WEIHNACHTEN ist wohl die von der eidgenössischen Christenheit am feierlichsten gefeierte Feier überhaupt. Wobei nicht nur praktizierende Christen in mehr oder weniger stiller Andacht der Geburt des Heilands gedenken, sondern vor allem auch Schwach- bis Ungläubige sich am Austausch von Geschenken aller Art erfreuen. Und selbst dort, wo dem verpönten Weihnachtsrummel mit familieninternen Geschenkverzichten und entsprechenden Nichtangriffspaketen entgegengetreten wird, ist Weihnachten alles andere als ein Tag wie jeder andere. Und trotzdem nicht wirklich ein Fest, eher ein halbheiliges, semiprofanes Familienritual.
Ob mit oder ohne Baum, ob mit oder ohne Gaben, Weihnachten wird in der Schweiz meistens «im engsten Familienkreis» begangen und folgt in den Abläufen einem ungeschriebenen Kodex, der von Familie zu Familie verschieden ist. Deshalb kennt unsere Küche auch kein wirkliches Weihnachtsmenu. Was den einen ein Schinkli im Brotteig, ist den andern die geräuchte Zunge oder der gefüllte Karpfen. Sehr beliebt ist auch das gutschweizerische Fondue chinoise.
Auch der anschliessende Show-Block ist nicht überall gleich. Meist wird zuerst der Baum angezündet, wofür kleine rote Kerzen zum Einsatz kommen; manche setzen mit funkensprühenden Wunderkerzen Glanzlichter und Rauchzeichen. Da und dort wird sogar die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, häufiger jedoch wird nur gesungen. Oft bloss mit Playback, auf dass das klägliche Gewimmer vom Gesang der Schlieremer Chind oder von Iwan Rebroff gnädig übertönt werde.
Selbst in den besten Familien kommt es heute noch vor, dass den Kleinen die Geschenke erst ausgehändigt werden, nachdem sie auf der Blockflöte ihr Können bewiesen und ihre Pflicht erfüllt haben.
Doch auch wenn uns die Sitten und Gebräuche am Christfest zuweilen seltsam bis bizarr anmuten, dürfen wir nicht vergessen: Weihnachten ist immerhin der einzige Tag im Jahr, an dem die Kinder brav sind. Und dies sollte uns schon einiges wert sein.