Hier ist Olten, hier mach Ferien! Es muss ja nicht immer Rhodos sein, obwohl Rhodos für Ferien selbstverständlich naheliegender wäre als das viel näher liegende Olten, dafür nicht halb so exotisch. Und es müssen auch nicht immer zwei Wochen sein, es können, da Ferien sowieso immer zu kurz sind, auch einmal nur drei Tage sein.
Für drei Tage also werde ich in der Stadt am Eisenbahnknotenpunkt sein, wo ich nach der knapp vierzigminütigen Eisenbahnfahrt von Zürich hierher an diesem Spätnachmittag mit Sack und Pack über die alte Holzbrücke gehe, die die bahnhofseitige Stadt mit der winzigen hübschen Altstadt verbindet. Erst aus der Vogelperspektive werde ich richtig erkennen (besorgen Sie sich unbedingt einen dieser Flugfoto-Stadtpläne, wenn Sie in Olten Ferien machen), wie kompakt diese Altstadt ist und wie randscharf sie sich von der übrigen Stadt abgrenzt, wie die Perle von der Auster. Unter mir fliesst dunkelgrün die Aare, die jetzt (Sie kennen das auch, es wird einem immer wohlig schwindlig dabei) sofort zu fliessen aufhört, wie ich hinunterschaue, dafür beginnt die Brücke mit mir drauf flussaufwärts zu schweben. So wie manchmal der Bahnhof vom Zug wegfährt, in dem man sitzt. Das Ferienwetter ist gut, im Wetterhäuschen stehen die Zeiger auf 18 Grad warm und auf 770 Millibar schön, bei steigender Tendenz.
Das also schwimmende Hirn nimmt wahr: flussaufwärts am rechten Flussufer die schneeweisse Badeanstalt, ein Stück schöne Bauhausarchitektur. Darüber ein Stück Stadt, dahinter bewaldete grüne Hügel, von denen der eine die Konturen des Gesichtes eines Mannes hat, der liegt oder seinen Kopf extrem in den Nacken legt. Am linken Ufer sitzen unten am Wasser mit dem sicherem Sinn für die besten Orte, den sie in allen Städten an den Tag legen, mit ihren Hunden die Junkies und haben es schön.
Flussabwärts in der Ferne eine Eisenbahnbrücke, etwas näher die Bahnhofbrücke und direkt vor der Nase zur Linken die Häuser der Altstadt mit den Füssen im Wasser, was sie bei Hochwasser wohl gelegentlich büssten, 1852 etwa. 1852, im Jahr, als sich Bern gegen die Staatsbahn aussprach und den Eisenbahnbau den Kantonen überliess – ein für Olten bedeutender Entscheid –, stand das Wasser am höchsten, da stand es sicher drei Meter höher als jetzt. Letztmals auf mehr als 1,5 Meter höher als jetzt stand die Aare in einem anderen bedeutsamen Jahr: 1972, also als wir in Sapporo zehn Goldmedaillen holten und als, ein Skandal sondergleichen, das sei an dieser Stelle wieder einmal gesagt, die Kavallerie abgeschafft wurde.
Um vier Uhr war ich zum ersten Mal im Leben in der Oltner Altstadt, die mir mit ihren hübschen gepflästerten Gassen und Plätzchen, den Läden und den schattigen Cafés ausnehmend gut gefällt. Jetzt ist halb sechs, und ich habe schon fünfmal die Hauptgasse durchschritten und getraue mich fast kein weiteres Mal mehr auf und ab. Ich jedenfalls würde, wenn ich in einem dieser Strassencafés sässe, jemanden, der seit anderthalb Stunden immer wieder dieselbe Strasse auf und ab geht, sicher seltsam finden. Dabei hätte ich gern nochmals in die Buchhandlung geschaut mit dem merkwürdigen Roman im Fenster, «Kalbsschweigen». Kalbsschweigen. Aber vielleicht hat das ja jeder in einer kleineren Stadt als seiner: der New Yorker fühlt sich in Zürich beim Auf-und-Ab-Gehen beäugt, der Basler in Winterthur, der Oltner in Brugg.
