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Auf Bügeln und Brechen
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Die Befreiung des Haushalts aus den vier Wänden: Kleiderbügeln als Extremsport.
Von Andreas Dietrich
Die junge Frau benötigte fast eine Stunde, um ein Geschirrtuch, ein Frottétüchlein, ein T-Shirt, ein Hemd und ein Paar Boxershorts zu bügeln. Danach hatte sie blaue Flecken an den Hüften und war erschöpft. Wer von Haushaltführung eine Ahnung hat, weiss: Als Hausfrau ist die eine Null.
Dennoch wurde die 33-jährige Inga Kosak aus München im vergangenen September gefeiert wie ein Star; das ist sie in gewissem Sinne auch. Das Geschirrtuch hatte sie auf einem Baum gebügelt, das Frottétüchlein in einem Fluss, das T-Shirt in einer Kletterwand (Prellungen!), das Hemd auf einem Dorfplatz und die Shorts auf dem Fahrrad. Dazwischen rannte sie 1,5 Kilometer, mit Siegeswillen im Herzen und dem Bügelbrett auf dem Rücken sowie mental gegen die Schlachtrufe österreichischer Fans ankämpfend, die ihre Leute mit «Bügelt s’ übern Haufen!» anfeuerten. Als die Jury, darunter auch Haushaltlehrerinnen, Zeit, Kreativität und Bügelergebnis der gut siebzig Athletinnen und Athleten aus neun Nationen ausgewertet hatte, wurde die Frau mit der Startnummer 43 aufs Podest gerufen: Inga Kosak, erste Weltmeisterin im Extrembügeln. Man nennt sie Hot Pants.
Die von Dash («das Waschmittel auch für extreme Situationen») unübersehbar gesponserten Weltmeisterschaften sind der vorläufige Höhepunkt in der jungen Geschichte des Extrembügelns, dem man Unrecht täte, würde man es als lediglich weitere oder gar krude Trendsportart abtun.
Obwohl: Ein Sport ist es schon; wer ihn regelmässig betreibt, kommt mit dem Bügelbrett zum Waschbrettbauch. Mehr noch aber hat Extrembügeln das Potential zur Gesellschaftsveränderung. Es ist der vielversprechende Ansatz, die leidbringende Trennung zwischen Hausarbeit und Freizeitbeschäftigung aufzuheben. Wer das Wort «ganzheitlich» mag, sollte das Extrembügeln nachhaltig willkommen heissen.
«Am Anfang war es eher als Witz gedacht, als Parodie auf den Extremsport», sagt Phil Shaw, der Erfinder. Er hat die Ursprünge des Extrembügelns so oft erzählt und niedergeschrieben, dass die Geschichte nun einwandfrei geglättet ist: Es war ein schöner Sommerabend 1997 in Leicester, England, als Shaw nach einem langen Tag in der Fabrik nach Hause kam und vor einem Berg zerknitterter Wäsche stand. Draussen schien noch die Sonne, und so schleppte er das Brett in den Garten und bügelte unter freiem Himmel. Da durchfuhr den jungen Mann die Idee: Warum nicht das mühsame Bügeln mit dem Hobby Klettern kombinieren? Gedacht, getan – Extreme Ironing war geboren. Und bald auf die Wohlfühlformel gebracht: «Es kombiniert den Nervenkitzel einer Extremsportart mit der Annehmlichkeit eines gut gebügelten Hemdes.»
Auf einer Weltreise verbreitete der Pionier, man nennt ihn Steam, die Kunde vom neuen Extremsport, Ableger entstanden von Island bis Neuseeland. Im Internet zeigen die Anhänger einander und staunenden Zufallsbesuchern die spektakulärsten und bizarrsten Bilder: Bügeln zwischen Felswänden auf 1800 Metern Höhe, Bügeln im Tauchanzug unter oder auf Wasserski über Wasser, Bügeln im Menschenstrom von Innenstädten, Bügeln in der Antarktis, in der Wüste, auf dem Rücken einer Kuh – kein Flecken der Erde zu abseitig, um ihm nicht an die Wäsche zu gehen. Definiert ist die Tätigkeit gemäss WM-Regulativ wie folgt: «Ziel ist es, das Bügeln auf die Spitze zu treiben, indem man einen spektakulären oder kreativen Bügelstil an den Tag legt und gleichzeitig die Falten aus den Kleidern bringt.»
