NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Wenn Blut in den Strassen fliesst

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Am besten investiert man dort, wo es nur noch besser werden kann: in Simbabwe oder Syrien, vielleicht im Irak. Irgendwann stirbt ein Diktator, rebellieren die Unterdrückten, endet ein Krieg. Dann wird die erste Million verdient.

Von Christoph Plate

Das Gefühl, immer zu spät zu kommen, ist scheusslich. Das geht schon an der Universität los, wo einer Studentengeneration nach der anderen erklärt wird, sie werde kein so komfortables Leben haben wie die früheren Semester. Die hätten nämlich die bestbezahlten Arbeitsplätze und die schönsten Wohnungen mit hohen Decken voller Stukkatur. Und die würden in den nächsten dreissig Jahren sicher keinen Platz machen.

Aber dem Gefühl, immer zu spät zu kommen, kann man begegnen. Indem man seine Zukunft und seine erste Million dort sucht, wo es nicht zu spät, sondern zu früh ist. Das werde ich jetzt tun. Die Stagnation, die Krise, der Krieg eröffnen formidable Geschäftschancen für jene, die mit kleinem Budget die erste Million verdienen wollen. Wenn das Blut durch die Strassen fliesse, soll Baron Rothschild gesagt haben, gelte es in die Zukunft zu investieren. Häuser und vor allem Grundstücke muss man zu Spottpreisen an Orten kaufen, wo Menschen mit hastig vollgestopften Koffern das rettende Boot über den Grenzfluss oder den letzten Flug ins Ausland besteigen. Dann lässt man das Grundstück ruhen, vielleicht ein Jahr, vielleicht zwanzig, vielleicht für immer. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.

Die Preise für ein Sechs-Bett-Haus mit Palmengarten und Swimmingpool oder für ein grosses Stück Land sinken dramatisch bei einem fluchtbedingten Überangebot. Fast alles lässt sich heute vermehren – Maissorten, Automobilfabriken, Wellnesscenter, Raketen –, nur Land lässt sich nicht vervielfältigen; einmal abgesehen von den wenigen Quadratmetern Schlick, die die Niederländer mühsam dem IJsselmeer abgerungen haben.

Der unerschütterliche Glaube an bessere Zeiten wird gelegentlich vom Schicksal belohnt. Es ist dieser Glaube, der einen kreativen afghanischen Gouverneur ein Hotel in den Bergen von Tora Bora planen lässt. Der Gouverneur Gul Agha Sherzai ist ein früherer Warlord und gilt als ein wenig verrückt. In Afghanistan wird in Bergwerke investiert, aber ausser in der Hauptstadt Kabul werden keine neuen Hotels gebaut. Sherzais Geschäftsidee, gut zahlende Touristen dort unterzubringen, wo sich Usama bin Ladin vor den Amerikanern versteckte, ist reizvoll. Auch wenn von bin Ladin und seinen Höhlen nicht mehr viel zu sehen sein mag: die schroffen Berge Richtung pakistanische Grenze, die Terrassenfelder in den Tälern, auf denen Schlafmohn angebaut wird, laden geradezu zum Trekking ein.

Als in Südafrika Apartheid herrschte, gab es in Kapstadt schöne Häuser mit Meerblick für 150 000 Franken zu kaufen. Nach dem Ende der Rassentrennung haben sich die Häuserpreise vervielfacht. Unsere derzeitigen Favoriten sind Simbabwe und Syrien. In Harare, das Salisbury hiess, als Simbabwe noch Rhodesien war, gibt es Grundstücke von zwei, drei Aren Land, mit Dienstbotenquartier, Pool, einem kolonialen Haupthaus mit Kamin und riesigem Wohnzimmer, nicht zu vergessen die alten Jacarandabäume und der Elektrozaun gegen Diebe, für gerade einmal 100 000 Franken.