Aber wartet nur, in ein paar Stunden werde ich euch auch beäugt haben und nicht mehr nur ihr mich. Und nicht nur das, ich werde euch auch belauscht haben, ohne dass ihr mich saht: von meinem Zimmer im obersten Stock des «Löwen» aus, dem prächtigen Zunfthaus an der Hauptgasse der Altstadt, wo mir, als ich das Zimmer bezog, auf der Treppe eine schöngekleidete Gesellschaft entgegenkam, die ins Säli wollte.
In dem grossen und schönen Zimmer, sicher dem einzigen weit und breit, in dem es einen Flaschenöffner und keine Minibar hat, streckte ich nämlich auf dem riesigen weichen Bett mit den roten Lämpchen an der Bettstatt, die eher dunkel gaben als hell, die müden Beine aus, die mir das Leben und die lange Abendwanderung der Aare entlang beschert hatten, auf der ich um ein Haar verlorengegangen wäre (Sie werden davon noch lesen). Vom Platz herauf drang an dem frühsommerlichen Abend noch lange Gemurmel, ich fühlte mich den fremden Menschen dort unten wohlig zugehörig, ohne selber dabei sein zu müssen. Ich lag wohlig da und hörte dem Gemurmel zu, bis es sich zu entfernen begann und ich in tiefen Schlaf fiel.
Gehen Sie, wenn Sie in Olten sind, meinetwegen zum Sälischlössli hinauf, gehen Sie sogar unbedingt, denn es ist ein spektakulärer Ort und eine schöne Wanderung dort hinauf, auch wenn mit zunehmender Höhe vom Atomkraftwerk im nahen Gösgen nicht mehr nur die schöne Dampffahne, sondern auch der klobige Kühlturm sichtbar wird. Wandern Sie an den blühenden, mittlerweile wohl schwer tragenden Obstbäumen vorbei in den lichten Mischwald mit den federnden, weichen Pfaden, der immer wieder den Blick freigibt auf pelziggrün bewaldete Hügel und in ein schönes kleines Hochtal, das die Oltner womöglich noch gar nicht bemerkt haben. Geniessen Sie, wenn Sie oben angekommen sind, den sagenhaften Luxus (der zwar nicht im Sinne des Erfinders war), ganz allein auf einer Terrasse zu sitzen, von der aus man bis ans Mittelmeer sieht. Trinken Sie auf der prächtigen Terrasse Ihren Kaffee oder Ihr Bier und nehmen Sie hinterher den Weg über Aarburg, überqueren Sie also die Kantonsgrenze in den Aargau und folgen von dort der Aare zurück nach Olten, das sind netto alles in allem etwa zweieinhalb Stunden. Nehmen Sie, wenn Sie zu schlapp sind, die ganze Strecke zu gehen, von Aarburg aus in Gottes Namen halt wie ich den Zug.
Gehen Sie also unbedingt zum Sälischlössli, jetzt darf man in Olten sicher auch wieder nach dem Weg dorthin fragen. Ich durfte noch nicht, mich schickte an der Bushaltestelle der Chauffeur des vorderen Busses in den hinteren und der vom hinteren Bus in den vorderen, als der gerade abgefahren war. Schon in der Gaststube meines «Löwen», wo sie beim Frühschoppen sassen, hatten sie mir mit der Antwort «einfach alles Richtung Sälischlössli» schon extrem weitergeholfen, zumal man das Sälischlössli auf dem ganzen weiten Weg von der Stadt hinauf zu ihm gar nie sieht. Die Oltner mochten den königlich-britischen Koch nicht besonders, der aus ihrem Sälischlössli, wohin sie früher auf Sonntagsausflug mit Zvieriplättli gegangen waren und dessen Türmchen aus Eisenbahnteilen sind, weil die seinerzeit beim Bau einfach gerade vorhanden waren, the highly sophisticated «Château Mosimann» gemacht hatte.
Das verstehe ich gut, das wäre mir auch auf die Nerven gegangen.
Kulturmässig gäbe es bessere Tage für Oltenferien. Die Theatersaison ist vorbei, die Cabaret-Tage kommen erst noch. Aber Theater und Cabaret gibt’s auch in Zürich, also tant pis. Hingegen gibt es in Zürich kein Bürostuhlrennen und kein Wett-Autoausbeulen, das heisst: vielleicht ja schon, aber das heisst dort dann anders, Hamlet vielleicht oder Groundings. In Olten habe ich leider beides verpasst.
