DIE ARABER hatten es im Altertum zuerst geschrieben, die Römer und spätere Gelehrte wiederholten es beharrlich durch die Jahrhunderte: Bemerkt der Strauss eine Gefahr, steckt er rasch seinen Kopf in den Sand, wohl in der Annahme, wenn er nichts sehe, könnten ihn auch seine Feinde nicht wahrnehmen. Die Christen machten den Strauss dann zum Sinnbild der Heuchler und Simulanten, weil der Vogel gelegentlich mit seinen Flügeln mächtig schlage, sich aber doch nie in die Lüfte erhebe. Als Vogel-Strauss-Politik ist die scheinbare Dummheit des Tieres heute noch sprichwörtlich.
Dabei haben Zoologen und Verhaltensforscher in neuerer Zeit erkannt, dass der Strauss nicht nur über hervorragende körperliche Eigenschaften, sondern auch über höchst raffinierte Verhaltensweisen verfügt. Doch schon den Ägyptern war der Strauss nur Lieferant modischer Federpracht. Im alten Rom liess ein Kaiser seinen Prunkwagen von acht Straussen durch die Strasse ziehen. Ein anderer fand es lustig, sie im Zirkus zu enthaupten, um dann dem Publikum zeigen zu können, wie die kopflosen Tiere noch eine Weile herumliefen, ehe sie tot zusammenbrachen. Heute werden ausser den Federn auch noch das Leder und das fettarme Fleisch genutzt. In Südafrika gibt es Straussenfarmen mit Hunderttausenden von Tieren. Diese Massentierhaltung hat wenigstens die letzten wildlebenden Strausse vor der Ausrottung bewahrt.
Wie fossile Funde zeigen, hat sich der Strauss bereits vor 50 Millionen Jahren in den Steppen Asiens vom flugfähigen Vogel zum kleinen Laufvogel entwickelt. Der Verzicht aufs Fliegen erlaubte dem Tier, den Körper grösser und kräftiger werden zu lassen. Vor einigen Jahrmillionen erreichte es riesige Formen; dank seiner körperlichen Überlegenheit konnte es den Lebensraum nordwärts bis in die Mongolei und bis ins südliche Afrika ausdehnen. Die heute einzige Straussenart, der afrikanische Strauss, lebt nur noch in den Savannen und Halbwüsten südlich der Sahara. Wieder etwas kleiner als seine Riesenvorfahren, wiegt ein ausgewachsener Hahn jetzt 150 Kilogramm. Und das Ei der Henne entspricht mit seinen 1,5 Kilogramm immerhin 30 Hühnereiern. Ausserordentlich ist auch die Laufleistung. Dank einem enorm tüchtigen Herzen kann der Strauss gegen eine halbe Stunde lang mit 50 Kilometern pro Stunde über die Steppe rauschen; kurzzeitig sind sogar 70 Kilometer pro Stunde möglich. Wird ein Hahn zornig, muss man sich vor seinen kräftigen Beinen und Fusskrallen in acht nehmen. So erwischte im Frankfurter Zoo ein erboster Hahn einen Tierpfleger mit raschem Fusstritt am Rücken. Der Mensch verlor dabei nicht nur seine Arbeitsjacke samt Unterhemd, sondern flog gleich noch durch den Drahtzaun des Geheges. Pech hatte allerdings der mutige Hahn aus der Beschreibung von Tiervater Brehm: «Als einmal ein Strauss einen Schnellzug daherrasen sah, stellte er sich mitten zwischen die Schienen, hob den Fuss, um nach ihm zu treten, und war natürlich im nächsten Augenblick zermalmt.»
Der Strauss verfügt über scharfes Sehvermögen und ein hervorragendes Gehör. Seinem wie ein Periskop über das Steppengras ragenden Haupt entgeht fast nichts. Deshalb nutzen Zebras, Antilopen und Gazellen den Strauss als zuverlässigen Wächter und äsen gerne in dessen Nähe. Erkennt der Strauss ein nahendes Raubtier, sucht er sein Heil erst in rascher Flucht. Plötzlich aber ist er wie vom Erdboden verschluckt. Wer weiter nach ihm stöbert, findet ihn in einer flachen Mulde eng an den Boden gedrückt, den lang ausgestreckten Hals ebenfalls hart auf der Erde. Erst im allerletzten Augenblick schnellt er für einen weiteren Spurt wieder in die Höhe. Frühere Beobachter haben wohl den Nutzen dieses Flachliegens nicht erkannt und den Strauss zum Dummkopf gestempelt. Auch mag das Fressverhalten des Vogels, der beim Gehen immer wieder mit dem Schnabel Gräser und Kleingetier vom Boden pickt, das Bild vom Kopf-in-den-Sand-stecken mitgeprägt haben.
