NACH DER NIEDERLAGE der irakischen Armee im Golfkrieg im März 1991 erhoben sich im Norden des Iraks die Kurden und im Süden die Araber gegen Saddam Hussein. Sie wähnten sich dabei sicher. Schliesslich hatte der amerikanische Präsident und Sieger des letzten Golfkriegs, George Bush, kurz zuvor die Völker des Iraks dazu aufgerufen. In den ersten zehn Tagen schienen der kurdische Aufstand im Norden und die schiitische Erhebung im Süden erfolgreich zu sein. Der damalige Kommandant der Peschmerga (der kurdischen Rebellen) und heutige Regierungschef von Irakisch-Kurdistan, Kosrat Rasul Ali, nahm die wichtigsten kurdischen Städte, so Suleimaniya, Erbil, Salaheddin und Kirkuk, ein. Im Süden vertrieben die Schiiten Offiziere und Agenten des Regimes. Doch bis Ende März hatte Saddam Hussein beide Erhebungen niedergeschmettert.
Die Regierungen der Militärallianz gegen Saddam Hussein sahen nicht unglücklich zu. Die Angst vor einer «Libanisierung des Iraks», das heisst vor einer schiitischen Republik im Süden und einem kurdischen Staat im Norden, bewog sie, die brutale Niederschlagung der Erhebungen als interne Angelegenheit Bagdads zu bezeichnen. Nun folgte ein Exodus der Kurden in bisher nicht gekanntem Ausmass. Hunderttausende flohen in Richtung türkische und iranische Grenze. Erst der Aufschrei der öffentlichen Meinung ob der Bilder der vor Erschöpfung, Kälte und Hunger sterbenden Flüchtlinge zwang die Alliierten zum Handeln.
Ende April 1991 schlug der türkische Präsident Özal die Errichtung von Sicherheitszonen für die Flüchtlinge auf irakischem Territorium vor, wobei er an ein Gebiet dachte, das etwa der kurdischen Nordprovinz Dohuk entsprach. Er wollte die kurdischen Eindringlinge so schnell wie möglich aus dem ebenfalls von Kurden bewohnten Südosten der Türkei weghaben. Sein Vorschlag wurde von den Alliierten angesichts des Elends in den Bergen begrüsst. Die irakische Armee musste sich auf Anordnung der Alliierten zurückziehen. Eine spezielle Truppe der alliierten Mächte wurde im Rahmen der Operation «Provide Comfort» beauftragt, die Kurden des Iraks vor künftigen Angriffen Saddams zu schützen, während die Uno über die irakische Luftwaffe ein Flugverbot nördlich des 36. Breitengrades verhängte. Ein halbes Jahr danach wurde dem Bagdader Regime bewusst, dass es wegen der wachsenden Protestbewegung auch die kurdischen Provinzen Erbil und Suleimaniya nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. Im Oktober 1991 zog sich die irakische Verwaltung aus den kurdischen Provinzen zurück.
So entstand im Laufe der letzten zwei Jahre im Nordirak eine autonome kurdische Region, bestehend aus den Provinzen Dohuk im Norden, Suleimaniya im Süden und Erbil im Zentrum; sie ist mit 40 000 Quadratkilometern etwas kleiner als die Schweiz, erstreckt sich entlang der Grenze zur Türkei und zu Iran und zählt rund 3,5 Millionen Einwohner. Von den irakischen Kurden wird sie liebevoll als kurdischer Teilstaat in der - noch imaginären - «Irakischen Föderation» bezeichnet. Der iranische Kurdenführer Jalil Gadany nannte sie das Herz aller Kurden. Sie ist bis heute das einzige Gebiet unter kurdischer Verwaltung.
DAS KURDISCHE VOLK zählt zwischen 20 und 25 Millionen, es ist nach den Arabern, den Türken und den Persern das viertgrösste Volk im Mittleren Osten. Nachdem der Lausanner Vertrag von 1923 das Ende des Osmanischen Reiches besiegelt und die neuen regionalen Grenzen festgelegt hatte, sahen sich die Kurden über die Türkei, Iran, den Irak und Syrien verteilt. Von Beginn an weigerten sich alle vier Staaten, die Kurden als ethnische Einheit innerhalb ihres Territoriums zu anerkennen. Das Recht auf ihre Sprache und ihre Kultur wurde ihnen seither weitgehend verwehrt.
