NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- Vom Pfeifenholz

Von Thomas Brunnschweiler

DAS GOLD der Pfeifenmacher liegt in den Macchien des Mittelmeerraums verborgen. In saurem, trockenem Boden wächst die Baumheide (Erica arborea), ein Strauch, der über fünf Meter hoch werden kann. Sein französischer Name hat dem kostbaren Pfeifenholz den Namen gegeben: Bruyère.

Das Wort geht auf das Keltische zurück und ist verwandt mit dem schweizerdeutschen «Bruch», das gemeines Heidekraut, aber auch ein mit Bergheide bewachsenes Stück Land meinen kann. Eine Brûchere - gleichsam lautliches Pendant von bruyère - ist eine Gegend, wo Heidekraut wächst. Für den Pfeifenmacher ist nur das Wurzelholz der Baumheide von Interesse, genauer: die knollenartige Verdickung zwischen Stamm und Wurzel. Das Bruyèreholz vereinigt alle Eigenschaften, die für eine gute Pfeife wichtig sind: Es ist hart, kompakt, nicht zu schwer, hitzebeständig, saugfähig und schön gemasert. Seine Widerstandskraft gegen Feuer muss es bereits in den sporadischen Macchiabränden unter Beweis stellen. Der hohe Kieselsäuregehalt des hellrötlichen Wurzelholzes trägt zu dieser überlebenswichtigen Eigenschaft bei.

Das frische Holz wird zuerst einen Tag lang ausgekocht. Unliebsame Gerbsäure und Bitterstoffe werden dadurch entfernt. Nun beginnt die mehrjährige Lagerung, bei der das Holz austrocknet und an Gewicht verliert. Erst jetzt zeigt sich, welche Stücke für eine handgefertigte Pfeife taugen. Billiges Bruyèreholz für die industrielle Weiterverarbeitung kommt aus Marokko: der sogenannte Ebauchon kostet von dort weniger als 5 Franken. Das beste Wurzelholz in Form von noch nicht entrindeten Plateaustücken stammt aus Korsika und der Toscana. Ein Stück kostet zwischen 30 und 50 Franken.

Mitte des 19. Jahrhunderts hat das Bruyèreholz seinen Siegeszug angetreten und fragilere Pfeifenwerkstoffe wie Ton, Porzellan und Meerschaum weitestgehend verdrängt. In vielen Mittelmeerregionen erzählt man sich Anekdoten und Ammenmärchen über die Entstehung der Bruyèrepfeife. Pfeifenraucher, welche die Schönheit und Würde der wehrhaften Knolle schätzen, werden für eine makellos gemaserte Meisterpfeife gerne mehr als 2000 Franken zahlen.


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