvorrichtungen herausschnellen, die Arme nach vorne werfen, den Lauf optimal beschleunigen – nicht so viel anders als 776 v. Chr. in Olympia: die weltbesten Läufer. Und nicht viel anders als 1605 in den Cotswold Hills, 1776 am Drehberg bei Dessau, denn um Sieg und olympische Ehre wurde in der Neuzeit nicht erst 1896 an den ersten modernen Olympischen Spielen gelaufen. Den Körper durch gezielten Muskelaufbau und eingeübte Bewegungsabläufe zum schnellstmöglichen Fortkommen zu bringen, war – wo und wann immer – das Bemühen der Läufer. Nur waren die Läufe wie auch die anderen Wettkämpfe in so unterschiedliche Zusammenhänge eingebettet, dass auch die Wettkämpfer immer wieder in neuer Bedeutung getränkt wurden.
Deutlich wird das am Beispiel der Drehberg-Festspiele, die Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau ab 1776 in seinem deutschen Kleinstaat ausrichten liess und die von Pädagogen als neue «olympische Spiele» gefeiert wurden. Der Fürst hatte sich von Roger Dovers Olimpic Games im England des frühen 17. Jahrhunderts inspirieren lassen und von antiken Texten; vor allem aber war er beeinflusst von Rousseaus Vorstellung der glücklichen Selbsterfahrung des Volks im Fest.
Der Lauf der Burschen und Mädchen war also eingebettet in die Selbstinszenierung eines aufklärerisch-absolutistischen Regimes, die das Fürstenpaar als erste Diener ihres Staates und als gütige Eltern ihrer Untertanen zeigen sollte. Die Wettläufe waren Ausdruck jugendlicher Körpererziehung und dienten zugleich der Erbauung des Volks. Der Läufer auf dem Drehberg hatte also ganz andere Beweggründe und Phantasien als der griechische Olympionike, der zur Ehre seiner Heimatstadt lief und seinen eigenen Ruhm und Nutzen mehrte. Ebenso unterschiedlich waren die Erwartungen und Projektionen des Publikums.
Welten liegen auch zwischen dem Sieg des Koroibos von Elis 776 v. Chr. im antiken olympischen Stadionlauf über 192,27 Meter und dem des Amerikaners Thomas Burke über 100 Meter 1896 in Athen. Burke war, wie die rund 200 anderen Teilnehmer aus 14 Ländern, dem Ruf des 1894 gegründeten Internationalen Olympischen Komitees gefolgt und stellte damit seine körperlichen Fähigkeiten in den Dienst einer zunächst noch etwas kuriosen Organisation.
Führender Kopf dieser olympischen Bewegung war Baron Pierre de Coubertin, der den Sport, wie er in den englischen Public Schools betrieben wurde, als Mittel gegen degenerative zivilisatorische Tendenzen und den nationalen Niedergang Frankreichs entdeckt hatte. Körperertüchtigung, Pädagogik, Eugenik und Technokratie vermischten sich in Coubertins Gedankengängen zu einem Programm, das ein Gegenentwurf zur Moderne und zugleich ihre Nachahmung war: Der Athlet hatte entgegen der Verweichlichungstendenz der Zeit gesund und kräftig zu sein und im Sport selbständiges und selbstverantwortetes Handeln zu lernen, das ihm erlaubte, sich im Wettbewerb der Marktgesellschaft zu bewähren. Ideologischer Kernpunkt des modernen Olympismus war die physische und psychische Erneuerung des Menschen.
Mit dem Bezug zur Antike überdeckte Coubertin die anglophilen Tendenzen seiner Ideen und vermochte das ganz und gar in den Vorstellungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts verhaftete Unternehmen «mit dem immensen Prestige der Antike» aufzuladen und so «die ganze Welt einer Formel zu unterwerfen, deren Ruf keine Grenzen kennt». Den Durchbruch schaffte sein Projekt mit dem propagandistischen Kongress für die Wiedereinführung der Olympischen Spiele 1894 an der Sorbonne, wo klassizistische Gemälde und antikisierende Musikaufführungen einen stimmungsvollen Rahmen schufen.