Die in Lausanne 1923 gezogenen Grenzen haben sich aber auch zu unsichtbaren Schranken innerhalb der kurdischen Bevölkerung entwickelt. Wenn die Kurden der Türkei ihre Geschichte erzählen, berufen sie sich immer nur auf die eigenen Aufstände; die irakischen Kurden sprechen hingegen von der bürgerlichen Erhebung von Scheich Mahmud Barsinji gegen die Briten Anfang der zwanziger Jahre und von ihrem Führer Mullah Mustafa Barzani. Die iranischen Kurden wiederum beziehen sich auf die Legende des ersten kurdischen Staates überhaupt, auf die Republik Mahabad, die für kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg existiert hatte.
Es gibt dennoch gemeinsame Konstanten, die das nationale Bewusstsein der Kurden geprägt haben. Die eine ist der Einfluss des Erdöls, genauer des Ölreichtums des Gebietes, das sie ihre Heimat nennen. Zum politischen Faktor wurde das Öl erstmals nach dem Ersten Weltkrieg, als sich Grossbritannien, Frankreich und Amerika um die riesigen Erdölvorkommen in der Region von Mosul stritten. Der Konflikt wurde erst beigelegt, als London den Franzosen und den Amerikanern einen Teil der Förderrechte abtrat und diese als Gegenleistung die Provinz Mosul dem britischen Mandat Irak zuschlugen. Die Türkei, die ebenfalls Ansprüche auf Mosul erhoben hatte, musste sich zurückziehen. Die Kurden spielten bei alledem nicht die geringste Rolle.
Erdöl bestimmte auch das Schicksal der Republik Mahabad: Um Konzessionen für die nördlichen Ölquellen Irans zu erhalten, hatte Moskau die Kurden dazu ermuntert, die Republik auszurufen, und unterstützte sie logistisch wie militärisch. Doch als Teheran im April 1946 zustimmte, Moskau eine Ölförderkonzession zu erteilen, ordnete Stalin den Abzug der Roten Armee aus Iran an. Damit war das Schicksal der Republik besiegelt.
Die zweite Konstante in der Geschichte der Kurden ist ihre scheinbar unverrückbare Position zwischen grossen Reichen, dem persischen, dem Osmanischen und dem arabischen. Ihre Pufferfunktion suchten die Kurden zum eigenen Vorteil zu nutzen, indem sie Allianzen mit dem Feind ihres jeweiligen Feindes schlossen und als Gegenleistung dafür zeitweise gewisse Autonomie genossen. Sie liessen sich vor alle möglichen Karren spannen, auch nachdem sich rundum Nationalstaaten gebildet hatten und veränderte Spielregeln galten.
Ihre bisher unheilvollste Allianz war die gleichzeitige Annäherung an den Schah von Persien, die CIA und Israel zu Beginn der siebziger Jahre. Der Schah unterstützte die Kurden, weil er mit Bagdad um den Grenzverlauf am Schatt-al-Arab stritt. Die Amerikaner leisteten ihnen Hilfe, weil ihr engster Verbündeter in der Region, der Schah, sie darum ersucht und Bagdad gerade ein Freundschaftsabkommen mit der Sowjetunion abgeschlossen hatte. Die Zusammenarbeit mit Israel ging noch auf die sechziger Jahre zurück, als Israel die irakischen Kurden unterstützt hatte, um Bagdad zu schwächen und die Ausreise irakischer Juden zu erleichtern. Zu diesem Zeitpunkt wurden in Israel kurdische Freischärler ausgebildet. Der israelische Auslandgeheimdienst Mossad beteiligte sich damals am Aufbau eines kurdischen Nachrichtendienstes, um an irakische Regierungsgeheimnisse zu kommen. In den siebziger Jahren schickte Israel auch Geld, Waffen und Berater in den Nordirak. Während einer Konferenz der erdölexportierenden Länder 1975 erklärte sich Saddam überraschend bereit, die Hälfte des Schatt-al-Arab an Iran abzutreten. Als Gegenleistung versicherte der Schah, sich nicht mehr in die inneren Angelegenheiten des Iraks einzumischen. Die CIA und Iran stellten ihre Hilfe an die Kurden unverzüglich ein, was zur folgenschwersten Niederlage der nordirakischen Kurden führte.
