NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

Warum ich trotz allem bleibe

In Russland hat das wahre Leben erst begonnen.

Von Dmitri Ragozin

Im Südwesten Moskaus, zwischen Wohnblöcken, einer gleich dem andern, steht ein pompöses, mit grauem Tuff verputztes Gebäude aus den siebziger Jahren. Wie alle pompösen Gebäude erinnert es an eine Totengruft. Die von weitem sichtbaren eisernen Buchstaben verkünden: Institut für Wissenschaftsinformation über Gesellschaftswissenschaften der Wissenschaftsakademie Russlands. Hinter diesem Bandwurmnamen verbirgt sich eine der reichhaltigsten Bibliotheken Russlands mit einem Bestand von über zehn Millionen Büchern. Aufgabe des Instituts ist es, als gigantisches Informationszentrum die aus allen Ecken und Enden der Welt eintreffenden gesellschaftswissenschaftlichen Publikationen aufzuarbeiten.

Als ich 1985 hier meine Stelle antrat, war das Institut eine gut eingerichtete Fabrik, die bibliographisches Material produzierte und weder finanzielle Engpässe noch einen Mangel an Mitarbeitern kannte. Eben hatte man auf Computer-Datenverarbeitung umgestellt. In meiner Abteilung, die für Bücher und Zeitschriften aus den Ländern Asiens und Afrikas zuständig ist, arbeiteten damals zwanzig Leute mit einer akademischen Ausbildung. Ihre Aufgabe bestand ausschliesslich darin, jeden Monat ein bibliographisches Bulletin zusammenzustellen, das dann in 500 Exemplaren aufgelegt wurde.

Ich hatte gerade erst mein Studium an der Moskauer Universität absolviert und verachtete, wie die meisten meiner Altersgenossen, den sowjetischen Machtapparat und die offizielle Kultur. Ich las nur verbotene Bücher und lernte Fremdsprachen, um so Zugang zur westlichen Literatur zu haben. Rundherum herrschten Lüge, Heuchelei, Scheinheiligkeit, Verzerrungen, Gespenster. Nur keine Wirklichkeit. Ich hatte die Wahl, entweder Karriere zu machen - was damals hiess, auf den Genuss von Unabhängigkeit zu verzichten - oder mir eine Stelle zu suchen, wo ich, ohne allzusehr von Dienstpflichten eingeschränkt zu sein, das tun konnte, was ich selbst für wichtig hielt: zum Beispiel phantastische Geschichten schreiben oder mittelalterliche japanische Lyrik übersetzen.

Kaum hatte ich die Schwelle zum Institut für Wissenschaftsinformation überschritten und war in das Labyrinth der mit Katalogen gefüllten Bücherschränke geraten, die man so placiert hatte, dass sich die Angestellten vor dem wachsamen Auge der Vorgesetzten verbergen konnten, wurde mir auch schon klar, dass hier, am Rande der endlosen Bibliothek und unter Menschen, die stundenlang über richtige Schreibweisen diskutieren können, der ideale Ort für mich war. Das Leben unter dem fortgeschrittenen Sozialismus machte es einem sehr leicht, ihm irgendein altes Buch vorzuziehen.

Natürlich gab es auch in der Bibliothek viele entwürdigende Regelungen. Ein Grossteil der Zeitschriften aus westlichen Ländern ging geradewegs in ein Spezialarchiv, zu dem nur ein kleiner Kreis von Leuten Zugang hatte, die der Bibliotheksleitung zu beweisen vermochten, dass die «bürgerliche Presse» für ihre Arbeit unentbehrlich war. Wie in allen sowjetischen Ämtern und Institutionen wurden die Besucher von der obligaten Marmorbüste Lenins begrüsst.

1985 dachte noch niemand an Perestroika und Glasnost. Gorbatschew war nicht mehr als ein weiterer gesichtsloser Partei- und Regierungsführer, der sein Loblied auf die Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft anstimmte und dazu aufrief, sich noch enger um die KPdSU zu scharen. Dieses Land schien keine Zukunft zu haben. Doch plötzlich bewegte sich etwas, begann zu kriechen, kam ins Rollen, riss sich los. Es geschah Geschichte. Geschichte in ihrer klassischen Variante, so wie wir es in der Schule gelernt hatten. Es gab Massenkundgebungen, Streiks, Flugblätter. Das Verbotene, seien es nun Gedichte von Brodski, Romane von Solschenizyn oder Artikel von Sacharow, all das, was wir zuvor mühsam mit der Schreibmaschine abgeschrieben, mit Kohlepapier in vier Exemplaren vervielfältigt und von Hand zu Hand weitergereicht hatten, hörte nun auf, verboten zu sein. Und nicht etwa, weil irgend jemand dort oben es erlaubt hätte, sondern weil man es nicht mehr verbieten konnte.