Die Beschreibungen des Archäologen Johann Joachim Winckelmann und seine antiquarische Erschliessung der antiken Kunst, ferner die Hymnen und Oden Hölderlins und die grossen archäologischen Projekte des 19. Jahrhunderts hatten Coubertin das Feld bereitet, als er sich die Neuinszenierung der Antike vornahm, indem er dem Wettkampfideal der englischen Oberschicht ein antikes Gewand umlegte. Er wusste allerdings von den verschiedenen neuen olympischen Spielen des 18. und 19. Jahrhunderts in England, Schweden und Griechenland. An den Much Wenlock Olympian Games des Arztes W. P. Brookes in Shropshire hatte er sogar selbst teilgenommen. Dort hatte er auch schon die starke Wirkung von Flaggenzeremonien und von altgriechischen Versen auf die Teilnehmer und das Publikum erleben können.
Eine anthropologische Kontinuität des Körpergebrauchs und der spielerischen Konkurrenz, wie es der antike Name nahelegen würde, ist in den neuen olympischen Wettkämpfen nicht zu entdecken. Zu sehr unterscheiden sich Motivation der Athleten und Projektionen des Publikums in den einzelnen Epochen. Ringen oder Faustkampf zum Beispiel wurden im antiken Olympia, wo der Sieg gesellschaftlichen Status und materielle Sicherheit zur Folge hatte, mitunter mit äusserst brutalen Mitteln angestrebt. Erfolgreiche Ringkämpfer der Antike wie Milon von Kroton waren oft auch gefürchtete Krieger. Carl Schuhmann hingegen, der deutsche Turner, der 1896 im Ringen siegte und zudem drei gymnastische Wettbewerbe für sich entschied, war ganze 1Meter 63 gross und hatte zuvor noch nie an einem Ringkampf teilgenommen. Er war ein Idealist und Abenteurer, sein Sieg liess sich auf keine Art vermarkten. Schuhmann erlangte erst nach seinem Tod 1946 eine gewisse Bekanntheit.
Coubertin erfand 1896 den Agon, das Wettkampfmodell des antiken Griechenland, neu als Spiel, in dem allein schon die Teilnahme sich positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken würde. Der Mensch sei «nur da ganz Mensch, wo er spielt», hatte Schiller in der «Ästhetischen Erziehung» geschrieben und die «Kampfspiele zu Olympia» als Beispiel für diese Maxime angeführt. Coubertin sah als Voraussetzung für das zwecklose, aber zweckförmige Tun die gesicherte Existenz des adligen oder bourgeoisen Gentleman. Der Amateur – nur er war zu den modernen olympischen Spielen zugelassen – sollte seine Kräfte und seine Geschicklichkeit mit Konkurrenten aus Freude am Vergleich, nicht aber wegen des Sieges messen. Die Ausschlussmechanismen des olympischen Agon hatten in erster Linie auf die Barbaren, die Nichtgriechen, gezielt; in den modernen Spielen trafen sie die Berufssportler und damit die Unterschichten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg verschob sich Coubertins Interesse von der Eliteausbildung auf die Massenpädagogik.
Im Athen von 2004 werden die Olympiateilnehmer zwar von anderem Schlag sein als 1896 Schuhmann, doch reguliert der Coubertin’sche Doppelanspruch von Höchstleistung und Fairplay bis heute Erscheinung und Bewertung ihres Tuns. Für Sportler gilt zwar weiterhin die Maxime des «höher, schneller, weiter», doch sollen sie auch pädagogisch verwertbare Vorbilder sein. Die innere Zerrissenheit, der die heutigen Olympioniken ausgesetzt sind, spiegelt sich in der Doppelmoral der Dopingbekämpfung. Ein ähnliches Dilemma war den antiken Athleten fremd.
Laufen und Ringen konnten 1896 erfolgreich umgedeutet und eingegliedert werden, doch die Mehrzahl der antiken olympischen Disziplinen war für den modernen Olympismus unbrauchbar; sie passten nicht in Coubertins didaktisches Konzept. Wagenrennen etwa, die in der Antike wegen der prachtvollen Ausstattung von Pferden und Geräten und des hohen Ansehens der Besitzer geschätzt wurden, hatten in der auf Eigenleistung fussenden Sportauffassung Coubertins keinen Sinn mehr. Dafür wurde Fechten ins Programm aufgenommen; es symbolisierte vorzüglich den von ihm ebenfalls beschworenen Geist des Rittertums. Schwimmen, Gewichtheben, Schiessen, Radfahren und Tennis ergänzten 1896 das Wettbewerbstableau.
In Paris, St. Louis und London kamen neue Sportarten hinzu, andere wurden wieder gestrichen. Auffällig ist die Aufnahme von Disziplinen wie Tennis oder Segeln, die in erster Linie von der gesellschaftlichen Elite ausgeübt wurden, dann auch von Teamsportarten wie Fussball, Rugby, Polo und Basketball. Der Mannschaftssport war besonders geeignet, die pädagogische Bedeutung des Wettkampfs zu tragen. Der Antike war diese Wettbewerbsform naturgemäss fremd gewesen.
