Er hatte sich in die Karibik davongemacht. Auf Barbados, unter tropischer Sonne und im Kreise seiner Familie, wollte er seine gebrochene Rippe kurieren und sich vom Schock erholen, dass eine osteuropäische Gang die Entführung seiner Frau und seiner beiden Kinder geplant hatte. David Beckham wollte einfach einmal seine Ruhe haben. Aber die Reporter der Klatschpostille «Hello» hatten ihn auch auf der Karibikinsel bald ausfindig gemacht, belagerten ihn am Strand und vor seiner gemieteten Privatvilla. Die Ausbeute: ein Dutzend Bilder. Unscharf, dafür world exclusive: der Fussballstar in Badehose, mit Sonnenbrille und Haarreif, wie er dem Meeresstrand entlangspaziert; der liebevolle Daddy mit seinen Söhnen Brooklyn und Romeo; der treusorgende Ehemann mit Gemahlin Victoria und Schwiegermutter Jackie.
Paparazzi! Kein Respekt vor der Privatsphäre! So wollten wir es nicht anstellen, wir wollten höflich sein. Aber auch wir hatten ihn natürlich als Ersten ins Visier genommen: David Beckham, 28, das Goldfüsschen im Starensemble von Manchester United, den Glamourboy an der Seite von Spicegirl Victoria, den Schönling mit dem Frisuren-Tic. Wir wussten, dass es nahezu unmöglich sein dürfte. Aber wir wollten es wenigstens versuchen, auf offiziellem Weg, und also machten wir uns auf nach Manchester.
Es war Anfang Dezember. Beckham hatte seine Verletzung auskuriert, United spielte in der Champions League gegen La Coruña, und in letzter Minute war es uns gelungen, einen der raren Plätze auf der Pressetribüne zu ergattern. Wir waren guter Dinge. Der Himmel war klar, und auch die Stadt, die einstige Kapitale der Textilbarone, des rechtlosen Proletariats, des Manchesterkapitalismus, war ganz anders, als wir sie uns vorgestellt hatten. Manchester überraschte mit schönen Plätzen, eleganten Läden und frisch herausgeputzten viktorianischen Prachtbauten. In Industriebrachen und ehemaligen Lagerhallen lockten trendige Galerien, Pubs und Cafés, wir gingen vorbei am Museum Urbis, einem bestechenden Kunstwerk aus Glas und Stahl, fuhren hinaus zum Imperial War Museum North von Daniel Libeskind.
Für einen Moment hätten wir den Zweck unserer Mission beinahe vergessen. Aber dann erblickten wir auf einem der roten Busse das überlebensgrosse Foto von Roy Keane, dem heissblütigen ManU-Mittelfeldspieler, der seine Autobiographie anpries, und nahmen die Fährte wieder auf. Wir betraten die Buchhandlung Sportpages, wo es alles gab, was in den letzten fünf Jahren über Manchester United in Buchform publiziert worden ist, dazu auch eine Fülle von Club-Insignien wie Leibchen verschiedenster Jahrgänge, historische Fotos und Wimpel. Allein die United-Literatur füllte fünf Regale (die Bücher über den Lokalrivalen Manchester City nur gerade ein halbes). Wir blätterten in dicken Gesamtdarstellungen der Vereinsgeschichte, in Spezialabhandlungen über das Fluzeugunglück in München 1958, als die halbe Mannschaft den Tod fand, und kauften schliesslich die offizielle Autobiographie von ihm, David Beckham.
Würde er wirklich spielen? Noch war die Frage nicht restlos geklärt. Für den «Daily Mirror» war die Sache klar: «Becks is back!» Nicht ganz so sicher war sich die Lokalpresse. Die «Manchester Evening News» orakelten, dass es durchaus denkbar sei, dass Beckham bereits von Beginn weg auf der rechten Seite für offensiven Druck sorgen werde. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass er erst im Verlauf des Spieles eingesetzt werde. Auch die Pressekonferenz schuf noch keine Klarheit: Beckham werde sehr wahrscheinlich in der zweiten Halbzeit eingewechselt, hiess es nun. Allerdings könnte der allmächtige Trainer Alex Ferguson kurzfristig auch ganz anders entscheiden. Das übliche Psychotheater vor dem Spiel.