Das Bild, das der staatliche Machtapparat bot, der verwundert feststellen musste, dass er gar keine Macht mehr hatte, war eine wahre Wohltat. Die Nachrichten im Fernsehen glichen Episoden aus einem Drama, die durch einen komplizierten, spannenden Plot miteinander verknüpft waren. Das, was zuvor hinter den Kulissen abgelaufen war, kam nun plötzlich auf die Bühne. Die Nomenklatura verlor die Orientierung, als sie auf einmal den Augen der Öffentlichkeit preisgegeben war. Die Presse lachte. Die Journalisten wetteiferten miteinander um die besten Enthüllungsgeschichten. Die Ökonomen, die einen triumphalen Einzug des Marktes weissagten, kamen in Mode.

Diese Geschichtserfahrung war für mich im vergangenen Jahrzehnt das Wichtigste und das Aufregendste. Es ist zweierlei, bei Carlyle in «The French Revolution» zu lesen, wie sich grosse Menschenmengen auf den Strassen versammeln und innert einer Stunde zu einer zerstörenden Kraft werden, wie das einfache Volk die Regierungsgebäude stürmt, wie die Nationalversammlung Schritt für Schritt dem König die Macht entreisst, oder Tag für Tag zu erleben, wie sich der einstige Machtapparat selbst zerstört, mit dem eigenen Körper den Ansturm der Menschen zu fühlen, die, sich ihrer Demütigung bewusst geworden, nun bereit sind, Freiheit für sich selbst zu fordern, sich einem Pathos hinzugeben, das von aussen betrachtet wohl nur Ironie verdient.

Wem das Glück gegeben war, diese Jahre in Russland zu erleben, der weiss, dass Geschichte etwas Zielstrebiges ist. Die Ereignisse überstürzen sich, eins versucht das andre wegzufegen. Verpasst du an einem Abend die Nachrichten, so hast du bereits das nächste Bindeglied in der Abfolge der Geschehnisse verloren, verstehst nicht mehr, was vor sich geht.

Es heisst, Russland sei jetzt ein Land, in das man unmöglich zurückkehren könne. Gemeint ist, dass sich hier alles so schnell verändert, dass jemand, der ein Jahr im Ausland verbracht hat, auf ein neues Land trifft, in dem eine andere, bereits nicht mehr verständliche Sprache gesprochen wird. Und es scheint, dass nun, da die alte Maske abgeworfen ist, jeder fieberhaft nach dem sucht, wessen man so lange beraubt war: nach seinem wahren Gesicht.

Noch immer verblüfft mich der Gedanke, dass ich nun bereits zehn Jahre in einem freien Land lebe. In einem Land, in dem es keinerlei Kontrolle seitens einer Staatsmacht gibt, wo die Kräfte allein für den Selbsterhalt eingesetzt werden. Ein schwindelerregendes Gefühl! Keiner von denen, die die Möglichkeit haben, mich zu zwingen, braucht mich. Die Staatsmacht ist nicht fähig, mir ein ökonomisch würdiges Leben zu sichern, weshalb sie sich schämt, mir einen Lebensstil vorzuschreiben. Ich bin mir selbst überlassen! Jemand, der von Kindheit an genötigt worden war, zu schummeln, sich anzupassen, sein Wertgefühl gegen die Eingriffe der Staatsmacht zu schützen, die sich in alles einmischen wollte, findet allein die Tatsache, dass der Staat ihn ignoriert, ihm in nichts hilft, aber auch in nichts bindet, erstaunlich.

Ich kann mich erinnern, wie mich vor ein paar Jahren die Nachricht frappierte, dass im Zentrum von Moskau, im Hotel Intourist gegenüber dem Kreml, jemand am hellichten Tag eine Wechselstube überfallen hatte und ungeschoren davonkam. Im Zentrum von Moskau! Dem Kreml gegenüber! Am hellichten Tag! In einem Hotel! Nach einem Jahrzehnt, in dem jeder Zentimeter der Hauptstadt genau beobachtet und abgehört wurde, als es in den Hotels mehr KGB-Spitzel als ausländische Gäste gab, als niemand sicher sein konnte, dass man ihn nicht beschattete, dass das Telefon nicht abgehört wurde - nach einem solchen Jahrzehnt soll nun gar keine Kontrolle mehr ausgeübt werden, bei der Staatsmacht gar kein Bedürfnis mehr danach existieren, die Bevölkerung zu überwachen!

