Kürzlich ist einem Herrn ein Missgeschick passiert. Er sass still in einer Ecke der U-Bahn und sah auf seinen Manager-Koffer, der auf seinen Knien lag. Plötzlich, niemand weiss warum, löste sich das Springschloss des Manager-Koffers, und der Deckel öffnete sich.
Sichtbar wurden keine Aktienbündel, keine sonstigen Schriftstücke und auch nicht das «Handelsblatt». Die Fahrgäste erblickten vielmehr zwei Spielzeugautos, eines aus Plastic und eines aus Metall, mehrere Comic-Hefte und ein kleines Motorboot für die Badewanne. Der Herr verlor nur momentweise seine Fassung; wie fast alle Menschen, die ihre Kindheit zu retten suchen, blieb er ernst und schloss bedächtig den verräterischen Koffer.
So ähnlich wie dieser Erinnerungsreisende kippt auch die Bedeutung der Postkarte, die ich hier beschreiben möchte. Auf den ersten Blick geht von ihr eine luftige, ja komische Leichtigkeit aus. Wir sehen eine kleine Familie, die auf einem Motorrad sitzt und irgendwohin fährt. Vermutlich machen die Leute einen Verwandtenbesuch, oder sie fahren für ein paar Tage in Urlaub.
Dabei ist es nicht leicht, das Moment des Komischen festzumachen. Wahrscheinlich geht es aus der wissenden Unbekümmertheit der Leute hervor; ich denke, den Motorradfahrern ist bekannt, dass ihr Outfit manchen zum Lachen reizt.
Aber die Leute machen sich nichts draus, und darin liegt der Kern ihrer Souveränität. Komisch ist sicher auch die vereinheitlichende Wirkung der Montur, das Egalisierende der Wetterjacken, Kopfbedeckungen und Schutzbrillen, die ihre Träger entindividualisiert - zumindest äusserlich.
Wir erkennen nicht einmal, wer der Vater und wer die Mutter ist. Nur per Konvention (weil Kinder üblicherweise bei ihren Müttern sind) dürfen wir vermuten, dass die Figur im Beifahrerwagen die Mutter ist. Kaum haben wir sie identifiziert, fällt uns eine sonderbare Einzelheit auf. Das Baby nämlich ist, ganz im Gegensatz zu den Eltern, nicht gegen die Witterung geschützt. Sein blosser Kopf ragt in den Fahrtwind.
Deswegen kippt an dieser Stelle die Bedeutung des Bildes. Zum erstenmal halten wir es für möglich, dass die Familie nicht freiwillig reist, ja, dass sie nicht einmal reist.
Die Nachlässigkeit, die das Kind auszuhalten hat, ist vielleicht nichts weiter als das Ergebnis der Eile, in der die Familie hat handeln müssen. Jetzt haben wir's: In Wahrheit sind die Leute auf der Flucht. Nur aus Genugtuung und Dankbarkeit darüber, dass sie noch entkommen konnten, haben sie vergessen, das Kind entsprechend anzuziehen.
Daraus wird viel später, wenn aus der Flucht eine Erinnerung geworden ist, eine Familienerzählung werden. Der Kleine sass mit damals auf dem Schoss wie bei einem Picknick.
Fällt uns jetzt nicht auch das sonderbare Gepäck der Familie auf? Nicht, dass ein Seesack und zwei Koffer, für sich genommen, eigentümlich wären. Aber in der Art, wie die Koffer nachträglich mit Kordeln gesichert worden sind, liegt das Zeichen der Zweideutigkeit. Die Verschnürung ist ein Hinweis, dass die Reise, nein, die Flucht viel länger dauern wird, als die Flüchtenden sich je vorstellen konnten.
Der überraschende Ernst, der in diese Postkartenbeschreibung eindringt, ist nichts weiter als die Drohung der Geschichte, ohne die uns zu leben nicht mehr gestattet ist. Zu den zahllosen Tätigkeiten, die früher nur Zeitvertreib waren und die durch den Faschismus ihre Harmlosigkeit eingebüsst haben, gehört auch das Reisen. Müssen wir es nicht jederzeit für möglich halten, nach irgendwohin verschwinden zu müssen?
Das Bildzeichen dieser Zweideutigkeit ist der Koffer. Bis auf den heutigen Tag tragen Leute, die fliehen, an der linken Hand einen Koffer, mit der rechten führen sie ein Kind über holprige Strassen und morastige Äcker. Aus vielen Biographien, die auf uns gekommen sind, wissen wir oder konnten wir wissen, dass Fliehende immer nur einen Handkoffer mitnehmen dürfen, in dem das Allerpersönlichste Platz finden muss.
Deswegen werden alte Koffer nicht weggeworfen. Sie überwintern in Kellern und auf Dachböden und erinnern ihre Besitzer an das Unerhörte, das sie einmal gewagt und mit dem Koffer überlegt haben. Dabei weiss jeder, der einmal selbst in Friedenszeiten mit einem Koffer eine Landesgrenze überschritten hat, dass uns ein Koffer nicht schützt. Im Gegenteil; der Koffer sammelt nur alles von uns, was dann von anderen jederzeit kontrolliert werden darf.
Jeder fremde Grenzbeamte ist berechtigt, unseren Koffer zu öffnen; er darf mit den Händen in unseren privaten Dingen umhergleiten und jeden Gegenstand, den er ertastet, verdächtig finden oder nicht. Es gibt Reisende, die während dieser Prozedur zur Seite oder auf den Boden blicken. Sie empfinden die Scham, die der Beamte nicht empfindet oder nicht empfinden darf.
Weil sich in den Koffern ein Teil unseres Lebens ereignet, träume ich manchmal davon, es werde eines Tages eine Verfassung geben, die unsere Koffer (und, bei dieser Gelegenheit, auch unsere Briefkästen, die ebenfalls nach aussen verlagerte Intimräume sind) genauso schützt wie unsere Wohnung.
Im Fall des deutschen Grundgesetzes wären dazu nur zwei kleine Änderungen nötig. In Artikel 13,1 des Grundgesetzes heisst es: «Die Wohnung ist unverletzlich.» Man muss nur zwei Worte einfügen, dann lautet der Artikel so: «Die Wohnung, die Koffer und der Briefkasten sind unverletzlich.» Ich weiss, zu dieser Erweiterung des Artikels wird es nicht kommen; eben deswegen träume ich von ihr.
Wilhelm Genazino lebt als Schriftsteller in Frankfurt a. M. Zuletzt von ihm erschienen ist der Roman «Leise singende Frauen» (Rowohlt 1992).