Erstaunlich sind ebenfalls die sozialen Eigenheiten von Vogel Strauss. Die Tiere leben oft in grossen Verbänden von vielen hundert Individuen. Innerhalb der Verbände gibt es jedoch einzelne Familien, die sich im sozialen Leben deutlich voneinander distanzieren. So lebt ein Hahn meist mit einer Haupthenne und zwei, drei Nebenhennen und verteidigt seinen «Besitz» mit Vehemenz gegen andere Hähne. Das Balzspiel soll zu den eindrücklichsten im Tierreich gehören. Mit jeweils einer Henne im Schlepptau zieht der Hahn von der Herde weg. Die beiden beginnen gemeinsam nach Futter zu suchen, wobei sich die Pickbewegungen von Hahn und Henne allmählich synchronisieren. Schliesslich schlägt der Hahn erregt die Flügel hoch, wirft sich zu Boden und erzeugt mit wildem Flügelschlag einen wahren Sandsturm. Dieses symbolische Ausmulden eines Nestes ist von schnellen Spiralbewegungen des Halses und dumpfem Balzgesang begleitet. Die Henne umkreist den Bodenturner demütig mit schleppenden Flügeln. Schnellt der Hahn auf, lässt sich die Henne sofort zu Boden fallen. Und unter Flügelschlagen steigt der Herr auf.
An sandiger Stelle scharrt nun der Hahn eine Nestmulde und hockt sich hinein. Die Haupthenne kommt jeden zweiten Tag zum Nest und legt dem Hahn ein Ei vor die Brust, das dieser umgehend mit Hals und Schnabel unter seinen Körper schiebt. So kommen schliesslich bis zu einem Dutzend Eier zusammen. Aber auch die Nebenhennen bringen Ei um Ei. Nach drei Wochen liegen 30 bis 40 Eier im kommunalen Nest. Jetzt beginnt das sechs Wochen lange Brutgeschäft. Vom späten Nachmittag bis in den frühen Vormittag hockt der Hahn auf dem Nest. Die heisse Mittagsschicht übernimmt jeweils die Haupthenne. Die Nebenhennen gehören nicht zur Brutgemeinschaft.
So gross ein Straussenbauch auch ist, Hahn und Henne können nicht mehr als zwanzig der Rieseneier damit bedecken. Hat ein Gelege eine grössere Eierzahl, bleibt ein Teil der Eier ungeschützt und verdirbt schliesslich. Vor einigen Jahren stellte sich der englische Zoologe Brian Bertram die Frage, ob das Schicksal, nicht ausgebrütet zu werden, alle Eier gleichermassen treffe oder ob die Tiere allenfalls selektiven Eiermord trieben. Bertram beobachtete im ostafrikanischen Tsavo-Nationalpark und in der Serengeti monatelang mehrere Straussennester. Und er sah, dass der Hahn die Eier, so gut es eben ging, bedeckte. Ganz anders die Henne. Kaum lag sie auf dem Nest, begann sie einige der Eier an den Rand der Mulde zu schieben, wo sie verderben mussten. Andere aber behielt sie im Nestzentrum.
Für den Forscher sahen alle Eier identisch aus. Bei einer weiteren Nestgründung markierte er die einzelnen Eier der verschiedenen Hennen sofort nach der Eiablage mit kleinen Zeichen. Und was er vermutet hatte, liess sich jetzt beweisen: Die brütende Haupthenne verdammte ausschliesslich die Eier ihrer Rivalinnen. Wie sie aber ihre Eier von den fremden unterscheidet, ist bis heute ein Rätsel. Die Lage der Eier im Nest kann es nicht sein, denn die Henne traf auch dann die richtige Wahl, nachdem der Forscher die Eier im Nest durcheinandergemischt hatte. Es bleibt die Vermutung, die Henne kenne ihre Eier am individuellen Muster der vielen feinen Poren. Und warum beteiligt sich der Hahn nicht am Eliminationsverfahren? Im Gegensatz zur Haupthenne sitzt sein genetisches Erbe in jedem Ei. Ein Selektionieren brächte ihm also keinerlei Fortpflanzungsvorteil.
Sind die Küken dann geschlüpft, wird auch der Hahn zum Fortpflanzungstaktiker. In «Grzimeks Tierleben» steht, dass in den Straussenherden oft eine Familie die Küken einer andern adoptiere. Für die englische Verhaltensforscherin Marian Stamp Dawkins ist diese Fürsorge indes keineswegs niedlich: Der Hahn und seine Lieblingshenne entführen andern Eltern gewaltsam ihre Jungen und integrieren sie in die eigene Kinderschar. Erfolgreiche Kidnapper können so die Küken mehrerer Familien sammeln und ziehen dann mit grossen gemischten Bruten durch das Land. Der ganze Fang kann aber auch plötzlich wieder von einem andern Straussenpaar gestohlen werden.
Was soll diese Kinderklauerei? Straussenküken sind für Raubtiere ein gefundenes Fressen. Haben nun Strausseneltern zu ihren eigenen Küken noch möglichst viele Küken anderer Eltern, erhöht sich die Chance, dass bei Raubtierüberfällen ein Teil der eigenen Küken überlebt. Strausse verstecken also ihren Nachwuchs (und damit ihr genetisches Kapital) hinter einem lebenden Schutzschild fremder Küken.
Wahre Vogel-Strauss-Politik ist deshalb weit eher Machiavellismus denn ängstliche Verkriecherei.