Die Staatsmacht ist zu einem Kapitalisten geworden, den nur seine Einnahmen interessieren. Ist das ein Fluch oder ein Segen? Ich spreche nur für mich selbst: Für mich ist es ein Segen, es ist das, was ich wollte, als ich 1991 zu den Demonstrationen ging, als ich die neuen Leute wählte. Endlich kann jeder seinen Neigungen nachgehen, der Unternehmer kann Geld machen, der Beamte stehlen, der Schriftsteller schreiben. Ich glaube, nur die sind enttäuscht, die, nach uralter russischer Gewohnheit, auf die Ankunft des Erlösers gewartet haben, der auf einen Schlag für alle das Himmelreich auf Erden bauen sollte.

Beunruhigend ist allein, dass Russland, wie die Geschichte zeigt, allzuoft von einem Extrem ins andere umschlägt. Doch vielleicht ist es genau diese Wildheit, die in Russland zeitweise derart grauenhafte, blutige Formen annimmt, die gleichzeitig dem Land auch wieder die Lebenskraft verleiht, ohne die es sich in eine gesichtslose Waffen- und Traktorenfabrik verwandeln würde.

Ich möchte die Behauptung wagen, dass, im Unterschied zu den Ländern Europas, die Kraft von ausserhalb ihrer eigenen Grenzen schöpfen - sei es aus Afrika, Asien oder wo immer ein mythischer natürlicher Mensch lebt -, Russland die «Unberührtheit von der Zivilisation» in sich selbst trägt. Sie ist wie eine offene Wunde, die weder heilen will noch sterben lässt, so wie die Wunde im «Landarzt» von Kafka.

Für die russischen Intellektuellen sind die Reformen zu einer wahren Herausforderung geworden. Die Gegner, an die man sich gewöhnt hatte, haben die Bühne verlassen: die Kommunisten. Gleichzeitig hat die Kultur, die unter den Kommunisten als Teil der Ideologie einen privilegierten Status innehatte, auf einmal ihre Existenzgrundlage verloren. Die Intellektuellen sehen sich gezwungen, das zu tun, was man in diesem Land stets für eine Schande hielt: sich zu verkaufen. Die Literaturzeitschriften suchen Sponsoren, Schriftsteller geben Unterhaltungsshows im Fernsehen, Theaterregisseure biedern sich bei den Mächtigen an, das Kino lässt Gelder zweifelhafter Herkunft verschwinden.

Die Wissenschaftsakademie, die vom Staat nur noch notdürftig finanziert wird, siecht dahin. Die meisten zur Akademie gehörenden Institute versuchen, sich dadurch am Leben zu erhalten, dass sie ihre Räumlichkeiten an Firmen vermieten, was allerdings nicht ausreicht. Manchmal möchte man glauben, nur ihr riesiger bürokratischer Apparat gebe noch Lebenszeichen von sich. Genau wie in der Wirtschaft legt auch hier das zentralistische System einerseits seine Ineffizienz, anderseits seine Zählebigkeit an den Tag. Alle sehen ein, dass der Wissenschaftsbetrieb anders organisiert werden muss, doch ebenso klar ist allen, dass dieser Koloss, der über Jahrhunderte hinweg üppig gewachsen ist, bei einem Renovationsversuch wie ein altes Haus endgültig zusammenbrechen könnte.

Heute schreite ich in meinem Institut durch halbdunkle Korridore und vorbei an leeren Tischen. Es kommen weit weniger neue Publikationen hinzu als früher, denn es fehlt an Geld. Die Zahl der Mitarbeiter, die das bibliographische Material vorbereiten, ist von 150 auf 60 gesunken. Die einen sind nach Israel, Amerika oder Deutschland ausgewandert, andere in die Privatwirtschaft gegangen. Und die Übriggebliebenen müssen, um sich und die Familie ernähren zu können, einem Nebenerwerb nachgehen. Jeder kommt und geht, wann es ihm passt, Arbeitsdisziplin oder eine hohe Produktivität kann man nicht verlangen, wenn das Gehalt unter dem offiziellen Existenzminimum liegt. Dennoch geht die stille, unauffällige Arbeit weiter, werden immer noch Bibliographien herausgegeben.

Viele haben von der neuen Reisefreiheit Gebrauch gemacht. Es ist unsinnig, jemanden auf Grund irgendwelcher abstrakter Vorstellungen zu verurteilen, weil er besser leben möchte, und dazu nach Möglichkeit den natürlichsten Weg einschlägt - das heisst in ein Land zieht, wo die Bewältigung des Alltags weniger beschwerlich ist. Trotzdem ist es bedauerlich, wenn ein Intellektueller seinen Beobachterposten für einen Platz im Restaurant aufgibt, wo er nichts sieht, weil die Gardinen zugezogen sind, damit nichts den Genuss der köstlichen Speisen stört.

