NZZ Folio 07/05 - Thema: Fleisch   Inhaltsverzeichnis

Kill Grill

© Markus Bühler-Rasom, Zürich
Bruno Bertossa, Ueli Bernold und Samira Duracak und der Grill Outdoorchef Ascona 570. Linktext
Was treiben die Männer in den Feinrippleibchen im Hochsommer an der offenen Feuerstelle? Eine Betrachtung darüber, was vom Grillen übrigblieb.

Von Fritz Eckenga

Ich hätte auch ohne Wettervorhersage gewusst, dass am Wochenende die Luft dick wird.
In den Reklameblättchen der Lebensmitteldiscounter wurden schon seit Tagen nur noch rotstichige Fleischhaufen in Grossfamiliengebinden veröffentlicht. Auch die Frischfleischdekorateure des Supermarktes hatten umdisponiert. Eine auf unkenntlich geschminkte Sommerkollektion dominierte die Auslage. Dickes Paprika-Rouge bedeckte grosse Placken von irgendwas Knochigem, und in Edelstahlwannen badete Schlabbriges in Öl unter Haufen currygelber Zwiebelringe. Den letzten Hinweis auf sich bald über diese Gegend legenden Hochdruck lieferte die 24-Stunden-Event-Tankstelle. Der Weg zur Kasse ist hier immer mit Saisonartikeln gepflastert. Jetzt säumte ihn eine an eine Installation gemahnende Anordnung grosser Mengen von Holzkohlesäcken.

So viel stand fest, es würde mindestens warm werden, wahrscheinlich aber heiss. Spätestens am frühen Freitagabend würden die Insassen der Stadt ihre Aussenanlagen mit sich selbst beleben und sämtliche Wochenendmahlzeiten an der frischen Luft zubereiten. Balkone, Terrassen, Vor- und Hintergärten würden aufglühen im Schein der Grillglut und so manche zu nah am Feuer aufgehängte Geranienampel unter der künstlichen Hitzezufuhr panisch in Schockblüte ausbrechen.

Das Ritual der öffentlichen Fleischverbrennung beginnt immer mit seiner traditionellen, allgemein wahrnehmbaren Verkündigung. Wie Glockengeläut den Gottesdienst, so verheisst Petroleum-, Kerosin- oder Paraffinodeur das nahende Grillfest. Erfahrene Experten können die graduellen Unterschiede bei der Kohleanzündung olfaktorisch entschlüsseln. Doch auch jeder Laie, der noch einen Nerv in der Nase hat, riecht früh, dass ganz bald ganz viel Tierfett ins Feuer tropfen wird: Vorher stinkt es erst mal herzhaft nach Chemieunfall. Spätestens jetzt muss der Mensch sich entscheiden. Entweder zieht er sich ruckzuck in seine Behausung zurück, schliesst die Luken und wendet sich drinnen alternativen Garmethoden zu, oder er bleibt eben draussen. Dann aber bitte auch bedingungslose Teilnahme, also mitzündeln und durch Rauchzeichen signalisieren, dass auf dieser Parzelle selbstverständlich ebenfalls klassisch gegrillt wird.

Mein Entschluss stand schnell fest. Heute wollte ich einer von allen sein. Auch bei mir würde an diesem heissen Sommerwochenende kein Blatt Alufolie zwischen Grillgut und -glut passen. Mit der Fleischfachverkäuferin in der Metzgerei meines Vertrauens einigte ich mich zügig auf verlässliche Ware. Hier legt man Wert auf einwandfrei Identifizierbares. Heimlich im Hinterzimmer Mariniertes kommt nicht auf die Theke, und von teuren Tierexperimenten auf offenem Feuer wird rustikal abgeraten: «Magerfleisch wird über Glühkohle nicht saftiger! Lassen Sie den Quatsch mal lieber bleiben! Was wollen Sie damit?! Nehmen Sie Rippe, Bauchfleisch, Wurst! Damit machen Sie nichts falsch.»

Ich machte also nichts falsch, nahm richtig viel Rippe, Bauchfleisch, Wurst und verfrachtete die erlegten Tierteile in die heimische Kühlung. Draussen vor der Gartentür hatten sich inzwischen eine Handvoll Brandbeschleuniger versammelt und das Feuer eröffnet. Entschlossen schwitzende Männer trotzten Stichflammen, atmeten Dampf und stocherten mit Handeisen in heisser Kohle. Separate Frauen verrichteten in vernünftigem Abstand die ihnen obliegenden Tätigkeiten, widmeten sich also der Beilagenherstellung, Gartentischdekoration und munter plappernder Sektverkostung. Die Durchführungsrichtlinien des archaischen Grillgelages schreiben traditionell die strenge Geschlechtertrennung vor. Die Einnahme der Mahlzeit geschieht zwar gemeinsam, der elementare Kampf an der Feuerfront aber obliegt allein dem Mann. Hier darf er noch tun, was ein Mann tun muss: sich mit Gleichgesinnten verbrennen.

Dementsprechend nahm der Abend einen stinknormalen Verlauf. Es roch beständig nach Versengtem. Ärgste Fettfleischbrände wurden fachgerecht mit Flaschenbierduschen gelöscht. Man nahm von allem reichlich. Die ausdauernd im Lauen ausharrende Gesellschaft wechselte bald in einen zufriedenen, sattblauen Zustand. Geübte Grillfestteilnehmer achten darauf, dass ihre Wahrnehmung durch gut dosierte Betäubung stets hinreichend gedämpft ist. Sie wissen, dass das, was sie vom Essen übriglassen, allenfalls noch in Katastrophenfilmen Verwendung finden könnte.

Dies zu entsorgen aber oblag am späten Vormittag des folgenden Tages wie immer dem guten Gastgeber. Nüchtern stellte er fest, dass einmaliges Grillen im Jahr völlig ausreicht, um wieder zu wissen, wie es ist, er es also nicht öfter als einmal im Jahr machen muss. Andere Menschen hatten da offenbar noch Klärungsbedarf. Eine zarte Paraffinbrise wehte durchs Strauchwerk. Rauchzeichen stiegen zum wolkenlosen Himmel auf. Das Wetter würde schön, die Luft dick bleiben.

Fritz Eckenga ist Autor und lebt in Dortmund. Zuletzt von ihm erschienen ist «Jahreshauptversammlung meiner Ich-AG», Kunstmann Verlag (2005).


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