NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Le Corbusier Josephine Baker geheiratet hätte

Von Köbi Gantenbein
Der Kapitän der «Giulio Cesare» lässt die Sirene heulen. Unter der Hundertschaft nobler Gäste, die 1929 von São Paulo aus nach Montevideo in See sticht, zieht Josephine Baker, die in Paris und Berlin populäre junge schwarze Tänzerin, alle Blicke auf sich. Nahe neben ihr steht der Maler und Architekt Charles-Edouard Jeanneret-Gris. In der Pariser Avantgarde ist er seit 1923 bekannt unter seinem Künstlernamen Le Corbusier. Er hat in La Chaux-de-Fonds, aber auch in Paris, Antwerpen, Stuttgart und Moskau gebaut.

Wie die Tänzerin mit ihren freizügigen Auftritten hat er mit seinen Projekten und Parolen für Aufsehen, ja für Skandale gesorgt. Le Corbusier ist 1929 zum ersten Mal in Südamerika. In São Paulo besuchte er eine Aufführung der Tänzerin und war begeistert: So, wie diese Frau tanzte, vollendete sie seine architektonischen Ambitionen. Sie inspirierte sein Werk, trieb ihn später, so besagen Gerüchte, die Villa Savoye zu bauen. Le Corbusier folgte ihr an Bord. Man lernt sich kennen. Und da Le Corbusier ein guter Zeichner ist, sitzt ihm Josephine Baker bald schon Modell in seiner Kabine. Nackt.

So weit die Wirklichkeit. Doch was wäre gewesen, wenn sie sich verliebt hätten und zusammengeblieben wären? Wenn Le Corbusier klar geworden wäre, dass so, wie die Baker Bewegung und Raum ineinander aufgehen liess, er nie imstande sein würde zu bauen – und er es folglich hätte bleiben lassen?

Le Corbusier sitzt in seiner Kabine und zeichnet, er weiss, von ihrer Seite wird er nicht mehr weichen. Weil Josephine Baker bereits verheiratet ist, begnügt er sich mit der Stelle des Pianisten in ihrer Band. Er kommt ja aus musikalischem Haus, seine Mutter ist Klavierlehrerin, sein Bruder Geiger. Und so prägt er Josephines Jazzband bis 1963 am Klavier und – seinem Temperament entsprechend – bald als Arrangeur und Dirigent.

Geht es der Architektur deshalb schlecht, weil sie fortan auf ihre Jahrhundertfigur verzichten muss? Gewiss, es gäbe keine Bauten und massgebenden Bücher zur Architektur. Aber anders wäre die Welt nicht, denn ihre Form ist dem Profit im Boden-, Planungs- und Baugeschäft geschuldet und nicht dem architektischen Furor.

Dafür nimmt die Tanz- und Unterhaltungsmusik eine epochale Wende. Le Corbusier, der sich nun Edi Gris nennt, setzt die freien, aber präzisen Metren durch; unbeirrt propagiert er rationale Strukturen gegen die Irrwege der Gewohnheiten und ruft: «Fortschritt!» Er entwickelt Klangfarben in 63 Einheiten, geordnet zu 14 harmonischen Folgen. Neugierig bringt er jede technische Neuerung in die Band und immer die neusten Erfindungen in Josephines Kostüme ein: gläserne Röcklein, Frisuren aus Kunststoff, Schühlein aus Sperrholz. «La musique automotive» wird zum musikalischen Ereignis in den Tanzpalästen. Jahre vor Glenn Millers «Chattanooga Choo Choo» tanzen 1935 die nun schon reife Josephine und ihre Ziegfeld Follies den «Rasenden Roland» zum Stampfen der Dampforgeln, der elektrischen Saxophone und der hydraulischen Flöten. Edi formt die Figur des Bandleaders zur hohen Autorität über allem musikalischen Geschehen.

Immer wieder bricht er auf zu langen Reisen durch Griechenland und Nordafrika, deren Musikkulturen er aufsaugt und einbringt in seine Band: stampfende Rhythmen und hymnische Weisen. Und unablässig begleitet er sein Werk und Josephines Tanz mit Vorträgen, Artikeln, Büchern und Vorlesungen, denn Ideologie ist ebenso wichtig wie das Tun. So setzt er Standard um Standard durch und folgt in allem seinem Hang zu Grösse und Bedeutsamkeit. 1947 endlich wird Edi Josephines vierter Mann.

1963, als er an einem Galakonzert im Yacht Club de Monaco seinen Abschied nimmt, spielt er zum letzten Mal mit der ihm eigenen, nie verglühenden Leidenschaft «Pretty Little Baby» als dritte Zugabe. Damit schliesst er eine der grossen Künstlerkarrieren des 20. Jahrhunderts ab, und seine alte Heimat verdankt sie ihm dreissig Jahre später mit einem Auftritt als Titelheld auf der Zehnerno

Köbi Gantenbein ist Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre»; er lebt in Zürich.

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