Jene Ereignisse wirken bis in die Gegenwart. Wegen ihrer Zusammenarbeit mit Israel und der CIA gelten die Kurden in der Region bis heute als Verräter an der arabischen Sache. Dem PLO-Chef Arafat bereitete es 1988, nur kurz nach dem Giftgasangriff Bagdads auf die kurdische Stadt Halabja, keinerlei moralische Probleme, Saddam Hussein zu umarmen. Die Kurden waren in ihrem Bewusstsein als ewige Opfer der Weltpolitik bestärkt. Heute setzen die irakischen Kurden wieder alle Hoffnungen auf die westlichen Staaten. Gleichzeitig haben sie Angst, der Westen lasse sie von neuem fallen.
ERBIL IST mit 1,2 Millionen Einwohnern die grösste Stadt Irakisch-Kurdistans. Der weitläufige gedeckte Basar und die mächtige Zitadelle - nach Meinung mancher Archäologen die älteste Burg der Welt - geben der Stadt ein einzigartiges Gepräge. Seit den ersten freien Wahlen im Nordirak im Jahr 1992 residieren ein 105köpfiges Parlament und eine kurdische Exekutive in Erbil. Die bis in alle Nacht vor den Stimmlokalen ausharrende Wählerschaft erhoffte sich von jenem Urnengang den Beginn tiefgreifender Umwälzungen. Ihre demokratisch gewählte «Regierung» sollte ein neues kurdisches Staatsgebilde legitimieren. Seit diesen Wahlen sind im Nordirak tatsächlich Konturen eines Staates entstanden. Anfang Jahr haben sich die kurdischen Freischärler, die Peschmerga, zu einer einheitlichen, rund 30 000 Mann zählenden Armee vereinigt. Sie sollen laut den Angaben von Regierungschef Rasul die Landesgrenzen gegen den äusseren Feind verteidigen, wozu auch der Irak gezählt wird. Für die innere Sicherheit wurde ein Polizeikorps von 15 000 Männern gebildet. Dass die westlichen Staaten diese Entwicklung bisher nicht verhindert hatten, verstanden die Kurden als Ermunterung, ihre Bemühungen zur Errichtung eines funktionsfähigen Staats zu intensivieren. Die Gerichtshöfe, von einfachen Kriminalgerichten bis zum Obersten Gericht, richten sich nach irakischen Gesetzen und basieren auf der Verfassung des Iraks. Annulliert wurden einzig sämtliche die Staatssicherheit betreffenden Klauseln. In den Schulen werden irakische Bücher benützt. Neu im Lehrplan steht einzig kurdische Geschichte. Langsam hat sich eine Eigendynamik entwickelt, die den kurdischen Teilstaat immer weiter vom Rest des Landes entfernt und die Kluft zwischen Kurden und Arabern vertieft.
Der kurdische Teilstaat ist dennoch ein Trugbild. Über nennenswerte Einnahmen verfügt die Staatskasse nicht. Es fehlt eine funktionierende Industrie, und aus den regionalen Erdölvorkommen kommen keine Erlöse. Rund 60 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung sind ohne Beschäftigung; nach dem Ende der Erntezeit liegt die Quote noch weit höher. Rund 200 000 Personen sind im hoffnungslos aufgeblähten Staatsapparat zu Einheitslöhnen von knapp zehn Dollar pro Monat beschäftigt. Damit kann sich eine Familie während dreier Tage ernähren. Und danach? Um der Regierung Freiraum zu geben und gleichzeitig nicht zu verhungern, habe seine Familie erst ihre Immobilien, dann die Möbel und am Schluss die Teppiche verkauft, berichtet ein junger Chirurg. Jetzt sei nichts mehr zu verkaufen, und er habe Hunger. Noch vor wenigen Jahren herrschte Wohlstand in den Städten des Nordiraks. Der Preis für die Unabhängigkeit ist die Verarmung der Bevölkerung.
