«EIN GUTES GEDICHT braucht heutzutage einfach einen Mord, damit die Quote stimmt.» Albert Ostermaier hat das geschrieben, ein junger deutscher Dramatiker; und wer immer die Literatur liebt, wird erschrecken, wie dicht dieser zynische Satz an der Wahrheit ist. Wir sind ungeduldiger geworden, wir wünschen mehr Aktion pro Minute, ob im Kino oder im Roman. Dass 17jährige mit beschaulichen Büchern nicht mehr zu gewinnen sind, ja dass immer mehr von ihnen kaum je ein Buch in die Hand nehmen, ist bekannt; nun aber mehren sich die Signale, dass sich auch in der Lebensspanne ihrer Eltern und Grosseltern bei den meisten ein Wandel vollzogen hat.
Ein preisgekrönter deutscher Reporter sagt, er selbst erzähle heute knapper als früher und er wünsche einfach nicht mehr zu lesen, wie jemand seine Kaffeetasse langsam abstellt oder Häuser sich am Berghang ducken. Ein bekannter Kritiker hat in der «Süddeutschen Zeitung» gebeichtet, er habe nach 25 Jahren zum zweitenmal Marcel Proust gelesen und das Glück von damals habe sich nicht wieder eingestellt. «Von der Gegenwart konditioniert», finde er «Prousts absichtsloses Wohlgefallen inzwischen kaum noch auszuhalten».
Nach 50 Jahren nahm ich selbst die «Buddenbrooks» ein zweites Mal zur Hand und war verwundert, wie mühelos ich damals die Hürde ihres Anfangs überwunden hatte: Acht Seiten lang Konversation «auf dem geradlinigen, weisslackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren», in einem Raum mit nicht eben zahlreichen Möbeln, wobei der runde Tisch mit den leicht mit Gold ornamentierten Beinen nicht etwa vor dem Sofa stand, sondern dem Harmonium gegenüber, auf dem ein Flötenbehälter . . . Kaum noch auszuhalten, in der Tat.
Die Frage ist, ob die vielen, die mutmasslich auch so empfinden, sich dafür genieren müssen. Natürlich, einerseits kränkt es uns, von den regierenden Moden «konditioniert» worden zu sein: von der Hektik in den Vorspännen amerikanischer Fernsehserien, vom Schnellfeuer der Nachrichten auf allen Kanälen, vom Stakkato der Werbesprüche, von der action, nach der die Freitzeitgesellschaft in jeder Minute giert. Musse ist ein fast lächerliches Wort, «besinnliche Stunden» ein Wunsch, den nur noch Pfarrer äussern. Ja, wir sind kurzatmig geworden.
Andrerseits fehlt es nicht an grossen Schriftstellern, die schon vor hundert und mehr Jahren so schrieben, dass sie keine Mühe haben, den Ansprüchen des späten 20. Jahrhunderts standzuhalten; auch nicht an grossen Geistern, die eben die Kurzweil von allen Büchern fordern. «Ich habe einen ungeduldigen Geist», schrieb vor mehr als 400 Jahren Montaigne in seinem Essay «Des Livres». «Wenn mich ein Buch verdriesst, so greife ich nach einem anderen.» Leser seien grausam, schrieb vor 200 Jahren Georg Christoph Lichtenberg, «und schätzen ganze Kapitel voll schöner Ausdrücke nicht so hoch als ein Senfkorn von Sache». Und Jorge Luis Borges sagt: «Für mich ist auch die Literatur eine Form der Freude. Wenn wir etwas mit Mühe lesen, dann ist der Autor gescheitert.» Der Autor!
Es hat nämlich immer grosse Schriftsteller gegeben, die mit Saft und Tempo schrieben. Edgar Allan Poe war so einer, Balzac, Isaak Babel, und Dostojewski hat den heissen Atem sogar mehrmals tausend Seiten lang durchzuhalten verstanden. Der Schreiber muss natürlich den Wunsch haben, den Leser zu fesseln - sollen wir ihm den verargen?
Den Wunsch hatte Kleist, indem er Sätze schrieb wie diesen: «In M . . ., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, liess die verwitwete Marquise von O . . ., eine Dame von vortrefflichem Ruf und Mutter von mehreren Kindern, durch die Zeitungen bekanntmachen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.»
Keine vergleichbaren Wünsche hatte offenbar der alte Goethe, wenn er Sätze schrieb wie diesen (aus den «Wahlverwandtschaften»): «Dass jener wunderlich tätige Mann, den wir bereits kennengelernt, dass Mittler, nachdem er von dem Unheil, das unter diesen Freunden ausgebrochen, Nachricht erhalten, obgleich kein Teil noch seine Hilfe angerufen, in diesem Falle seine Freundschaft, seine Geschicklichkeit zu beweisen, zu üben geneigt war, lässt sich denken.»
Kleists Satz, ungleich schneller und reicher an Senfkörnern - ist er nicht auch grossartiger unter allen erdenklichen Massstäben der Stilistik? Es ist einfach nicht wahr, dass die hohe Literatur sich das Aufregende und das Temporeiche verbieten müsste. Wer zu behäbigen Autoren kein Verhältnis gewinnen kann, braucht also weder um bedeutenden Lesestoff zu bangen noch ein schlechtes Gewissen zu haben.
Wir freuen uns doch, wenn eine Erzählung so anfängt: «Wir verliessen Perekop in der gemeinsten Stimmung - hungrig wie die Wölfe und wütend auf die ganze Welt» (Maxim Gorki). Oder so ein Roman: «Die dabeigewesen sind, die letzten, die ihn noch gesprochen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, dass er an dem Abend nicht anders war als sonst» (Max Frisch). Das ist für Leser gedacht - anders als etwa die wunderlichen Riesenromane des James Joyce, über die H. G. Wells 1928 schrieb, sie zu schreiben müsse amüsanter gewesen sein, «als es deren Lektüre je sein wird».