NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Russlandbilder

Von Andreas Heller

Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion ist Russland ein mächtiges Land, gross wie ein Kontinent und von einer Weite, die 12 Zeitzonen umspannt. Mit seinen 17 Millionen Quadratkilometern bedeckt Russland über 10 Prozent der Landfläche der Erde, es erstreckt sich über den gesamten eurasischen Kontinent, von Europa bis hin zu Japan und Nordamerika.

Allein seine schiere Grösse verleiht diesem Land eine besondere Bedeutung. Was in Russland geschieht, hat Auswirkungen für einen grossen Teil der Weltbevölkerung, und entsprechend gross ist das Interesse, mit dem das Schicksal dieses Landes beobachtet wird. Was will der neue Machthaber im Kreml? Wird es ihm gelingen, das wirtschaftliche Chaos zu überwinden? Wird er den unsäglichen Krieg in Tschetschenien endlich beenden? Wie wird er es mit den demokratischen Grundrechten halten?

Einmal mehr sind die Spekulationen geprägt von Hoffnung und Furcht zugleich. Die atomare Grossmacht im Osten wird zwar nicht mehr als unmittelbare Bedrohung empfunden, ist nicht mehr «das Reich des Bösen» schlechthin, doch so recht will man ihr auch heute nicht trauen. Auch bald ein Jahrzehnt nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs ist uns das Wesen Russlands, sind uns die Mentalität und das Denken seiner Bewohner - die vielzitierte russische Seele - weitgehend fremd geblieben. Noch immer erscheint Russland selbst wie eine jener geheimnisvollen Matrjoschkas, die immer wieder neue Puppen zutage fördert, Puppen in immer andern Farben mit immer andern Gesichtern: auffordernd lächelnde, abweisende, Angst einflössende.

Dieses Heft versucht, einige der vielen Gesichter des heutigen Russland zu zeigen und zu deuten. Wir sind in dieses weite Land gezogen und haben den Nöten und Hoffnungen der Russen nachgespürt: in Moskau, aber vor allem in Provinzstädten und in Dörfern, weitab von jenen Orten, die das allgemeine westliche Russlandbild prägen. Wir haben uns den Ratschlag des russischen Schriftstellers Viktor Jerofejew zu Herzen genommen: «Um Russland zu verstehen, muss man vernünftiges Denken unterlassen und sich im Strom des russischen Lebens auflösen wie ein Stück Würfelzucker.»




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