Der Vizepremierminister des kurdischen Teilstaates im Nordirak, Rosh Shawaais, bedauert das Fehlen regulärer interstaatlicher Beziehungen. Nach internationalem Recht ist Irakisch-Kurdistan Teil des Iraks. Die gegen Bagdad gerichteten Uno-Sanktionen gelten demnach auch für die Kurden. Es dürfen keine Maschinen in den Nordirak exportiert werden, jeglicher grenzüberschreitende Handelsverkehr ist illegal. Mangel an Ersatzteilen hat die bestehenden Industrieanlagen lahmgelegt. Bagdad betrachtet die Kurden als Abtrünnige und hat im Oktober 1991 gegen sie ein Embargo verhängt. Irakisches Erdöl und andere Güter aus dem Süden des Landes sind den Kurden nicht zugänglich. Seit zwei Jahren versuchen die Kurdenführer des Nordiraks europäischen und amerikanischen Gesprächspartnern ihre Zwangslage zu erklären. Arbeit könnte man ihnen wenigstens erlauben, beschwert sich Daro Scheich Nuri, der Verantwortliche für die Finanzen im nordirakischen Kurdenstaat.
Für Jalal Talabani, den wir an einem heissen Spätsommernachmittag in seinem Hauptquartier bei Suleimaniya besuchen, hat die Zukunft Irakisch-Kurdistans trotzdem begonnen. «Der Geist konnte der geschlossenen Flasche entrinnen», sagt er, die irakischen Kurden hätten ihr demokratisch gewähltes Parlament, ihre Regierung und ihre eigene Armee. Eigentlich verfügten sie bereits über ihren Staat. Aus Talabanis Worten klingt weniger Optimismus als trotziger Zorn. 1975 hat Talabani die Patriotische Union Kurdistans (PUK) gegründet und amtiert seither als ihr unumstrittener Vorsitzender. Die als progressiv geltende PUK ist die zweitgrösste Partei im Nordirak. Besonders stark verankert ist sie in der Provinz Suleimaniya, unter den Intellektuellen der Region und den Händlern in Erbil.
Talabanis politischer Gegenspieler ist Masud Barzani, der Führer der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP). Als grösste Partei der Region dominiert die konservative KDP in der bäuerlichen Gesellschaft der Provinz Dohuk, wo Stammesbindungen das soziale Leben noch weitgehend bestimmen. Im Gegensatz zu Talabani, der gerne spricht und den Habitus eines Intellektuellen pflegt, ist Barzani wortkarg und lässt sich kaum auf Diskussionen ein. In der kurdischen Bevölkerung sowie bei seinen ausländischen Gesprächspartnern geniesst er Vertrauen. Nach einer Reise in die Hauptstädte der Golfkriegsalliierten sah Barzani für die Kurden drei Möglichkeiten: verhungern, erneute Flucht in die Berge Irans und der Türkei oder Verhandlungen mit Saddam.
Mit dem Regenten von Bagdad zu verhandeln hiesse, unter die Operation Anfal einen Strich zu ziehen. Al-Anfal bedeutet Kriegsbeute. In der achten Sure des Korans, der Offenbarung von Gottes Willen gegenüber den Engeln, heisst es: «Ich werde in die Herzen der Ungläubigen das Fürchten giessen; so erschlage ich ihr Genick und zerschlage jeden ihrer Finger.» Ali Hassan al-Majid, der ehemalige Gouverneur von Kuwait und heutige Verteidigungsminister - ein Cousin Saddams -, hatte damit eine Serie irakischer Vernichtungsfeldzüge gegen die Kurden zu legitimieren versucht. Ungeachtet ihres muslimischen Glaubens wurden die Kurden zu Ungläubigen gestempelt, um das Plündern kurdischen Besitzes und Mord Rechtens erscheinen zu lassen. Nach der Operation Anfal sollten die Kurden des Nordiraks als ethnische Einheit eliminiert sein.
