Vieles, was wir tun, hat seine Ursache in der Zukunft. Das menschliche Handeln ist zielgerichtet; wir wollen etwas verwirklichen, das es noch nicht gibt, planen eine Reise und sind in Gedanken der Zeit voraus und fort. So ist, was hier und jetzt geschieht, eine Folge dessen, was geschehen wird.
Die Lebensweisheit, sich nicht um das Morgen zu sorgen, lehrt uns jedes Buch der Bücher, heisse es nun Bibel oder Tao Te King. Die Hartnäckigkeit, mit der sie der Mensch sich einzutrichtern versucht, weist darauf hin, wie schwer sie zu beherzigen ist. Die Freiheit des Geistes, sich in anderen Räumen und Zeiten bewegen zu können, hat ihre Kehrseite im Zwang, nicht bei sich sein zu dürfen. Und da wir zu kennen vermeinen, was war, möchten wir erfahren, was sein wird.
In der abendländischen Welt ist Delphi über ein Jahrtausend der Ort, wo die Zukunft verhandelt wird. Dass sich über sie Gewissheit verschaffen lässt dank der Gunst der Götter, ist den Griechen zunächst selbstverständlich; erst wie der Niedergang des Orakels besiegelt ist, wird die Frage aufgeworfen, warum das so ist. Plutarch, selber Priester in Delphi, verteidigt die prophetische Kraft als Gegenpol zu der des Gedächtnisses; wie dieses das Vergangene erhalte und aufbewahre, erfasse jene das noch nicht Geschehene. Ihre Kunst bestehe darin, aus dem Gegenwärtigen oder Vergangenen sich auf das Zukünftige zu richten. Man beachte die Reihenfolge.
Es ist die Gegenwart, die dunkel ist; über ihr liegt der Schleier. Versteht man das Schicksal als eine Kette von Ursachen und Wirkungen, gilt derjenige als Prophet, der diese «in eins miteinander zu verbinden und zu verflechten versteht». Durch ihn spricht der Gott, sagten die Alten.
Der Zufall, der dem Gang der Dinge eine ganz andere Wendung gibt, hat da keinen Platz. Obschon die moderne Naturwissenschaft ihn wieder unter uns weiss: wir finden uns mit ihm nicht ab. Wenn das Schicksal schon nicht höheren Orts beschlossen ist, suchen wir es selber zu beschliessen.
Doch wann immer wir in die Zukunft blicken, blicken wir in einen Spiegel. Wir stehen davor, rücken die Krawatte zurecht und mögen nicht recht glauben, dass morgen darin ein anderer zu sehen sein wird.