NZZ Folio 08/02 - Thema: Schule   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Endlich Ferien!

© Anna Sommer
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Von Joni Müller
WENN MAN STATISTIKERN und Psychologen Glauben schenken will, und ausnahmsweise wollen wir dies hier mal, so sind Ferien dem Fortbestand der Familie alles andere als förderlich. Ja, entgegen der oft beschworenen Idylle von sandburgenbauenden Vätern oder vom beglückenden gemeinsamen Wandern von Jung und Alt durch Feld und Wald sind Ferien für Familien fast wie Weihnachten. Eine harte Prüfung nämlich, die sie nur allzu oft nicht bestehen.

Unzählige Scheidungen nehmen an herrlichen Sandstränden ihren unseligen Anfang, gar manche tiefe Zerrüttung lässt sich zurückverfolgen bis nach Kreta oder an die Costa Brava. Wo das Hotelzimmer nicht den Erwartungen entsprach und die Familie erst recht nicht, wo die Milch am Frühstücksbuffet immer sauer war und Mami ebenfalls und wo der Strand so versaut war wie die Laune. All dies macht’s reichlich schwierig, die schönsten Wochen des Jahres schön zu finden. Auch wenn und gerade weil die Vorfreude wider besseres Wissen gross war.

Macht man den Fehler, mit dem Auto in den sonnigen Süden zu fahren, so fängt das Elend etwa bei Kilometer 6 von 600 an. Besonders schlimm ist’s mit kleinen Kindern, die ständig fragen, wie weit es denn noch sei bis nach Italien. Noch übler ist’s mit Pubertierenden, die ebenso pausenlos maulen, dass sie sowohl den Weg als auch das Ziel sowie Familienferien überhaupt total uncool fänden. Womit sie zwar durchaus recht haben, aber gerade deshalb mächtig nerven.

Nicht rosiger sind die Aussichten für Flugreisende, wobei hier der zu Ferienbeginn übliche Stau immerhin durch Restaurantbesuche verkürzt werden kann und öffentliche Bedürfnisanstalten private Bedürfnisse abdecken. Die Bahn ist zwar meist pünktlich, doch ist die Hitze unerträglich, man muss Gepäck schleppen und neben dem Lärm der eigenen Kinder auch den aller anderen ertragen. Welches Verkehrsmittel man auch wählt - schon die Reise ins Glück ist so strapaziös, dass es einem nur höchst selten winkt. Dann gilt es, all die öden Tage zwischen Hotel, Strand und Ristorante zu ertragen, das fragwürdige Essen, die lauten schwülen schlaflosen Nächte, rund um die Uhr zusammengepfercht auf engstem Raum.

Ferien sind Alltag unter erschwerten Bedingungen, sind eine Überlebensübung für die Familie. Ihr tieferer Sinn kann einzig in jenem Diktum von Nietzsche liegen, das für die Familie genauso gilt wie für ihre einzelnen Mitglieder: Was sie nicht umbringt, macht sie stärker. In diesem Sinne allen Eltern ein mitfühlendes «Kopf hoch und schöne Ferien!»

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