UNTER MEPHISTOS blitzgescheiten Sprüchen ist einer, der uns mehr als üblich zu grübeln geben sollte: «Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.» Wir neigen zu der stillschweigenden Überzeugung, dass jedes Wort einen Sinn haben müsse, da es doch vorhanden ist - obwohl unser Wortschatz grossenteils aus muffigen Gelehrtenstuben und aus miefigen steinzeitlichen Höhlen stammt. Elias Canetti hat nur zu recht, wenn er sich Akademien wünscht, «deren Aufgabe es wäre, von Zeit zu Zeit gewisse Worte abzuschaffen». Fangen wir mal mit dem Frühling an.
Am 21. März werden also Zeitung, Radio und Fernsehen wieder einmal verkünden, hiermit sei der Frühling angebrochen; darauf haben sie sich geeinigt mit den Astronomen und den Kalenderfabrikanten. Noch lieber werden sie am 18. März melden, drei Tage vor Frühlingsanfang sei schon «der Sommer eingezogen» (falls wir es gerade mit einem Schwall subtropischer Warmluft zu tun bekommen). Und am liebsten am 24. März, drei Tage nach Frühlingsanfang sei «der Winter zurückgekehrt» (falls es schneit). Ein solches Gedränge der Jahreszeiten auf engstem Raum müsste eigentlich jeden stutzen machen, der ein bisschen denkt, wenn er liest; nicht gerechnet, dass es erlaubt wäre, unsere Begriffe hin und wieder an einem Blick aus dem Fenster zu orientieren.
Vier Jahreszeiten also, davon zuweilen drei in einer Woche, wenn die Journalisten recht haben; im übrigen allesamt mit einem exakten Datum, das für die gesamte nördliche Halbkugel verbindlich sein soll, für Alaska wie für den Sudan. Wir schwitzen am 20. März, aber «Winter» sollen wir dazu sagen; wir frieren am 22. März, aber «Frühling» soll das heissen - ein herrliches Beispiel für unseren Aberglauben an die Kraft des Begriffs. Steht das Wort in offenkundigem Widerspruch zum Verhalten der Natur, so fällt es uns nicht im Traum ein, das Wort auf seine Eignung zu prüfen; umgekehrt: Wir benutzen es, um der Natur ihren Verstoss gegen unseren Sprachgebrauch vorzuhalten. Wir schlagen dem Wetter die Erwartungen um die Ohren, die in unserem Vokabular versteinert sind, und teilen ihm entrüstet mit, dass es sie verletzt.
Von den Meteorologen lassen wir uns dabei schon gar nicht irritieren. Auch für sie beginnt «der Frühling» zwar, kurios genug, an einem bestimmten Tag, jedoch an einem anderen: dem 1. März. Und schon gar nicht nehmen wir die Phänologen zur Kenntnis, die meteorologischen Beobachter und Berater der Landwirtschaft - obwohl sie und nur sie realistisch beschreiben, was sich in der Natur vollzieht und nicht in der Welt der fertigen Begriffe.
Mit dem mittleren Beginn der Schneeglöckchenblüte setzt das ein, was die Phänologen den Vorfrühling nennen. Auf ihn folgt in ihrer Sprache der Erstfrühling, gekennzeichnet durch das Aufbrechen der Stachelbeerknospen oder das Erscheinen der Blattoberfläche der Rosskastanie; schliesslich der Vollfrühling mit der Flieder- oder Apfelblüte. Je nachdem, welche Kapriolen das Wetter diesmal schlägt, welchen der drei Massstäbe wir anlegen und ob wir in der oberrheinischen Tiefebene messen oder an der polnischen Ostseeküste, beginnt der Frühling in Mitteleuropa also ununterbrochen von Februar bis Juni.
Das ist natürlich unbequem und noch dazu gänzlich ungeeignet für Schlagzeilen und Wirtshausflüche. Da bleiben wir lieber bei unserer öffentlich akzeptierten Albernheit, im Kalender eine Zäsur zu markieren, von der der liebe Gott offensichtlich keine Ahnung hat; schlimm genug für ihn!
Gut, gut; nur: Was folgt daraus? Sollen wir die Sprachmäkelei so weit treiben, die uralten Namen der Jahreszeiten abzuschaffen, und gibt es nicht Tage im Mai, an denen alle Welt sich über das Wort «Frühling» einig ist? In der Tat: Beim Frühling würde es genügen, wenn seriöse Journalisten sich für den Unfug des angeblich im Frühling zurückgekehrten Winters zu schade wären - und wenn wir alle versuchten, unseren Aberglauben an die wetterstiftende Macht des Wortes durch gelegentliches Augenzwinkern zu mildern.
Aber die Undefinierbarkeit des Frühlings ist ja nur ein Lehrstück dafür, wie arglos wir auch mit solchen Begriffen umgehen, die politische Wirkung haben - obgleich man bei ihnen nicht minder streiten könnte, was eigentlich ihnen in der realen Welt entspricht, wenn überhaupt etwas. Wie, bitte sehr, sollen wir denn «Fortschritt» definieren oder «Solidarität» oder «soziale Gerechtigkeit»?
Und müsste einer, der «Naturschutz» betreibt, uns nicht wenigstens erklären, was er unter Natur versteht? Will er Vulkane, Ratten und Kakerlaken schützen, Krätzmilben, Aids-Viren und Pestbazillen? Das will er nicht. Aber es ist doch Natur! Schützen will er also nur einen Teil der Natur. Welchen? Das soll er uns erklären! Warum findet darüber keine öffentliche Debatte statt?
So könnte es sein, dass politische Handlungen und Unterlassungen daraus folgten, wenn wir uns entschliessen würden, die ungelüfteten Winkel unseres Wortvorrats dann und wann einem Quantum Frischluft auszusetzen, und käme sie mit einem Islandtief im sogenannten Frühling.