NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Geheimnis der Kräuterfrauen

Aspirin.

Von Angelika Overath

AM 1. FEBRUAR 1899 wurde unter dem Handelsnamen Aspirin eine Substanz beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin eingetragen, deren antibakterieller und fäulnishemmender Hauptbestandteil in zahlreichen Pflanzen vorkommt: Salicylsäure. In unseren Breiten enthalten Weiden, aber auch das unscheinbare Kraut Mädesüss extrem viel dieses Bitterstoffes. Lange bevor es ein Bewusstsein für chemische Prozesse gab, war seine wohltuende Wirkung bekannt.

Die erste schriftliche Empfehlung eines aus Weidenrinden gekochten Saftes findet sich bei Hippokrates, vierhundert Jahre vor Christus. Aus dem Mittelalter ist das Verbot bekannt, Weidenbäume zu schälen und deren Blätter abzurupfen. Heilende Kräuterfrauen müssen an dem entzündungshemmenden, fiebersenkenden und schmerzstillenden Weidensud ein so massives Interesse gezeigt haben, dass die Korbflechter aufmerksam wurden: Sie sahen ihr Basismaterial gefährdet.

Der Weg vom Weidenrindensud und Mädesüsssaft zur Pille war lang. 1828 extrahierte der Münchner Pharmazieprofessor Johann A. Buchner erstmals aus Weidenrinde eine gelbliche Masse, der Pharmazeut Emanuel Merck aus Darmstadt war der Erste, der reine Salicylsäure gewann, der Italiener Raffaele Piria veredelte sie und gab ihr den Namen (lat. Weide: salix; griechisch Holz: hyle). Erst 1859 entschlüsselte der Chemiker Hermann Kolbe in Marburg ihre chemische Struktur.

Leider war Salicylsäure schlecht verträglich, weil sie die Schleimhäute reizte. Der Strassburger Chemiker Carl Friedrich Gerhardt hatte zwar schon 1853 eine verwandte, weniger aggressive Säure gefunden, er konnte sie aber nur äusserst aufwendig herstellen, und sie war nicht stabil.

Erst im August 1897 gelang es dem 27-jährigen Felix Hoffmann, einem Chemiker der «Farbenfabriken vorm. Fried. Bayer & Co.» in Elberfeld, in dem damals modernsten Forschungslabor Europas durch Kochen von Salicylsäure und Essigsäure Gerhardts Verbindung Acetylsalicylsäure (ASS) rein und haltbar herzustellen. Man erinnerte sich an das Kraut Mädesüss und seinen alten lateinischen Namen spiraea ulmaria und taufte das neue Pulver Aspirin.

In beispielloser Weise trat das industriell hergestellte, billige Aspirin sofort seinen Siegeszug an. Heute werden weltweit pro Jahr etwa 40 000 Tonnen ASS geschluckt, Tendenz steigend. Dabei wusste bis vor kurzem niemand so recht, warum das Mittel eigentlich wirkt. Das Erstaunliche war ja, dass ASS das Fieber von Kranken senkte, nicht aber die Körpertemperatur von Gesunden. Es linderte Schmerzen, aber betäubte keine anderen Empfindungen.

Erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam der Londoner Arzt Sir John Vane dem Geheimnis des alten Stoffes auf die Spur. Er beschäftigte sich damit, wie Prostaglandine, hormonähnliche Stoffe, im Körper produziert werden. Sie entstehen, das hatten die schwedischen Biochemiker Sune Bergström und Bengt Samuelsson 1964 herausgefunden, aus Arachidonsäure.

Arachidonsäure steckt in der dünnen Membran, die Tier- und Menschenzellen umgibt. Werden Zellen gereizt, wird Arachidonsäure frei, der Körper aber verwandelt sie sofort: zum Beispiel in Prostaglandine. Prostaglandine gehören zu den wichtigsten Substanzen des menschlichen Körpers. Sie sind unter anderem beteiligt bei der Entstehung von Schmerzen, Fieber und Entzündungen, bei der Verengung und Weitung von Blutgefässen, bei Muskelkontraktionen und bei der Blutgerinnung, sie sind mitverantwortlich für die Auslösung von Geburtswehen.

Vane entdeckte, dass ASS die Bildung von Prostaglandinen unterdrückt. Nun war erstmals vorstellbar, warum ein Allerweltsschmerzmittel in die komplexesten Vorgänge des menschlichen Organismus eingreifen konnte. 1982 wurden Vane, Bergström und Samuelsson mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

Ihre Erkenntnisse führten zu einer neuen Anwendung für Aspirin. Weg vom Hausmittel hin zum Spezialeinsatz. Da es die Blutgerinnung hemmt, hilft es bei Thromboseneigung. Niedrig dosiert und daher magenfreundlicher, gilt es mittlerweile als ein Standardmedikament in der Kardiologie. ASS kann einem Herzinfarkt vorbeugen. Auch bei der Art von Schlaganfällen, die nicht durch Bluthochdruck und Blutungen im Gehirn drohen (hier würde Aspirin verstärkend wirken), sondern durch Verklumpungen von Blut, wird ASS mit Erfolg eingesetzt.

ASS scheint zudem ein Mittel gegen Altersvergesslichkeit zu sein und hilft möglicherweise bei einer durch Diabetes bedingten Netzhautablösung. Neuere Forschungen zeigen, dass regelmässige Einnahme von ASS das Risiko für Dickdarmkrebs um 30 bis 50 Prozent senkt. Hier werden gross angelegte Studien die Risiken gegen den Nutzen einer prophylaktischen Behandlung abwägen müssen.

Vor allem aber konnte beobachtet werden, dass ASS in verschiedener Weise, etwa durch Ausschüttung von Interferon, die Immunabwehr stärkt. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass im Schmerzmittel Aspirin, dem Nachfahren des Weidenrindensuds, auch eine Chance gegen den Krebs liegt.


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