Verhandlungen mit Saddam hiesse auch, die 3839 Städte und Dörfer, die zwischen dem 23. Februar und dem 6. September 1988 zerstört wurden, zu vergessen. Einer dieser Orte heisst Kala Diza. Ende Mai 1988 umstellten die Truppen Saddams den Ort mit Panzern und Artillerie und liessen die rund 70 000 Einwohner wissen, sie hätten die Stadt innerhalb eines Monats zu verlassen. Noch bevor die Frist abgelaufen war, sprengten die Soldaten die ersten Häuser. Von Kala Diza sind nur Steine übriggeblieben.
Mit Saddam Hussein zu verhandeln hiesse weiter, Halabja zu vergessen. Am 16. Mai 1988 wurde die Grenzstadt mit ihren rund 100 000 Einwohnern von der irakischen Luftwaffe mit Giftgas bombardiert. Es war die Rache dafür, dass drei Tage zuvor iranische Pasdaran (Revolutionswächter) dank der Hilfe kurdischer Peschmerga bis Halabja hatten vordringen können. Gegen 5000 Personen fielen dem Giftgas zum Opfer, der Rest der Bevölkerung konnte fliehen. Die Peschmerga hätten davor gewarnt, die Häuser zu verlassen, berichtet eine Bewohnerin der Stadt. Sie sagten, die Iraker würden chemische Waffen einsetzen, man müsse nasse Tücher vor den Mund halten. Als nachts die irakischen Flugzeuge nicht mehr zu hören waren, seien sie alle auf die Strasse gerannt. Unzählige Tote seien dort gelegen, auch die Leiche ihrer Tochter. Sie habe sich nicht einmal mehr nach ihrem Kind umgeschaut und sich der Massenflucht angeschlossen. «Die Angst hat uns jeder Menschlichkeit beraubt», sagt sie. Es ist nicht bekannt, wie viele Opfer die Operation Anfal gefordert hat. Über 200 000 Familien wurden aus ihren Bergdörfern vertrieben und in die Ebenen und Salzwüsten des Südiraks deportiert; laut den im Nordirak erhältlichen Angaben werden seit 1988 über 182 000 Personen vermisst. NOCH BEGEGNET MAN im Nordirak Menschen, die nicht resigniert haben. In einem Dorf unweit von Halabja lebt ein junger kurdischer Geigenbauer. Nach der Zerstörung seines Dorfes 1987 war er mit seinen Brüdern nach Iran geflohen. In einem Lager begannen die drei mit der Herstellung einfacher Geigen. Ihr Ruf als begabte Geigenbauer reichte schon bald bis nach Teheran, wo bekannte Musiker auf ihren Instrumenten spielten. Eines Tages kamen Regierungsbeamte ins Lager und bestellten mehrere Instrumente. Beim Ausliefern der Geigen sahen die Brüder, wie darin Kleber mit der Aufschrift «Made in Iran» angebracht wurden. Für sie bedeutete dies Diebstahl, und sie weigerten sich, für die Iraner weiter Instrumente zu bauen. Die Behörden stellten aus Verärgerung während einer Woche im ganzen Lager den Strom ab. 1991 kehrten die Brüder in den Irak zurück.
