NZZ Folio 03/95 - Thema: Mit den Augen   Inhaltsverzeichnis

Abgründig

Die Sehmaschinen von Alfons Schilling.

Von Daniel Weber

WIE EIN HEXENMEISTER bewegt er sich in seinem Wiener Atelier, wenn er seine Apparate hervorholt, schwarze Holzgehäuse von beträchtlichem Gewicht, die er mir in die Hände drückt mit der Aufforderung, hindurchzuschauen. Ich nehme mir eine Ecke des Raums vor, in der ein stählerner Schubladenschrank steht, seitlich darangelehnt ein paar Bilder, davor auf dem Holzboden eine Schuhschachtel und einige achtlos verstreute Blätter Papier.

Der Blick durch den Apparat, der Antilope heisst, verwandelt das Stilleben schlagartig: Dass alles auf dem Kopf steht, ginge ja noch. Aber die Papierblätter haben sich in vertiefte Einlegearbeiten verwandelt; die Schuhschachtel klafft als Loch im Fussboden, der sie sich einverleibt zu haben scheint; die Kanten der gegen den Schrank gelehnten Bilder ziehen als stürzende Linien ins Bodenlose; und der massive Schrank selbst wird zum schwindelerregenden Abgrund. Man traut seinen Augen nicht.

Aber gerade das ist es, was Alfons Schilling will. Die Sehmaschinen, die er baut - im Grunde einfache Konstruktionen: im schwarzen Kasten stecken Prismen und Spiegel -, sollen dem Sehen die Selbstverständlichkeit nehmen. Sie sollen bewusst machen, dass die normale Optik des menschlichen Auges nur eine Möglichkeit der Wahrnehmung unter vielen anderen ist.

Und indem seine Apparate die Grenzen überschreitbar machen, die die Evolution unserem Blick auferlegt hat, erzeugen sie in der Tat mehr als verblüffende optische Effekte: «Sehen ist auch Erkennen, und im Erkennen liegt auch das Denken», sagt Schilling. Seine Apparate sind nicht nur visuelle, sondern auch philosophische Werkzeuge. Neue Bilder der Welt schaffen neue Weltbilder.

Alfons Schilling, 1934 in Basel geboren, studierte Kunst in Wien und war einer der Initiatoren des Wiener Aktionismus, bevor er 1962 nach New York übersiedelte. Dort beschäftigte er sich zunächst einige Jahre wissenschaftlich mit Fragen der Wahrnehmung, experimentierte unter anderem in den Bell Laboratories mit Holographie, mit Stereoskopie und 3D-Verfahren, schuf Raumbilder, die vorwegnahmen, was heute als «Magic Eye»-Bücher ein Verkaufsschlager ist. Schliesslich begann Schilling seine skulpturartigen Sehmaschinen zu bauen: Forscher, Handwerker und Künstler in einem. «Ich habe versucht, meine Theorien in Form von Maschinen zu entwickeln», sagt er.

Mit diesen Geräten ist er hinausgegangen, in die Umgebung von New York, in die menschenleeren Canyons von Utah, um dort Neuland zu erkunden, das er selbst herstellte, Schritt für Schritt. Denn Bewegung ist wichtig für die Seherfahrung, die die Instrumente vermitteln, Wahrnehmung ist für Schilling ein dynamischer Vorgang.

Für seine optischen Entdeckungsreisen gilt der kühne Vorsatz: «Ich will sehen können, was noch niemand gesehen hat.» Und der Reiz der Apparate liegt nicht zuletzt darin, dass sich das Gesehene nicht reproduzieren lässt. Durch das eine Auge der Foto- oder Filmkamera kann man es nicht festhalten, höchstens annäherungsweise nachstellen.

Bleibt die Sprache, bleiben die Notate von Seherlebnissen, die Schilling aufzeichnet: «. . . so dass der Wasserfall nach oben fliesst, die Höhle sich nach aussen wölbt, der Horizont in Armlänge vor mir schwebt und das Glas, aus dem ich trinke, zehn Kilometer weit weg auf der Unterseite eines riesigen Tisches versenkt erscheint, dessen hintere Beine verdreht vor mir stehen wie abgesägte Säulen, während ein Vogel eintaucht unter das Gras und ich sehe, wie er sich spielerisch bemüht, die grüne, transparente, dünne Schicht unablässig zu durchstossen . . .»

In Schillings Atelier in Wien, wo er sich nach seiner Rückkehr aus den USA 1986 niedergelassen hat, gehe ich mit einer Sehmaschine, die den Abstand zwischen den Augen vervielfacht und mich so einige Köpfe grösser macht, auf einen Tisch zu. Ich scheine ihm nicht näher zu kommen, bis ich davorstehe und er unvermittelt in die Höhe wächst. Alfons Schilling streckt mir seine Hand entgegen und lächelt, als ich erschrecke, weil sein Arm meterlang aus der Tiefe des Raumes kommt. Sehen als Staunen - und vielleicht noch mehr. «Es ist ganz einfach», sagt Schilling, «ich erkläre den Blick zur Kunst.» Daniel Weber

Im März 1995 beteiligt sich Alfons Schilling mit seinen Sehmaschinen an der Ausstellung «fiktion / non-fiction - Weltanschauungen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit» im Landesmuseum/Carolinum in Linz.




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.