Noch bilden die praktizierenden Extrembügler eine eingeschworene Szene aus einigen hundert Freaks, Anhängerschaft und Bekanntheitsgrad steigen stetig. In seiner Heimat erzielte der glatte Sport einen Beachtungserfolg: In einer BBC-Variante der Fernsehsendung «Was bin ich?», wo Erfinder Shaw an einem Seil hängend kopfüber bügelte, wurde der Extrembügler vom Rateteam mit verbundenen Augen erkannt – nicht aber der Bogenschütze. Dies im Land von Robin Hood.
Zentrum des Extrembügelns jedoch ist heute ein Keller im Münchner Quartier Haidhausen. Dort hat Geis, die German Extreme Ironing Section, ihr Clublokal. Die Deutschen haben die Weltmeisterschaft organisiert, sie gelten als die grösste und aktivste Gruppe, gewiss ist es die ernsthafteste. In ihren Händen ist die Parodie zum Original geworden. Sie haben die Aufnahme in den Deutschen Sportbund beantragt.
«Natürlich sagen viele Leute: Ihr spinnt ja wohl total», erzählt Götz Winter, eine der treibenden Kräfte bei Geis. «Ich frage dann zurück: Und welchen Sport betreibst du?» Bungee-Jumping, Inlineskating, Canyoning, Snowboarden – was soll daran besser sein als an Extrembügeln? Götz Winter findet: nichts. Im Gegenteil. Extrembügeln macht nicht nur fit und Spass, sondern auch Sinn. «Wenn wir am Sonntag von unserem Sport heimkehren, bringen wir frisch gebügelte Wäsche mit nach Hause. Wir hatten unser Erlebnis und haben gleichzeitig einen Teil der lästigen Hausarbeit erledigt.» Wenn die Länder neue Männer brauchen, hier ist einer. Der 33-jährige Vater von drei Kindern, man nennt ihn High-Grade-Steel-Sole (HGSS), bügelt die Wäsche ausnahmslos selber, wenn auch ausnahmslos nie zu Hause. Die Kids finden Daddy cool.
Der Sinn war in den Anfängen in Frage gestellt. Die unter abenteuerlichen Umständen gebügelte Wäsche kam verschrumpelt von den Touren zurück, «beim Rücktransport gingen bis zu 40 Prozent flöten», sagt Winter. Inzwischen liefern routinierte Falttechniken und umgewerkelte Hartschalenrucksäcke knitterfreie Erfolgserlebnisse. Das freilich ist Bastelei im Vergleich zur Lösung des grössten Problems, das mit dem Extrembügeln in die Welt gekommen ist: Wie wird, fernab der Zivilisation, das Eisen heiss? Die einen behelfen sich mit Verlängerungskabeln, der Autobatterie, mit Generatoren oder einer Stahlplatte über Campinggaskochern, auf der das Eisen erhitzt wird – das ist die Steinzeit des Extrembügelns. Die Engländer sind mit batteriebetriebenen Bügeleisen die traurigen Pioniere des Industriezeitalters, denn schon winken ihnen die Deutschen aus der Hightechzukunft zu.
Dem 38-jährigen Geis-Mitglied und Ingenieur Christian Dietl, man nennt ihn Dr. Iron Q., ist vor etwa einem Jahr eine Tüftelei gelungen, die für den Bügelsport ist was das Handy für die Telefonie. Waren die Chinesen im 11. Jahrhundert die vermutlich ersten Menschen, die glühende Kohlen in Bügelpfannen gaben, so ist Dietl der erste Extrembügler, der Silikagel in ein ausgebeintes Normbügeleisen füllte. Die im Handel erhältlichen Kügelchen, sie werden unter anderem zum Trockenhalten von elektronischem Gerät verwendet, setzen Wärme frei, sobald sie mit Wasser in Berührung kommen. Nach dem Trocknen können sie wieder und wieder eingesetzt werden – zum Bügeln, wo immer man dies für angebracht hält.
Prototypen solcherart frisierter Bügeleisen wurden an der Weltmeisterschaft allen Teilnehmenden zur Verfügung gestellt, am Ende aber eingesammelt und abgezählt, man weiss ja nie. Denn noch arbeitet Dr. Iron Q., wie er zur Auskunft gibt, «an einer patentfähigen Lösung nicht nur in Bezug aufs Bügeln, sondern als energetisches System zur Lösung des Weltenergieproblems».