Als 1991 die Soldaten der Alliierten in den Nordirak vordrangen, breitete sich unter den Kurden Zuversicht aus. Im Abzug der irakischen Truppen sahen die Kurdenführer den ersten Schritt zur ersehnten Selbstbestimmung. Hunderte von kurdischen Wissenschaftern kehrten damals aus Exilländern in Europa, Amerika und Australien zurück, um beim Aufbau ihrer Heimat mitzuhelfen. Zuversicht verströmte auch die alliierte Militärführung. Für sie war die Operation im Nordirak ein Präzedenzfall für die anbrechende neue Weltordnung, in der Einsätzen westlicher Armeen hauptsächlich humanitärer Charakter zukommen sollte. Die alliierten Soldaten wurden von der gesamten kurdischen Bevölkerung begrüsst. Heute gilt das Experiment als weitgehend gescheitert. Weder die Uno noch die Regierungen der USA und der europäischen Staaten scheinen Vorstellungen davon zu haben, was mit dem namenlosen Gebilde im Nordirak passieren soll. Sie wollen die Türkei, die sich gegen jegliche kurdische Autonomiebestrebung wendet, nicht brüskieren. Hinzu kommt die Angst, dass kurdische Selbstbestimmung im Irak die benachbarten Staaten mit kurdischen Minderheiten destabilisieren könnte. Amerika garantiert zwar - solange Saddam Hussein an der Macht bleibt - für den Nordirak humanitäre Hilfe. Für die Kurden bedeutet dies aber eine Zukunft als passive Hilfsempfänger ohne Chancen zur Entwicklung einer eigenen, unabhängigen Wirtschaft.
Am 14. November 1992 besprachen die Aussenminister Irans, Syriens und der Türkei in Ankara die Lage im Nordirak. Sie kamen zum Schluss, eine Teilung des Zweistromlands auf keinen Fall zu akzeptieren. Die Warnung richtete sich an Washington, an die arabischen Staaten und selbstverständlich an die nordirakischen Kurden. In der geostrategisch empfindlichen Region fehlt es im Kontakt zwischen Teheran, Damaskus, Bagdad und Ankara nicht an Konfliktstoff. Gemeinsam ist den vier Regierungen allerdings die Angst vor dem im Nordirak langsam heranwachsenden kurdischen Staat. Dem Treffen in Ankara folgten weitere in Damaskus und Teheran mit dem Ziel, gegenüber den Kurden eine gemeinsame Politik zu verfolgen.
Die Türkei kämpft in Südostanatolien seit neun Jahren gegen die Kurdische Arbeiterpartei (PKK). Die Verluste an Menschen und Material sind enorm. Die türkische Staatsführung ist davon überzeugt, dass die Existenz einer autonomen kurdischen Region direkt an ihrer südlichen Grenze auch zur Gründung eines autonomen Kurdistan in der Türkei führte. Sie versucht deshalb, den Nordirak wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Syrien befürchtet, dass ein starker kurdischer Nordirak zu einer Teilung des Zweistromlandes und damit zu einer Schwächung des arabischen Zusammenhalts führen könnte. Die Regierung in Teheran ist davon überzeugt, dass die Amerikaner einen Kurdenstaat zu ihrem Stützpunkt machen wollen, um von dort gegen iranische Regionalinteressen vorzugehen. Seit Mitte März 1993 beschiesst die iranische Artillerie regelmässig Gebiete entlang der Grenze zum Irak. Zu Hunderten mussten Kurden die Flucht ergreifen, zahlreiche Weizen- und Haferfelder wurden zerstört. Angesichts dieser Bedrohung zeichnen sich auf kurdischer Seite Konturen einer gemeinsamen Front ab. Die Kurden wollen erreichen, dass die ungelöste Kurdenfrage noch vor der Zementierung einer neuen Ordnung im Nahen Osten geklärt werden muss. Andernfalls fürchten sie, wie 1923 in Lausanne geschehen, die Chance auf die Anerkennung einer nationalen Identität zu verpassen. Die Entwicklung im Nordirak hat das Denken der Kurden in den Nachbarländern bereits beeinflusst. Der Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistans Iran (KDPI), Mustafa Hijri, betont, dass man sich nicht von Iran abtrennen wolle. Seine Partei fordere einen kurdischen Teilstaat in einer demokratischen iranischen Föderation. Seit letztem Frühling hat auch der Vorsitzende der PKK, Abdullah Öcalan, einen erstaunlichen Wandel vollzogen. Er verlangt neuerdings keinen unabhängigen Kurdenstaat in der Türkei mehr. Allein eine kurdisch-türkische Föderation könne das Problem lösen, denn die Kurden seien für die nächsten 40 Jahre noch auf die Türkei angewiesen, erklärte er mehrmals.
