NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

ABC der Kellerkunst -- X wie x-beliebig

Von Andreas Heller

MEHR ALS dreissig Milliarden (in Zahlen: 30 000 000 000) Liter Wein werden weltweit jedes Jahr produziert. Das entspricht einem Weinsee von drei Quadratkilometern Oberfläche und zehn Metern Tiefe, einem Tümpel also, in dem sich schon recht ausgiebig planschen oder gar Pedalo fahren liesse. Füllte man all diesen Wein in Literflaschen ab und reihte sie nebeneinander auf, so ergäbe dies rein rechnerisch eine Flaschenparade von 2,4 Millionen Kilometern Länge - sechzigmal der Umfang unseres Planeten. Und verpackte man schliesslich all diese Flaschen in Zwölferkisten, so liesse sich - theoretisch - ein Turm bauen, der problemlos den Mond erreichen würde.

Man tut gut daran, sich ab und zu die Dimensionen der Weinproduktion zu vergegenwärtigen, immer dann, wenn ein besonders heiterer Weinenthusiast zu einer jener Elogen über ein Engelströpfchen im speziellen und den göttlichen Rebensaft im allgemeinen ansetzt. Tatsache ist: Wein ist primär nichts weiteres als ein landwirtschaftliches Massenprodukt, ein Alltagsgetränk, so profan wie Kuhmilch und ebenso im Übermass vorhanden.

95 Prozent der Weltweinproduktion sind x-beliebige Gewächse, über die kaum je ein Weinjournalist Worte verlieren möchte. Kaum einer Zeile würdig sind beispielsweise all die kleinen, namenlosen Weine, die man vornehmlich in ihrem Herkunftsgebiet bei Kooperativen, in der cantina sociale etwa, findet und die, unter Pinien genossen, bisweilen nicht schlecht gefallen. Fern ihrer Heimat, nördlich der Alpen, pflegen solche Weine jedoch rasch zu verwelken und werden auf unerklärliche Weise seelenlos. Kaum einer spricht von jenen Exportweinen, die in Tankwagen in aller Herren Länder gekarrt werden, um entweder als Massenverschnitt in irgendeinem obskuren Fass zu verschwinden oder in voluminösen Gebinden für x Franken 95 Rappen in den Handel zu gelangen. Unter dem Rubrum der Massenweine sind schliesslich auch all die neumodischen Kreationen zu verbuchen: Pfirsichsekt und andere Weinderivate, die im besten Fall als Beitrag zur Überschussverwertung durchgehen könnten.

Dass auch solche Produkte ihre Käufer finden, zeigt, wie sehr ein ansprechendes Marketing, der klangvolle Name, das schöne Etikett ein Verkaufsargument sind. Und je weniger einer weiss, desto leichter lässt er sich halt - das gilt auch für den Wein - ein X für ein U vormachen.

Aber was unterscheidet denn den x-beliebigen Massenwein vom Qualitätswein? Ein wichtiges Indiz ist zweifellos der Preis. Ohne Ertragsbeschränkungen im Rebberg und eine gewisse Infrastruktur im Keller, ohne einen entsprechenden finanziellen Aufwand also, ist guter Wein nun einmal nicht zu erzeugen. Ein Wein, der weniger als sechs Franken kostet, sollte folglich den Konsumenten zum vorneherein skeptisch stimmen. Zwischen sechs und zehn Franken jedoch ist die Grenze zwischen Qualitäts- und Massenwein bereits fliessend: In diesem Segment gibt es x-beliebige Weine, die eigentlich viel zu teuer sind, einige ganz possierliche Tröpfchen und ein paar wenige echte Trouvaillen.

Am ehesten bei den kleinen Gewächsen aus dem Bordelais, aus Südfrankreich, aus Spanien und (Süd-)Italien sind solche Entdeckungen zu feiern. Sie möchten Namen hören? Ich bitte Sie! Da soll nun doch die Regel gelten: Wer es auf sich genommen hat, die Masse der Weine zu durchforsten, der geniesse stets das Privileg, seine Entdeckung als sein ganz privates Geheimnis zu betrachten. Auf dass der angeblich x-beliebige Wein auch ein billiger bleibe.




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