In Tat und Wahrheit hatte der alte Fuchs Ferguson natürlich längst enschieden. Beckham musste vorerst auf der Ersatzbank Platz nehmen, so wie es nach einer längeren Verletzungspause üblich ist.
Da sass er nun, keine 30 Meter von uns entfernt. Er war in eine blaue Daunenjacke eingepackt, dick vermummt wie ein Michelin-Männchen, und seine Frisur verbarg er unter einer Wollmütze. Nach der ersten Halbzeit nahm er die Mütze ab, und wir konnten sehen, dass er seine Haare wieder länger trug. In der 60. Minute erhob er sich, um an der Seitenlinie auf und ab zu tänzeln. Dann streifte er sich die Trainerhose ab, ein Raunen aus 67 655 Kehlen. Lässig schüttelte er seine Beine, die uns für einen Fussballer seltsam rachitisch erschienen. In der 80. Minute betrat er den Rasen von Old Trafford. In der 82. Minute schlug er eine seiner berüchtigten Flanken, ansatzlos aus dem Fussgelenk, mit Innenrist scharf angeschnitten, so dass der Ball einen weiten Bogen beschreibt. In der 85. Minute wurde er gefoult. In der 86. Minute verstolperte er den Ball. In der 92. Minute wurde das Spiel abgepfiffen. 2:0 für United.
Beckham war nur 12 Minuten auf dem Platz. Aber wir hatten ihn spielen gesehen!
Für eine offizielle Anfrage bezüglich Interviews, so richtete man uns an der Pressekonferenz nach dem Spiel aus, sei Miss Diana Law, Press Officer, zu kontaktieren. Diana Law werde dann alles arrangieren, no problem. Wir waren zuversichtlich und riefen am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe an. Es meldete sich ein Telefonbeantworter, der uns mitteilte, dass Frau Law erst am nächsten Tag wieder erreichbar sei. Kann vorkommen, dachten wir, und nutzten die Zeit, um uns auf die Begegnung, sofern sie denn zustande kommen sollte, vorzubereiten.
Die Autobiographie von David Beckham heisst «My World», und die Welt, die darin beschrieben wird, ist eine Welt voller Erfolg, Geld und Liebe. Die Geschichte erzählt vom Aufstieg eines fussballbegeisterten Jungen aus Leytonstone zum Star und Multimillionär, ein Märchen, in dem alle Träume in Erfüllung gehen: Der kleine David, Sohn eines Gasinstallateurs und einer Coiffeuse, wollte immer nur für United spielen, denn auch sein Vater war schon United-Fan; der grosse David wollte stets nur eine Frau an seiner Seite haben, Victoria, das Spicegirl mit dem Übernamen «Posh» (chic). Beckham lässt seinen Ghostwriter nochmals seine schönsten Tore beschreiben, lässt ihn verraten, dass das Wichtigste in seinem Leben seine Familie sei. Die Botschaft: Ich bin reich, erfolgreich, schön – und glücklich. Was auch bei Promis ja nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Beckham ist kein Haudegen wie Roy Keane, kein Trunkenbold und Schürzenjäger wie weiland George Best oder Paul Gascoigne. Beckham ist ein treuherziger Familienvater – und doch extravagant. Er liebt den glamourösen Lifestyle. Er ändert seinen Look wie ein hyperaktives Chamäleon. Er zeigt seine feminine Seite, trägt Schmuck und Haarspangen, manchmal auch einen Sarong oder die Unterhosen seiner Frau. Er ist der David Bowie des Fussballs. Und so ist auch sein Spiel auf dem Rasen: Eleganz statt sturer Taktik, leichtfüssiges Raffinement statt kruder Kraft und Athletik. Beckham ist der Ästhet des Fussballspiels.
