NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Privates Vergnügen

© Patrick Rohner
Corsage Yasmin, Polyamid / Elastan, Marie-Jo, 375 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

So viele Personenkontakte, wie die Corsage «Yasmin» während des Produktionsprozesses hat, wird sie ihr ganzes Leben wohl nicht mehr haben – ausser vielleicht im professionellen Einsatz. Rolf Lenzinger, Schweizer Importeur und Vertriebschef der Dessousmarke Marie-Jo, sagt zwar, dass die Corsage auch «als Blusenersatz unter Damenoberbekleidung gut zur Geltung kommt», aber man muss kein Fachmann sein, um zu wissen, dass diese Art von Bekleidung eher nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Von dem Moment an, wo das enganliegende Rumpfkleidungsteil über den Ladentisch geht, wird es meist zu etwas, das zu sehen oder gar anzufassen nur noch wenigen gestattet ist.


Hergestellt wird die indigoblaue Corsage von der belgischen Firma Van de Velde NV, Inhaberin der Marke Marie-Jo. Entworfen hat sie ein Designteam um Philippe Vertriest. Dabei wurden Schweizer Qualitätsprodukte wie Guipure und Stickerei verwendet, die übrigen Zutaten stammen aus Belgien, Italien oder Frankreich – die Corsage ist also «genetisch» eine echte Europäerin. Produziert wird sie in eigenen Produktionsstätten in Belgien, Tunesien und Ungarn; auf dem Etikett steht stolz «Made in Belgium».

In der Produktion durchläuft die Corsage 38 Arbeitsschritte, wobei 45 Bauteile von 25 auf Dessous spezialisierten Fachkräften zusammengefügt werden. Auch die dabei verwendeten Maschinen sind speziell auf hauchfeine Kleinigkeiten fürs Nachtwäscheschränkchen abgestimmt – auf einer normalen Nähmaschine liesse sich die Corsage nicht herstellen, sagt Rolf Lenzinger. Die Durchlaufzeit des Stücks beträgt, vom Zuschnitt bis zum Formbügeln, etwa drei Wochen.

Charakteristisch für die Corsage sind die vertikalen Teilungsnähte im Vorder- und im Rückenteil, die teilweise mit Dekorspitzenbändern verziert sind. Alle vier Teilungsnähte sowie die beiden Seitennähte haben verdeckt eingearbeitete, flexible Metallstäbchen, die das Teil strecken und dem Rumpf Halt geben. Fischbein wird heute nicht mehr verwendet. Die Brust der Trägerin steckt in thermoplastisch ausgeformten und mit einem Formbügel gestützten Schalen, die vorne einen breiten Spitzenabschluss haben. Zwischen den Brustschalen baumelt ein kleines metallenes Schmuckdekor.

Der Rücken ist aus halbtransparentem, dehnbarem Netzgewebe gefertigt und bietet dank einem an der Oberkante festgenähten, rutschfesten Innenband Extrahalt. Drei Reihen mit Hakenverschlüssen sorgen dafür, dass die in vier Cups (A bis D) und Grössen (70 bis 85) erhältliche Corsage exakt auf die individuellen Körpervolumina und Vorstellungen von Komfort anpassbar ist. Wobei auch das verwendete Material, eine Kombination von Polyamid (80 Prozent) und Elastan (20 Prozent), grosszügig Spielraum gibt.

Eine solche Corsage ist also in keiner Weise mehr vergleichbar mit den steifen und geschnürten Korsetten, die Frauen vor hundert Jahren noch den ganzen Tag trugen und deren sie sich später nur zu gerne entledigten. Paradox eigentlich, dass das verführerische Stück heute dennoch höchstens für gewisse Stunden getragen wird.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.




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