DIE KURDEN IN IRAN hatten während zehn Jahren geschwiegen. Die Hoffnung auf Autonomie keimte nach dem Debakel von Mahabad erstmals nach dem Sturz des Schahs wieder auf, wurde aber 1982 wieder zunichte gemacht. Die fundamentalistischen iranischen Revolutionswächter starteten damals eine Offensive mit dem Ziel, die Randvölker Irans zu unterwerfen. Sie vertrieben die Peschmerga aus Iranisch-Kurdistan. Seitdem sind nach unbestätigten kurdischen Angaben über 50 000 Zivilisten und rund 6000 Peschmerga in Iranisch-Kurdistan von den Schergen des Regimes getötet worden. Die drei wichtigsten kurdischen Parteien Irans - die KDPI, deren Abspaltung KDPI-Revolutionäre Führung und die marxistisch-leninistische Komela - zogen sich in den Nordirak zurück.
Die KDPI hat wegen der iranischen Angriffe im Nordirak im Juli ihr Hauptquartier aus dem Grenzdörfchen Bole in die Nähe von Koisanjak verlegt. In den Basars von Iranisch-Kurdistan wird laut Angaben Hijris das Teheraner Regime offen kritisiert. In jüngster Zeit sind im Gebiet der Städte Sardasht, Baneh und Bukan bewaffnete Auseinandersetzungen ausgebrochen. Dörfer entlang der irakisch-iranischen Grenze wurden zwangsevakuiert. Als Realpolitiker glaubt Hijri nicht, dass die westlichen Regierungen dazu bereit sind, die bestehenden Grenzen der Region zu verändern.
Von sozialen Unruhen in Iranisch-Kurdistan spricht auch ein Mitglied des Zentralkomitees der Komela, die nach den Angriffen der Iraner ihre Büros ebenfalls weiter in den Westen verlegt hat. Iran stecke in der tiefsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, eine spontane Protestbewegung habe deshalb in den Armenvierteln der Städte grossen Zulauf. Um sie niederzuschlagen, seien in der kurdischen Stadt Bukan neulich öffentliche Exekutionen durchgeführt worden.
Die Geschichte der syrischen Kurden ist am wenigsten von Aufständen gegen die Zentralgewalt und sozialen Protesten gezeichnet. Die Kurden Syriens leben im nördlichsten Streifen des Landes zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat sowie nördlich von Aleppo. 1,5 Millionen Mitglieder soll die kurdische Gemeinde zählen, das ist rund ein Zehntel der syrischen Gesamtbevölkerung. In der Vergangenheit machten zwei Massnahmen der syrischen Regierung von sich reden. 1961 wurde entlang der syrisch-türkischen Grenze mit der forcierten Evakuierung der Kurden der berüchtigte «arabische Gürtel» errichtet. Er soll 300 Kilometer breit und 15 Kilometer tief sein. Während die Kurden in den Süden oder in die Nähe von Grossstädten ziehen mussten, wurden in ihren Dörfern Araber angesiedelt. Ein Jahr danach wurden nach einer seltsamen Volkszählung über 100 000 Kurden ihrer syrischen Staatsangehörigkeit beraubt. Angeblich konnten sie nicht beweisen, dass auch ihre Vorfahren in diesem Gebiet gelebt hatten. Von syrischen Kurden war erstmals wieder im letzten Oktober die Rede, als die türkische Armee auf der Verfolgung von Kämpfern der PKK in den Nordirak einmarschierte. Die türkische Presse berichtete, dass sich unter den Opfern des Einmarsches auch zahlreiche syrische Kurden befunden hätten.