Mit Energie in einem noch umfassenderen Sinn beschäftigt sich Marion Sagasser, man nennt sie Ironovska. Sie gilt zusammen mit Jasmin Marschall, deren Übername Irony keine falschen Vorstellungen wecken sollte, als Guru der sanften Variante des Extrembügelns: des Eso-Ironings. Bei der harmonischen Verbindung aus Yoga, Fengshui und Kleiderbügeln, die wenn möglich in der Nähe eines Fliessgewässers praktiziert werden sollte, «geht es weniger um die Hitze, die durch das Bügeleisen erzeugt wird, als um die innere Wärme», sagt Sagasser. Für sie ist das Eso-Ironing «schon eine Art Sport, halt ein ganzheitlicher». Da schwer messbar, war er an der Weltmeisterschaft keine Wettkampfdisziplin, aber doch in Gestalt eines Meditationszeltes präsent; in Lotusblütenform angeordnete Bügelbretter luden zu Einkehr und Hausarbeit.
«Bist du gut zu deinem Textil, hast du auch eine gute Ausstrahlung», lautet der theoretische Überbau einiger Eso-Ironisten, dem sich Sagasser nicht bedingungslos unterwirft. «Ob sich die Energie wirklich auf die Bluse überträgt, ist eine Glaubenssache; mir geht das zu weit ins Metaphysische hinein.» Auf der Alltagsebene ist die Zustimmung ungeteilt. «Ich zehre davon, wenn ich ein Hemd am Sonntag auf einem Berg gebügelt habe und es am Montag im Büro trage», sagt die Weltmeisterin und Bildungskoordinatorin Inga Kosak. «Da trägst du das Naturerlebnis bei dir.»
Wenn es für den Berg nicht reicht, schleppt sie die Wäsche und eines ihrer acht Bügeleisen («Wenn ich eines sehe, das mir gut gefällt, kann ich selten widerstehen») manchmal auch nur an die Isar um die Ecke. Da bügelt Inga Hot Pants Kosak, die wie alle Extrembügler das sogenannte Normalbügeln öde findet, sogar ihre Jeans. «Ich habe mal eine Chefin von mir in ungebügelten Jeans gesehen, das fand ich so unmöglich, dass ich mir gesagt habe: Mir passiert das nie.»
Götz Winter weiss in diesem Zusammenhang zu berichten, dass seine Mutter sogar die Aufhänger an den Geschirrtüchern zu bügeln pflegte. Er stellt sich bezüglich Rigorosität durchaus in die Familientradition; als Extrembügeln zeigt sie sich lediglich in neuem Gewand: «Wenn schon bügeln, dann richtig.»
Für das Fortkommen des Extrembügelns zeichnen sich, grob betrachtet, zwei Entwicklungen ab. Die eine betrifft den Sport, da die österreichische Sektion Pläne hegt, eine Winter-WM durchzuführen. «Spätestens dann wird es auch bei den Schweizern scheppern», meint Götz HGSS Winter; von Schweizer Extrembüglern ist bisher nichts bekannt. Im Schnee wird das Bügelbrett an Bedeutung zulegen und, gut möglich, das Snowboard als Abklatsch erscheinen lassen. Das Fernziel von Geis ist klar: «Es ist eine Frage der Zeit, bis Extrembügeln eine olympische Disziplin wird.» Buckelpistenfahren und Curling sind es schon.
Gesellschaftlich bedeutungsvoller ist die «Versportlichung des Haushalts». Götz Winter ist sich sicher, «dass da noch einiges drinliegt». Extrembodenwischen sei eine Möglichkeit, leider aber auf die Wohnung beschränkt; beim Power-Wäscheaufhängen werde der Spielraum schon ein bisschen grösser. Sinnvoll sei es auf jeden Fall, in diese Richtung weiterzudenken. «Alle Leute sind gestresst, für nichts mehr hat man genug Zeit, da muss man einfach verschiedene Tätigkeiten unter einen Hut bringen.» Weltmeisterin Inga Kosak ist eher skeptisch. «Geschirrspülen, Bad putzen – im Haushalt gibt es vieles, wo man einfach durchmuss. Ich bin froh, dass ich für das Bügeln etwas gefunden habe. Immerhin etwas.»
Für das Übrige beschäftigt sie eine Putzfrau, der es untersagt ist, sich dem Wäschekorb zu nähern.
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