Mr. Beckham, was halten Sie von dieser Interpretation? Das könnten wir fragen, wenn uns endlich ein Termin vermittelt würde. Aber auch am nächsten Morgen meldet sich beim Press Office bloss der Telefonbeantworter. Eine falsche Nummer? Hatte die Dame eventuell vergessen, den Beantworter auszuschalten? Wir beschlossen, persönlich vorzusprechen.
Mit dem Tram hinaus zum Stadion, an geschlossenen Fish-&-Chips-Buden vorbei zum mächtigen Rund von Old Trafford. Alle Eingänge sind verriegelt, nur der Fan-Shop hat geöffnet. Wir erkundigen uns nach der Pressestelle und werden zum Empfang geschickt. Dort teilt man uns mit, dass sich die Pressestelle nicht im Old-Trafford-Stadion befinde, sondern im Old-Trafford-Trainingszentrum in Carrington draussen vor der Stadt. Journalisten ohne Voranmeldung, sagt man uns noch, hätten dort allerdings keinen Zutritt. Wir schlagen die Warnung in den Wind und nehmen uns ein Taxi.
Wir haben Glück: Mike, der Fahrer, kennt den Weg. Er habe schon Bekannte von Alex Ferguson dorthin gebracht, erzählt er, und die hätten ihn dann auch mitgenommen, das Trainingszentrum zu besichtigen, die Halle mit dem Kunstrasen, das Schwimmbad, das Fitnesszentrum mit Dampfbad und Sauna, Jacuzzis aus Marmor, die Massageabteilung, die Aussenplätze mit beheiztem Rasen. Und Beckham? Hat er den auch gesehen? Klar, der habe ihm sogar ein Autogramm gegeben.
Natürlich fiebert Mike mit, wenn United spielt. Im Stadion schaue er sich die Spiele allerdings schon lange nicht mehr an. «Als ich das letzte Mal dort war, hatte Bobby Charlton noch Haare.» 27 Pfund (rund 60 Franken) für ein Ticket, das sei einfach viel zu viel. Und bei Spitzenspielen sei es für Leute ohne Membership ohnehin kaum mehr möglich, ein reguläres Ticket zu ergattern. «Viele Plätze werden ausserdem den Sponsoren zugeteilt. It’s business, you know.»
Mike steuert sein Taxi, in dem auch schon George Best gesessen hat («Ein feiner Typ. Nicht so wie die heutigen Stars, die in ihrer eigenen Welt leben und die man nie zu Gesicht bekommt.»), auf einen holprigen Feldweg und hält vor einem Schlagbaum. Er kurbelt das Fenster hinunter und ruft in Richtung Gegensprechanlage ganz einfach «Taxi!», worauf sich der Schlagbaum hebt. Wir fahren weiter, auf beiden Seiten des Strässchens dichtes Gebüsch, und erreichen endlich das Ziel. Das Trainingszentrum ist wie ein Hochsicherheitstrakt von einem drei Meter hohen Gitterzaun umgeben. Mike kurbelt erneut das Fenster herunter und meldet dem Portier: «Ich habe hier einen Journalisten, der von Miss Law erwartet wird.» Der Schlagbaum öffnet sich. Und wir sind drinnen.
Das Trainingszentrum von Manchester United ist eine Sportanlage in den Dimensionen eines kleineren Freizeitparks. Mike hatte nicht übertrieben: Da gibt es eine Turnhalle, so gross wie ein halbes Fussballfeld, verschiedene Aussenplätze, dazu einen Gebäudekomplex mit Hallenbad, Fitnessabteilung, Konferenzräumen, Büros.
Nur Frau Law ist im Moment gerade nicht da. Sie sei noch draussen beim Training der Spieler, sagt die Dame vom Empfang. Aber sie werde so ungefähr in 20 Minuten zurückkommen. «Nehmen Sie doch bitte Platz», befiehlt uns die Dame. Wir würden uns lieber draussen ein wenig umsehen. «Ja, aber gehen Sie keinesfalls auf den Platz hinter dem Zentrum. Das ist strikte verboten. Dort trainiert die erste Mannschaft.»