Am spektakulärsten ist der kurdische Bewusstseinsprozess in der Türkei abgelaufen. Die PKK ist während der vergangenen neun Jahre von einer, wie es offiziell hiess, «Handvoll von Banditen» für den Nato-Mitgliedstaat Türkei zur erstrangigen nationalen Bedrohung avanciert. Diese Entwicklung verdankt die Partei vor allem der anfänglichen Hilfe Barzanis und der diskreten Unterstützung durch Syrien. Angesichts der Absicht Ankaras, mit einem System von Staudämmen die südwärts abfliessenden Gewässer Anatoliens zu kontrollieren, kam Damaskus der Aufbau einer bewaffneten türkischen Oppositionskraft gelegen. Nach dem Putsch der türkischen Generäle 1980 flohen Tausende von linken Türken und Kurden nach Syrien und Libanon, wo sie meist in palästinensischen Lagern Unterschlupf fanden. Unklar ist, wo der junge Absolvent der Politologie, Abdullah Öcalan, erstmals in Kontakt mit den irakischen Kurden kam. Die KDP Barzanis erlaubte Öcalan zu Beginn der achtziger Jahre, im nordirakischen Grenzgebiet Stützpunkte für die PKK aufzubauen, und kümmerte sich um die Ausbildung der unerfahrenen Kämpfer. Am 15. August 1984 griffen zwei kleine Gruppen der PKK die türkischen Ortschaften Semdinli und Eruh an und verkündeten den Beginn des kurdischen Befreiungskampfes in der Türkei. Dem Wachstum der PKK weiter förderlich war die staatliche Repression gegen die Kurden in Südostanatolien. Die türkischen Politiker schienen in den achtziger Jahren ausser nackter Gewalt über keine Mittel gegen soziale Konflikte zu verfügen. 1985 wurden vom Staat im Kampf gegen die Guerilla die ersten bezahlten und bewaffneten Dorfwächter eingesetzt. Diese Dorfmilizen sind heute ein Teil der Kriegsmaschinerie im türkischen Südosten. Ihre Mitglieder lehnen jeden Friedensvorschlag schon aus beschäftigungspolitischen Überlegungen ab.
Die im August 1988 nach Südostanatolien geflüchteten Kurden, die vor den Schergen Saddams Schutz suchten, leiteten eine Wende in der kurdischen Nationalbewegung in der Türkei ein. Jahrzehntelang hatte der türkische Staat seinen Bürgern eingetrichtert, dass die Kurden in Wirklichkeit Bauern aus den unterentwickelten Grenzregionen seien. Viele Kurden Südostanatoliens schämten sich ihrer Herkunft. Die jüngere Generation verlernte allmählich die kurdische Sprache, die sie ohnehin als bäuerlichen Dialekt empfand. Nun merkten die türkischen Kurden, dass sich unter den Flüchtlingen viele gebildete Menschen befanden, die ein sehr gepflegtes Kurdisch sprachen. Für viele war diese Erkenntnis Schock und Erleuchtung zugleich.
Der inzwischen verstorbene Präsident Özal ahnte damals als erster türkischer Politiker, welchen Zündstoff das neuerwachte kurdische Nationalbewusstsein in sich barg. 1990 sprach er öffentlich von den kurdischen Bürgern der Türkei und untergrub damit die vorherrschende kemalistische Ideologie, wonach in der türkischen Republik nur Türken lebten. Der Taktiker Özal wusste, dass die Zukunft seines Landes von einem Frieden zwischen Türken und Kurden abhängig ist. Es wird angenommen, dass Özal einen von der PKK im März 1993 einseitig ausgerufenen Waffenstillstand initiiert hat. Doch mit Özals Tod im letzten April verblasste die Aussicht auf einen Frieden. Die Kämpfe zwischen der kurdischen Guerilla und den Sicherheitskräften eskalieren täglich. Ende September hat Öcalan vor versammelten westlichen Journalisten in der Bekaa-Ebene eine Intensivierung des Kampfes angekündigt.
Die vier Nationalstaaten, über welche die Kurden verteilt sind, sind mit ihren Mitteln zur Lösung der Kurdenfrage an Grenzen gestossen. Nur im Rahmen einer Regelung für den ganzen Nahen und Mittleren Osten kann entschieden werden, ob dem kurdischen Volk weiterhin das Recht auf eine eigene Identität verwehrt werden kann.
Amalia van Gent, Türkeikorrespondentin der NZZ, bereiste im August die Kurdengebiete Südostanatoliens und des Nordiraks.