Einige meiner Bekannten, die aus Russland fortgezogen sind, haben ihre Entscheidung damit begründet, dass «dieses Land» sie ja nicht brauche. Und aus dieser nicht immer ehrlich gemeinten Kränkung hört man auf amüsante Weise wieder das sozialistische Prinzip heraus, wonach der Mensch sich selbst über seine Nützlichkeit für sein Land definiert - und nicht etwa über die Aufgaben, die er sich selbst stellt.

Es ist wohl falsch, die erbärmliche Situation, in der sich die russische Kultur in den neunziger Jahren befunden hat, allein mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu erklären. Der Gedanke drängt sich auf, dass der Hauptgrund vielleicht eher darin zu suchen ist, dass die Grundlagen der Kultur, wie sie unter der kommunistischen Regierung existierte, sich überlebt haben. Siebzig Jahre ideologischer Säuberung und Unfreiheit haben die Kultur zu einer blossen Imitation ihrer selbst werden lassen. Symptomatisch ist der Hang zum Klassischen, zur sogenannten realistischen Kunst, ist die Angst vor allem Neuen, vor nicht von der Tradition abgesegneten Formen.

Kaum waren Presse- und Informationsfreiheit erobert, enthüllte auch schon all das seine Schadhaftigkeit, was unter den Bedingungen der Unfreiheit geboren worden war, ja sogar das, was sich gegen die Unfreiheit aufgelehnt hatte. Heute ist es schwierig, jemanden zu finden, der Bücher liest, die vor etwa 15 Jahren geschrieben wurden. Die sowjetische Kultur wurde weitgehend vom Widerstand gegen die herrschende Ideologie bestimmt. Dann fiel das Bedürfnis nach Widerstand weg, und die Kultur sah sich mit ihrer eigenen Haltlosigkeit konfrontiert. Seit die Kultur die von oben her aufoktroyierte Einheit verloren hatte, ist sie in viele kleine, unselbständige Fragmente zerfallen.

Die einen versuchen, zu den «Wurzeln» zurückzukehren, eine Verbindung zur Kultur herzustellen, die es vor 1917 gegeben hatte - wobei das zaristische Russland stark idealisiert wird und konservative und religiöse Wertvorstellungen mit dem Fanatismus Neubekehrter verteidigt werden. Besonders häufig ist dies bei Leuten aus der ehemaligen sowjetischen Elite zu finden, die daran gewohnt sind, innerhalb eines fertigen Systems zu leben.

Viele andere haben gierige Blicke Richtung Westen geworfen, in der Hoffnung, alles in den Jahren der Zensur Versäumte aufzuholen. Die Bücherläden sind voll von schlampigen Übersetzungen von Derrida, Deleuze, Foucault, Heidegger. Wieder anderen gibt eine nostalgische Sehnsucht nach dem «grossen Stil» Stalins keine Ruhe, was einige sich für avantgardistische Kunst zunutze zu machen verstanden.

Jede Kultur kennt verschiedene Richtungen, doch es scheint, dass es eine Besonderheit des heutigen Russlands ist, dass es nur die Ausrichtung gibt, sonst nichts, noch nichts. Der Wunsch zu sein ist da, aber das Sein nicht. Dazu kommt, dass die sowjetischen Intellektuellen in den siebzig Jahren unter sowjetischer Herrschaft, wenn überhaupt etwas, so das Fürchten gelernt haben. Auch jetzt, wo sie nicht mehr sowjetische, sondern russische Intellektuelle sind, fahren sie fort, sich zu fürchten. Gestern hatten sie Angst vor einer Rückkehr der Kommunisten, heute vor einer Diktatur Putins.

Auch jetzt muss man, wie schon so oft in der russischen Geschichte, ganz von neuem anfangen. Die Zukunft ist ein Fragezeichen. Doch ist nicht gerade die Unvorhersehbarkeit eine Grundbedingung einer lebendigen Kultur? In diesem Sinne zeigt sich mir Russland als einer jener seltenen Orte, wo die Zeit nicht einfach eine Erinnerung an Vergangenes und eine Vorahnung der Zukunft ist, sondern etwas echt Gegenwärtiges. Die Wirklichkeit war in Russland lange Zeit unter der Uniform der sogenannten lebensbejahenden Ideologie verborgen. Heute kann man von der Wirklichkeit alles erwarten.

Dmitri Ragozin ist Mitarbeiter am Moskauer Institut für Wissenschaftsinformationen, Übersetzer und Schriftsteller.


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