Neulich hat mir ein weisser Bauer, der in Kenya lebt, sein Haus in Simbabwe für 50 000 Dollar angeboten. «Nimm es, dann bin ich es los», hat er flehentlich gesagt und damit wohl dem Gefühl vieler Weisser entsprochen, die einfach nur noch wegwollen und mit Simbabwe nichts mehr zu tun haben möchten. Natürlich macht der Mann einen Fehler, denn Simbabwe wird wieder kommen. Zwar gibt es im Moment unter dem Diktator Mugabe nicht genug Benzin, und die Ingredienzien für den abendlichen Gin Tonic auf der Veranda sind manchmal nicht erhältlich. Aber das wird sich ändern. Spätestens dann, wenn Mugabe nicht mehr ist, werden die Touristen und die Investoren zurückkehren, an die Victoria Falls und in die Golfclubs von Harare.

Auf der Website der Maklerfirma Seeff Properties in Harare heisst es vorsichtig, aber unmissverständlich: «Kehrt einmal die politische Stabilität zurück, werden die Immobilienpreise in die Höhe schiessen.» Will sagen: Wenn der Präsident stirbt – Mugabe ist 83 Jahre alt –, kann es nur wieder bergauf gehen. Zehntausende simbabwischer Exilanten in Grossbritannien und in Südafrika hoffen, dass sie nach seinem Ableben wieder zurückkönnen und das Land zu altem Schwung zurückfindet. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Paria Simbabwe in den Commonwealth zurückkehren darf, dass die Weltbank und internationale Geldgeber dem Land auf die Füsse helfen.

Professionelle Immobilienhändler, etwa in Europa, interessieren sich nicht für diese Art des Geldverdienens. Da lauerten zu viele Risiken, sagt Christoph Zaborowski von Wüest & Partner in Zürich. «Das Marktrisiko ist hoch, wenn sich die politische Lage verschlechtert. Es gibt keine gesicherten Eigentumsrechte, und kaum jemand würde eine Immobilie im Irak oder in Somalia versichern wollen.» Mary Lou Welsh von der Risiko-Analyse-Firma Political Risk Services im US-Gliedstaat New York sagt denn auch: «In Syrien sind die Risiken geringer als im Irak oder in Simbabwe. Aber wir empfehlen grösste Vorsicht und eine gute Versicherung, wenn man Immobilien oder Land in einem dieser Staaten kaufen will.»

Die Banken und Investoren wollen nicht. Also will ich. An Versicherungen für mein Projekt ist sowieso nicht zu denken. Erste Voraussetzung für die erste Million ist Optimismus, die Bereitschaft, das Unmögliche zu denken – und nach einem Putsch vielleicht auch alles zu verlieren. Die Geschäftsidee kann danebengehen. Wer vor 15 Jahren in Mogadiscio ein Haus gekauft hat, schimmernd weiss mit Meerblick, und geträumt hat, dass er ein Hummer-Restaurant für reiche Ausländer betreiben würde, hat sich geirrt. In Mogadiscio wüten die Islamisten, der Indische Ozean schlägt an den malerischen Strand, aber Hummer-Restaurants oder einen Immobilienboom sucht man vergeblich.

Ähnlich in Bagdad: Als die Amerikaner einmarschierten, schnellten die Immobilienpreise in die Höhe, bis zum Sechsfachen der von Saddam Hussein kontrollierten Vorkriegspreise wurde gezahlt. Im noblen Mansour, wo Diplomaten und Wohlhabende wohnten, kauften sich reiche Araber ein, in der Hoffnung auf den Boom, der doch sicher kommen würde nach dem Sturz des Diktators Saddam.

Ghazi Kais Rayih al-Attia verkauft Häuser der oberen Preisklasse in Bagdad. Das heisst, seine Firma Baghdad Property würde gerne welche verkaufen. Aber es gibt keine Käufer. «Das Angebot ist da, Iraker, die fliehen, wollen verkaufen. Aber das andere Marktelement, die Nachfrage, gibt es nicht», sagt al-Attia. Mansour ist heute für einen Ausländer nicht mehr sicher. In Sadr City könnte man kaufen, da patrouillieren schiitische Milizen, aber wer mag schon in einem Slum wohnen.