Also nimmt man, was da ist: zum Beispiel das Orgelwunschkonzert in der schönen christkatholischen Stadtkirche, wo man sich Sachen wie «S Vreneli ab em Guggisbärg», die «Rhapsody in Blue» oder ein Manimatterlied wünschen kann, und zwar von einem grossartigen Organisten. Und geht anschliessend essen, zum Beispiel in den «Rathskeller», in den oberen Stock, im unteren ist zu dieser Zeit an- bis aufgeregte Afterworkstimmung und auch gar kein Platz. Isst also oben zum Beispiel Solothurner Weissweinsuppe, von der man noch nie gehört hat: Da isst man Zürigschnätzlets bis nach Hamburg hinauf und bis hinunter nach Rom, und die Solothurner Weissweinsuppe, die das mindestens so verdienen würde, hört bestimmt schon in Niederbipp wieder auf.
Die eine Ausstellung im Kunstmuseum hat man rasch gesehen, «Traffic» oder so ähnlich, nichts, wofür ich jetzt extra hierhergereist wäre. Dafür gab’s gleichenorts im Haus, das bis vor 40 Jahren noch nicht Kunstmuseum, sondern Martin-Disteli-Museum hiess, die scharfen politischen Karikaturen des Oltner Zeichners und Malers Martin Disteli zu entdecken. Und in den Räumen des Kunstvereins im zehnten Stock des Oltner Stadthauses sogar Olten höchstselbst. Dort hätte nun hängen/stehen/liegen können, was wollte: Ich hätte in jedem Fall daran vorbei und aus den Fenstern auf die Stadt hinuntergeschaut. Denn da lag als aufgefaltete Karte vor mir, was mir gestern Abend ein wachsendes geo- und topographisches Rätsel war.
Gut, das mag nicht allein an Olten gelegen haben. Dass ich in der Altstadt immer dieselbe Strasse entlanggegangen war, merkte ich ja auch erst, als ich zum fünften Mal an der Aufschrift «Fuck Tussis» vorbeikam, die mich richtig rührte, nachdem ich in unserer Stadt lange nichts anderes mehr als «Fuck Bush» gelesen hatte. Und immerhin finde ich jetzt auswendig den «Gryffe», der gleich vis-à-vis ist. Das Problem ist, ich erkenne eine Strasse nicht wieder, wenn ich sie von der anderen Seite begehe. Genaugenommen auch von derselben Seite nicht. Was ich sagen will: das Wegfinden ist nicht so mein Ding.
Das tut aber nur insofern etwas zur Sache, als man mir gesagt hatte, der Flussweg flussaufwärts sei schön, den solle ich gehen, ich aber den Flussweg flussabwärts erwischte, der – Oltnerinnen! Oltner! – im Fall aber auch schön ist. Man muss das nur richtig nehmen. Ich ging also und ging, und immer noch kam dieses Aarburg nicht in Sicht, das ich von gestern ja schon etwas kannte. Bald war sogar überhaupt nichts mehr in Sicht ausser dem Fluss, in dessen tiefes und zunehmend dunkleres Wasser die Bäume zunehmend tiefer die Äste hängen liessen. Es ging gegen Abend.
Links also der Fluss, rechts ein steiles Bord, über dem Bord eine Strasse, auf der ab und zu ein Auto im Irrsinnstempo daherkommt – ohne jemand am Steuer, wie einem scheint. Diese Strasse möchte man jedenfalls nicht überqueren müssen, da wäre man tot, ehe man’s sich versähe. Es gibt aber auch gar keinen Grund, die Strasse zu überqueren, denn auf der andern Seite ist nichts, schlicht nichts, das heisst: da ist ein hundert Meter hoher Maschendrahtzaun und dahinter nichts, schlicht nichts. Das heisst: dahinter sind irgendwelche fensterlosen, finsteren Gebäude.