Wir gehen hinaus zum Parkplatz, auf dem die Karossen der Spieler stehen, Ferraris, kugelsichere Mercedes 500 Coupé, BMW-X5-Geländewagen. Weiter zum ersten Fussballfeld, auf dem der Nachwuchs trainiert, wir schlagen einen weiten Bogen um den Platz, äugen zum Spielfeld hinter dem Gebäudekomplex. Und tatsächlich: Aus der Ferne können wir den Glatzkopf von Torwart Barthez erkennen. Weiter hinten üben einige Spieler Freistösse, der kleine Scholes, der lange Giggs. Auch der schmächtige Blonde ist da.
«Sie möchten ein Interview mit Beckham?» Diana Law macht ein Gesicht, als hätten wir gefragt, ob wir nach dem Training mit der Mannschaft in den Jacuzzi steigen dürften. Sie holt tief Luft, verdreht kurz die Augen und sagt dann freundlich, aber bestimmt: «Ich muss Sie darüber informieren, dass wir in Bezug auf Interviews eine strikte Praxis verfolgen. Bei den englischen Spielern hat die englische Presse Vorrang, bei den Franzosen die französische, bei Ruud van Nistelrooy die holländische, bei Solksjaer die norwegische. Sie aber kommen aus der Schweiz – ich weiss beim besten Willen nicht, bei wem Sie da Vorrang haben sollten. Aber wenn Sie wollen, schicken Sie uns auf dem Briefpapier Ihrer Zeitschrift ein schriftliches Gesuch mit Ihren Fragen.»
Der Bescheid kam nicht unerwartet. Aber noch gab es ein Quentchen Hoffnung, so wie damals, als ManU im Champions-League-Final gegen Bayern München bis in die 91. Minute im Rückstand lag und doch noch als Sieger vom Platz ging.
Zurück in der Schweiz, setzten wir ein Schreiben auf, mit möglichen Fragen:
David Beckham, was unterscheidet Manchester United von andern Fussballclubs?
Wie gehen Sie mit Erwartungsdruck um, der bei jedem Spiel auf Ihren Schultern lastet?
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn gegnerische Fans singen: Deine Frau ist eine Hure.
Wie kann ein Star glücklich sein?
Auf unsere Rückfrage hin bestätigte Diana Law den Eingang des Briefes. Sie bekräftigte, dass Becks mit seinen Presseterminen äusserst wählerisch sei. Ausserdem entscheide der Spieler ja nicht allein. Es gelte auch, die Zustimmung von Managern und Agenten einzuholen, und manchmal habe auch Ehefrau Victoria ein Wörtchen mitzureden. Das bestätigte auch ein Blick in die Archive britischer Zeitungen: Weil sie fand, ihr David werde als dämlich hingestellt, erwirkte «Posh», das Spicegirl, die Zensurierung eines Dokumentarfilms des Senders ITV. Sie war es auch gewesen, die mit dem Magazin «Ok!» einen Millionenvertrag für die Exklusivrechte an ihrer Hochzeit mit David aushandelte.
Ein neues Jahr begann. Wochen verstrichen. Beckham hatte wieder seine Topform gefunden. Am TV bewunderten wir seine Flanken, seine präzisen Pässe in den freien Raum, den genialen Heber aus 20 Metern über den Torhüter im Match gegen Birmingham.
Wir wollten es ein letztes Mal versuchen. Erneuter Anruf bei der Pressestelle. «Hello Miss Law, haben Sie schon etwas wegen des Interviews mit David gehört?» Frau Law sagte etwas von Vermarktungsstrategien, von Exklusivrechten von Sponsoren und schloss mit dem Fazit: «Mr. Beckham hat im Moment andere Prioritäten. Ich nehme an, Sie verstehen das.»
Wir hatten verstanden. Nun wussten wir es definitiv: David Beckham spielt in einer andern Liga als wir Schweizer. Hopp FC Basel!