In Bagdad annonciert niemand sein Haus öffentlich, aus Angst, dass Entführer auf Bagdader aufmerksam würden, die eine Menge Bargeld haben. Niemand, der mit Immobilien handelt, nennt gerne seinen Namen. «Einer der Iraker, die in den kriegerischen Zeiten Häuser aufgekauft haben, ist jetzt tot, ermordet von Banditen», sagt al-Attia. Er selbst wartet im sicheren Grossbritannien ab, dass in Bagdad die Zeiten besser werden und er wieder Häuser in Mansour verkaufen kann.

Die Grenze zwischen Optimismus und Träumerei ist in diesem Geschäft schmal. Kurz vor dem Sturz Saddams war ich in Bagdad schon einmal optimistisch. In der alten Karawanserei in einem Stadtteil, den Saddam nicht hatte schleifen lassen, waren wir die einzigen Gäste. Es gab billiges türkisches Bier und Kebabs, von denen man Durchfall bekam. Auf der kleinen Bühne sass ein Oud-Spieler im speckigen Kostüm und versuchte die Schwermut aus den Mauern zu vertreiben. Damals habe ich davon geträumt, dass nach den ersten Kriegswirren in ein, zwei Jahren amerikanische Touristengruppen in die Karawanserei kommen und mit American-Express-Kreditkarten bezahlen würden. Und das Essen würde keinen Durchfall mehr verursachen, sondern einfach sagenhaft gut und unbezahlbar sein. Da habe ich mich vertan. Vorerst zumindest. Erschwerend kommt hinzu, dass man von der Schweiz aus nicht einfach übers Wochenende nach Bagdad oder Harare fliegt, um nach dem Rechten zu schauen.

Darum ist Syrien ideal, irgendwo bei den Golanhöhen. Damaskus ist keine vier Flugstunden von hier entfernt, die Syrer sind ausgesprochen nette und gebildete Menschen, die syrische Küche ist vorzüglich. Am Flughafen ins Auto, und eine Stunde später bin ich auf den steinigen Latifundien, die sich über sanfte Hügel ziehen, befriedet von niedrigen Steinwällen aus vorottomanischer Zeit und mit dem «Scheich», dem schneebedeckten Berg Hermon, im Hintergrund. Seit fast vierzig Jahren strotzt das Dreiländereck zwischen Libanon, Israel und Syrien von Waffen, Abhörstationen, Zäunen, Uno-Schlagbäumen. Aber irgendwann wird hier wieder Frieden einkehren, die Bergregion wird das Erholungsgebiet schlechthin werden für Libanesen, Syrer und Israeli, für Skifahrer, Geschichtstouristen, Kletterer. Da verkaufen wir Land für Ferienhäuser an Israeli, die den Berg Hermon mal von nahe sehen wollen. Oder ich baue ein Casino für Zocker aus Haifa und Netanya, die daheim nicht spielen dürfen.

Aber solche Geschäfte sind nichts für zarte Gemüter. Wer sich nur einmal erkundigt – die Weltbank hat da eine vorzügliche Website –, wie viele Papiere, Durchschläge, Stempel, Genehmigungen, Immobiliensteuerquittungen zum Kauf eines Hauses oder einer Parzelle in Syrien nötig sind, ahnt schnell, wie leicht er als Ausländer übers Ohr gehauen werden könnte. Ich brauche darum einen einheimischen Partner. Der muss den Papierkram regeln und das Haus oder die Parzelle unter seinem Namen im Damaszener Grundbuch eintragen lassen.

Mazen heisst mein Mann in Syrien. Dem und seiner Familie, die im Falle seines Todes das Land erbt, das er mit meinem Geld gekauft hat, muss man vertrauen können. Denn niemand garantiert mir, dass, wenn der Aufschwung kommt und wir die günstig gekauften Grundstücke und Häuser losschlagen wollen, mein Partner nicht versuchen wird, mich aus dem Geschäft zu bugsieren. Da braucht es Menschenkenntnis. Oft ist ein solcher Partner bestens verbandelt mit den Mächtigen im Land; er kann also im Streitfall auch dafür sorgen, dass unbequeme Geschäftspartner schnell des Landes verwiesen werden.

