Ein Haus aus Stahl und Glas kann durchaus umweltfreundlich sein. Dies beweist Vincent Mangeat, der Architekt aus Nyon, der wegen des Eisturms seines Sevilla-Pavillons von Umweltschützern angegriffen wurde, obwohl die Energiebilanz dieses Baus gesamthaft kaum schlechter ausgefallen wäre als die einer herkömmlichen Ausstellungsarchitektur. Der innovative Geist dieses verhinderten Expo-Bauwerks lebt jedoch fort in einem Haus, das der 51jährige Architekt im Wallis als vorbildliche Wohnmaschine konzipierte. Nicht vorsichtige Beamte entschieden hier, sondern ein gegenüber Experimenten offener Bauherr, der auf Grund langjähriger Zusammenarbeit mit Mangeat von dessen lateinischem Forschergeist begeistert war. Entschlossen kämpfte Hugo Ritz, Besitzer einer Schlosserei in Monthey, für die Realisierung dieser anspruchsvollen, von Rationalität und Konsequenz geprägten Architektur.
Entstanden ist ein Meisterwerk des Metallbaus, ein filigranes Haus, das im Weinberg über Montheys Altstadt ein ästhetisches Zeichen setzt, ohne die Kleinteiligkeit der Rebterrassen zu beeinträchtigen. Mangeat, der 1985 den Auftrag zur Maison Ritz erhalten hat, ist heute in Monthey kein Unbekannter mehr, gewann er doch den Wettbewerb für die urbanistische Gestaltung der Platzanlage vor dem Rathaus. Nur wenige Schritte führen von hier durch enge Gassen. Dann fällt der Blick ganz unvermittelt auf die graue, von Bäumen halb verdeckte Stahlkonstruktion am ehemaligen Saumpfad. Das Haus - mit dem gewölbten Blechdach einem Eisenbahnwagen ähnlich - steht auf hohen Betonschwellen, die wie Felsenrippen aus dem Steilhang wachsen: Ein Zeugnis unseres hochtechnischen Fin de siècle strebt nach Harmonie mit seiner ländlichen Umgebung.
War bei Mangeats Bauten auf dem flachen Land - vorab den Schulen von Tannay und Nyon - die Monumentalität der Inszenierung wichtig, so dominiert jetzt die Lage. Es war denn auch das Terrain, das Mangeat hier interessierte. Der abschüssige Hang erlaubte ihm, das Haus als Teil der Strasse, die verbreitert werden musste, aufzufassen. Obgleich das Grundstück im 45-Grad-Winkel ansteigt und kaum 500 Quadratmeter misst, gelingt es Mangeat durch meisterhafte Kombination von Strassenbau, Architektur und Urbanistik, Platz zu schaffen für ein geräumiges Haus mit Autostapelplatz, einen kleinen Garten und einen Rebberg.
Rückgrat der ganzen Konstruktion ist die Stützwand, die die Strasse sichert, in der sich aber auch die Kellerräume des Hauses befinden. Aus ihr hervor wachsen die Betonkonstruktionen des Fundamentes, der Nasszellen im unteren Wohngeschoss sowie des Stapelplatzes. Auf dieses im Berg verankerte Skelett ist der eigentliche Wohnkörper aus Stahl und Glas geschraubt. Er erinnert nicht nur an den Pavillon von Mangeats Eisturmprojekt; er verweist auch auf die leicht gebauten Wohnhäuser der Moderne der Nachkriegszeit in der Tradition von Mies van der Rohes Farnsworth House. Die serielle Ordnung, die gleichermassen den Grundriss wie die Südfassade der Maison Ritz prägt, verdrängt die in Mangeats früheren Bauten oft so dominante Symmetrie auf einzelne Fassadenteile.
Auch das lokale Klima hatte Einfluss auf das Erscheinungsbild des Hauses: Burgartig geschlossen zum Steilhang hin, trotzt es den kalten Winden. Hingegen fängt die nach Süden orientierte, thermisch isolierte Glasfront die Wintersonne ein, so dass selbst an kalten Tagen kaum geheizt werden muss. Bei Sommerhitze sind die Fensterbänder nachts zur Zirkulation der Luft weit geöffnet; tagsüber aber hält das vorgehängte Rahmenwerk mit transparenten SBB-Sonnenstoren das Haus angenehm kühl.
Bietet die Glasfront den Bezug zur Welt, so gewährt die fensterlose Eingangswand Geborgenheit. Von der Strasse und von dem über eine Treppe erreichbaren schmalen Vorplatz, unter dem sich - halb im Berg - Bad, Waschküche und Schrankräume finden, erhascht man keinen Blick ins Innere. Erst der Glasschlitz in der Eingangstüre lässt den Ausblick - ein wichtiges Element des Hauses - von der Wohnetage auf Stadt und Alpen ahnen. Dieses betritt man auf dem mittleren Niveau, wo sich nach rechts die Küche öffnet, von deren Balkon eine Treppe in den kleinen Garten führt. Zur Linken in der Tiefe des Salons mit seiner subtilen Lichtführung, die an Louis Kahns Kimbell Art Museum in Fort Worth erinnert, weitet sich der Raum bis hoch ins Dachgewölbe. Über dem Essbereich hingegen findet sich unter dem Rund des Daches eine terrassenartig eingeschobene Galerie mit einem Büro, vom Eingang her erreichbar über eine Wendeltreppe. Diese führt auch hinab ins untere Geschoss zu den Schlafzimmern der Eltern und der Tochter.
Fast schon japanische Perfektion bestimmt das Interieur - und japanisch wirkt mitunter auch die Transparenz. Diese lebt gleichermassen von der Aussicht, der Offenheit der gotisch inspirierten zweischichtigen Wandstruktur aus Fenstern und davorgesetzten Sonnenblenden wie von den Durchblicken im Wohn- und Galeriegeschoss. Nur im Schlafbereich wird zugunsten der Intimität auf dieses der Moderne entliehene Konzept des espace fluide, des fliessenden Raums, verzichtet.
Mehr noch als all die technischen und formalen Neuerungen dieses prototypischen Hauses erweist sich die urbanistische Idee der Land sparenden Einheit von Strasse und Architektur als zukunftsweisend. Mangeat entwickelte sie in dem 1990 vorgelegten Projekt für einen Autobahnwerkhof bei Delémont weiter und verlieh damit seiner Überzeugung Nachdruck, dass sich der Architekt immer wieder dem kleinen Haus als zentralem Ort architektonischer Erkenntnis zuwenden muss, weil es Regeln setzt. Hängt doch bedeutende Architektur nicht von der Grösse ab, sondern vielmehr vom richtigen Einsatz von plein und vide, von Volumen und Raum in Hinblick auf Material und Licht.