NZZ Folio 04/05 - Thema: Beim Zahnarzt   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Die Fünf-null-eins

© Patrick Rohner
Jeans <501>, Denim, Waschung <Hit>, Levi's 129.90 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

Es gibt kein ikonenhafteres Kleidungsstück als die 501 von Levi’s. Das Kürzel ist fast bekannter als der Name des Herstellers. Viele halten dieses Modell für die Mutter aller Jeans, in Wahrheit wurde es aber um 1890 erstmals angeboten, fast zwanzig Jahre nachdem Levi Strauss und sein Partner Jacob Davis das Patent für eine Hose mit Nieten bekommen hatten.

Die erste Jeans war die 501 also nicht – darum streiten sich übrigens auch die Genuesen (das Wort Jeans ist abgeleitet von Genua) und die Franzosen, die in Nimes den ersten Denim (de Nimes) woben. Das Besondere an der 501 ist aber auch weniger ihr Stammbaum als ihre mythische Qualität, die zu stärken sich die Firma Levi’s stetig bemüht.

Levi’s scheut keine Kosten, die 501 begehrenswert zu halten. Seit Jahrzehnten produziert die Firma Werbespots, di e gelegentlich Kultstatus erlangen, wie einst jener mit dem Adonis, der nur mit seiner Jeans in die Badewanne stieg, oder jener mit Nick Kamen, der sich 1 984 im Waschsalon entblösste und die Umsatzkurve um 500 Prozent hochschnellen liess. Nicht selten werden mit dem 501-Spot auch Hitparadenknaller lanciert. Die jüngsten Levi’s-Spots sind eben angelaufen: minutenlanges Strassentheater mit Shakespeare-Dialogen.

Zurück zur Jeans. Noch nie hat das Unternehmen Levi Strauss & Co., dessen Hosen täglich irgendwo auf der Welt kopiert werden, sich in die Karten blicken lassen und einen kompletten Bausatz zur 501 ausgeliefert. Zu gross ist die Angst, Betriebsgeheimnisse könnten in falsche Hände gelangen. Dabei offenbart die zerlegte Five-pocket-Hose nicht viel mehr, als jeder Quartierschneider mit einer Schere und etwas Geduld auch in Erfahrung bringen kann. Die Einzelteile einer Jeans sind keine Kunst: eine schlichte, dauerhafte Hose mit Beinen, die ab dem Knie kerzengerade geschnitten ist. Genäht wird sie in Polen oder der Türkei, das variiert je nach Serie. Spannend ist erst, was man aus der fertig genähten Hose macht.

Das «Washing» und «Distressing» von Jeans ist nämlich eine ganze Wissenschaft. Womit und wie lange wird gewaschen, um diese Weichheit oder jenen optischen Effekt zu erzielen? Wird die Jeans dabei auch mechanisch bearbeitet, stellenweise gar absichtlich zerstört? Levi’s bietet Hosen in zwei Dutzend Waschungen an, von der fast ganz ausgebleichten «Beach Bum» über die butterzart gespülte «Exploited» bis zur naturbelassenen und brettigen Optik der «One Wash». Die 501 gibt es auch in der lockeren «Anti-Form», die 1890 erstmals entwickelt wurde und sich vom abgebildeten Modell darin unterscheidet, dass die Gesässnaht gerade statt rund geschnitten ist.

Egal, wie man sie am liebsten gewaschen mag: die 501 bleibt eine Jeans jenseits von schnellen Verfallskriterien. Sie sitzt nicht besonders eng oder tief, wie es derzeit «in» ist, und stellt damit ein Anti-Statement zur Mode dar. Trägt man sie, ist sie nicht von Beginn an cool, man muss sich erst in sie hineinleben.

So bleibt die 501 ein sicherer Wert, wenn man all die Pepes, Diesels, Sevens oder Blue Cults schon hinter sich hat. Besonders originell ist die Hose nicht, aber alleweil sehr respektabel. 




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