Kilometer um Kilometer links also der Fluss, über den es kein Entweichen gibt, die letzte Brücke ist Tage her, eine nächste gibt es bestimmt nie mehr, rechts diese Geisterautorennbahn, rechts von ihr der Zaun, rechts vom Zaun auf zwei, drei Metern Höhe ein dickes Rohr, das mich die längste Zeit begleitet und ab und zu gespenstische Geräusche zu mir herübersendet, mir etwas zuzuflüstern scheint, und plötzlich im Boden verschwindet. Also auch nach rechts keine Fluchtmöglichkeit. Wenn einem da jetzt einer entgegenkäme, der einem nicht gutwill, bliebe nur die Flucht direkt nach hinten oder direkt nach vorn. Zurück ist es zu weit, nach vorn wahrscheinlich erst recht. Die Beklemmung würgt mir fast die Luft ab. Endlich wenigstens eine Brücke, aber es ist eine Eisenbahnbrücke hoch über dem Fluss. Auf ihr ein Güterzug aus schweren Kippwaggons, spinnwebenverhangen, wie mir scheint, der seit hundert Jahren dasteht und o Gott! genau jetzt! von Geisterhand angeschoben wird und sich lautlos bewegt.
Endlich steigt der Flussweg auf die Höhe der Fahrstrasse an, von der nun eine Strasse nach rechts weggeht, in ein neues Niemandsland. Ach, war das schön, sich ein wenig zu gruseln. Hier riecht es nun fein nach Gas, wohl aus dem kugelförmigen Silo links. Rangiergleise heften sich mir an die Fersen. Ein Schild weist zu Müller Holz. Müller Holz, da wird einem ein wenig warm ums Herz, bestimmt stellen da Männer, die Säger und Schreiner sind, Kästen und Kisten her. Bei eao und Packmat und Sintec, zu denen gleichenorts ein Wegweiser weist, hat man ja keine grosse Vorstellung mehr davon, was sie dort tun. Der Fleiss stellt wie in allen unseren Industriequartieren wohl auch in Olten nicht mehr viel her, sondern verwaltet, vertreibt, vermittelt und macht mit der Zeit sicher die Schilder vollends überflüssig, wie sich jetzt rechts von mir eins zeigt: «Das unbefugte Betreten des Werkstättegeländes ist strengstens verboten.»
Ich wäre gern keine Unbefugte, ich möchte unbedingt, der Zutritt zu dem riesigen Gelände wäre mir strengstens erlaubt. Denn hinter dem Zaun ist etwas, was noch Hand und Fuss hat, nämlich Räder und Rädchen, und bestimmt lärmt und riecht, nämlich die Werkstätten der SBB. Am schönen, grossen Treppengiebelhaus, dessen Tage hoffentlich nicht auch gezählt sind wie die der grossartigen Anlagen des stillgelegten Zementwerks am anderen Ende der Stadt, zaubert mir das altmodische «Nago»-Schild eine ferne Erinnerung auf die Zunge. Und ich stelle fest: Ich bin nicht nur müde, ich habe auch Hunger! Jetzt kommt mir, die ich seit Stunden keinen Menschen mehr sah, einer mit Auto entgegen, den der Hormonstau fast aus der Kurve trägt. Die Welt hat mich wieder. Ich versuche mich am liegenden Gesicht am Hügel hinter der Stadt zu orientieren, das allmählich aber mit der Dämmerung eins wird.
Wie ich, wie mir vorkommt: Stunden später und unterdessen auf der anderen Seite der Aare, das Ortsschild «Olten» vor mir sehe, Ortsanfangsschild und nicht etwa Ortsendeschild, frage ich mich, wo um alles in der Welt ich gewesen sein mag.
Ich habe mir in den drei Tagen Blasen an die Füssen gelaufen, ich bin abends bis in alle Nacht vor dem «Astoria» und in anderen Strassencafés gesessen und habe zufrieden dem Treiben der Oltner Jeunesse dorée zugeschaut. Ich habe die Läden an der Hübeli- und an der Konradstrasse, Oltens Designermeilen und wohl überhaupt Oltens Trendquartier, nach Trag- und Zahlbarem durchstöbert. Ich habe zu viel gegessen, sämtliche Kirchen angeschaut, am hübschen Wochenmarkt ein wenig Basilikum geklaut und bin im Buch, das ich mitgenommen hatte, keine zehn Seiten weitergekommen. So weit Ferien wie immer und überall.