Mehr als alles andere verdeutlicht der Marathonlauf den verschobenen Blick auf die Antike. Er zeigt, wie sehr die moderne olympische Idee ein Bibliotheksphänomen war und den Antrieb für eine beträchtliche organisatorische Leistung aus Phantasien bezog, die sich überlieferten Texten verdankte. Denn der Marathonlauf ist keine antike Wettkampfdisziplin, an den antiken Spielen betrug die längste gelaufene Distanz knapp vier Kilometer. Vielmehr bezieht er sich auf die in Schriften dargestellte Geschichte eines Boten, der nach dem Sieg der Griechen gegen die Perser bei Marathon 490 v. Chr. nach Athen eilte, dort die Nachricht verkündete und tot zusammenbrach.
Der Anstoss, aus der Legende eine Sportart zu machen, kam 1894 von Michel Bréal, einem französischen Linguisten und Professor am Collège de France. Beeindruckt vom Sorbonne-Kongress Coubertins, stiftete er den Pokal für ein Rennen über die Distanz zwischen Marathon und Athen, rund 40 Kilometer. Die Idee fügte sich hervorragend in Coubertins Konzept, enthält die Geschichte des Meldeläufers doch zahlreiche Motive zur Überhöhung und Inszenierung des modernen Sports: Heldentum, Tragik, Aufopferung, Patriotismus.
Die Berufung auf das antike Marathon verschaffte dem Langstreckenlauf eine positive Tradition. Denn die wirklichen Wurzeln des Ausdauerlaufs entsprachen nicht gerade Coubertins Kriterien für sinnerfüllte Körperbetätigung. Seit dem 17. Jahrhundert war es in England gebräuchlich gewesen, dass Adlige ihre «footmen», die sonst neben den Kutschen herliefen, Gefahren meldeten oder Nachrichten übermittelten, zu Rennen anhielten und Geld auf sie wetteten. Bis ins ausgehende 19. Jahrhundert war so ein weitverbreiteter Wettkampf entstanden, der viele Profiläufer ins Brot setzte.
Mit solchen profanen Zielen sportlichen Tuns wollte das Internationale Olympische Komitee nichts zu tun haben und verbot 1896 den Professionals in Athen den Start. So wurde es möglich, dass der griechische Schaf- und Ziegenhirte Spiridon Louis den ersten offiziellen Marathonlauf über 25 Meilen (40,23 Kilometer) in 2 Stunden, 58 Minuten und 50 Sekunden gewann und zum Helden der jungen, sich auf ihre antiken Ursprünge besinnenden griechischen Nation wurde. Louis benötigte damit fast eine halbe Stunde mehr als der britische Profi Leonard Hurst wenige Monate später in Paris; dieser lief die Distanz in 2 Stunden, 31 Minuten und 29 Sekunden und bekam als Belohnung 2000 Francs.
Beim Marathon und beim Fackellauf scheint die Verbindung der modernen Olympischen Spiele zur Antike am authentischsten. Der Fackellauf ist aber noch keine 70 Jahre alt, er wurde – wohl das stärkste Beispiel für die Instrumentalisierung des olympischen Sports – 1936 für die Olympischen Spiele in Berlin eingeführt. Und die «klassische» Distanz des Marathons von 42,195 Kilometern entspricht in Wirklichkeit nicht der Distanz, die der Meldeläufer zwischen Marathon und Athen zurücklegte, sondern hat, wie vieles im heutigen Olympismus, eine pragmatische Ursache: Damit 1908 die Marathonstrecke von der Terrasse von Schloss Windsor bis vor die Hofloge im White City Stadion führte, wurde sie um rund zwei Kilometer verlängert. Das Rennen verlief dramatisch: der vermeintlich sichere Sieger, Dorando Pietri, brach auf den letzten Metern zusammen. Er wurde über die Ziellinie getragen und später disqualifiziert.
Weil die letzten zwei Kilometer die Athleten an ihre äussersten Grenzen führten und daher der attraktivste Teil des Rennens waren, wählte man fortan meist die verlängerte Distanz. Am 27. Mai 1921 beschloss der Internationale Leichtathletikverband, die neue Distanz verbindlich vorzuschreiben. Damit war ein neues Stück modernistischer Antike in die Welt gesetzt.
Michael Gamper ist Literaturwissenschafter und freier Journalist. Er lebt in Zürich.