Ein Haus in Kuneitra oder auf der syrischen Seite des drusischen Dorfes Majdal Shams gibt es nur, wenn ich Mazen vorschicke. Denn Ausländer fallen hier auf, und sie dürfen nach einem alten ottomanischen Gesetz nicht in der Nähe einer Grenze kaufen. Ich schaue mich darum in den Bergen des Antilibanon um, westlich von Homs. Von dort oben ist das Mittelmeer zu sehen, Beirut ist nicht weit, und für 30 000 Franken gibt es schon ein Grundstück mit einem properen Haus darauf. Im kleinen Städtchen Hosn, neben einer Kreuzritterburg aus dem 11. Jahrhundert, haben schon einige syrische Diplomaten ihre Auslandszulage angelegt. Im Frühjahr hängt dort ein Nebel wie im schottischen Hochland, im Restaurant Le Krak mit der abgebrochenen Treppe gibt es Arak zu trinken, Hummus mit Fladenbrot, Oliven, gefüllte Weinblätter, saure Gurken.

Während unten am Meer in der Hafenstadt Latakia, aus der die syrische Mutter von Usama bin Ladin stammt, die Leute schwitzen, bleibt es dort oben kühl. Auch das Beibars-Hotel gegenüber der Kreuzritterburg wäre zu kaufen, aber es kostet die Kleinigkeit von 400 000 Franken. Reiche Araber aus den sandigen Golfstaaten lieben das zarte Grün dort oben. Sie haben die Taschen voller Geld und treiben die Preise in die Höhe. Und die Nachbarn sind die sieben Brüder der Familie Akram, die das Beibars-Hotel mit Blick auf die Kreuzritterburg betreiben.

Besser ziehe ich nach Khabab, einem christlichen Dorf, nicht weit vom Golan, mit Marienstatuen auf den Hausdächern, zwei Kirchen und stolzen Menschen, die sagen, ihre Vorfahren seien hier gewesen, bevor die Muslime zugezogen seien. Die Autobahn nach Jordanien ist zwei Kilometer von hier entfernt, Lavafelsen türmen sich, der Boden ist fruchtbar. Gerade an der Südwestausfahrt aus Khabab, aber immer noch mit asphaltierter Zufahrt, mit Wasser, Strom und Telefon, gibt es Land. Der Quadratmeter kostet 40 syrische Pfund, umgerechnet 1 Franken. Das ist der ideale Ort: Libanon, Israel, Jordanien sind nah, der Blick geht bis ans Ende der Welt.

Die jahrhundertealten Häuser aus Lavagestein im alten Dorfkern, wo syrische Filmteams gerne historische Szenen für Spielfilme drehen, werden nicht verkauft. «Eine Generation vererbt die alten Häuser weiter an die nächste», sagt Abu Mazen, ein ehemaliger Polizist. Abu Mazen ist ein Freund unseres Kontaktmanns Mazen. Abu Mazen bezahlt seit 20 Jahren sein Haus ab. Armierungseisen ragen aus dem Dach – für das nächste Stockwerk, wenn wieder etwas Geld da ist. Er kennt sich aus in der Gegend, mit seinem Lieferwagen bringt er Lebensmittel in die Dörfer hinüber bis zum Golan. Und er findet, dass Khabab der schönste Ort weit und breit sei.

Abu Mazen würde sicher abends auf einen Schwatz vorbeikommen. Wir würden auf der Veranda sitzen, zum Berg Hermon hinüberschauen und den Fortgang der Olivenernte besprechen. Und warten. Bis der Frieden kommt und die Grundstückspreise steigen.

Christoph Plate ist Auslandredaktor der NZZ am Sonntag.

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