Der Name hatte einen üblen Klang. Er blieb irgendwo in der Erinnerung haften. Er schmeckte nach Verabscheuungswürdigem, nach Rassismus. Doch damals, 1968, hatte man noch anderes im Kopf und verfolgte all dies nicht so genau. - Mehr als zwanzig Jahre später stand man dann plötzlich und zufällig vor ihm, an einem Botschaftscocktail. Mit einemmal waren sie wieder da, die alten Assoziationen - negativ, vage und wenig hilfreich. Wo sollte man da ansetzen, was sagen mit dem Glas in der Hand? «Sind sie tatsächlich der berüchtigte . . .» Nein, das ging zweifellos nicht. Ob man in solchen Fällen nicht doch besser bloss über das Wetter . . .? Als ob Enoch Powell die Verlegenheit durchschaute, ergriff er die Initiative und begann zu brillieren. «Humbug», sagte er, der Sinn für humbug, für Unsinn unterscheide doch letztlich die Briten von allen anderen Nationen. Das Interesse an dem immer noch um einen akzeptablen Konversationsbeitrag ringenden Gesprächspartner erlahmte, ein anderer Gast trat endlich dazwischen, «darf ich vorstellen»; ich war erlöst. Kein Fanatiker, eigentlich, dieser Enoch Powell, eher ein etwas exzentrischer Sonderling mit gepflegtem Schnurrbart, ja geradezu ein sympathischer alter Mann. Und doch haftete an ihm jener alte Ruf: Inbegriff eines englischen Rassisten.
«Noted for his outspoken racist views» - so stellt knapp und vernichtend die Encyclopedia Britannica fest. Das Who's Who ist deutlich zurückhaltender. Die dort aufgeführte Biographie kann sich sehen lassen. Powell stammt aus einfachen Verhältnissen. Beide Eltern waren Primarschullehrer, John Enoch wird 1912 in Birmingham als deren einziges Kind geboren. Die Literaturliste ist ebenso lang wie diffus: von Herodot bis Chamberlain, Gedichtbände, das Oberhaus im Mittelalter, Medizin und Politik, Streitschriften gegen die EG. Eine seltsame Mischung von Skurrilität, politischem Engagement und Begeisterung für das Altertum. Das Who's Who weiss zu berichten von einer akademischen Laufbahn, die, während des Krieges, nahtlos in die militärische Karriere und, nach dem Krieg, in eine politische übergeht.
Aus eher bescheidenen Anfängen schwingt er sich bis zum Gesundheitsminister auf, bekleidet das Amt zwischen 1960 und 1963; er wird 1965 gar zum Herausforderer von Edward Heath und das Amt des Parteichefs der Konservativen - bis er 1968 jene grosse Rede hält, die ihm die Lorbeeren eines brillanten Rhetorikers verschafft, ihn zum Protagonisten des Rassismus stempelt und letztlich seine politische Karriere ruiniert: Powell ruft nach einem Stop für die Einwanderung von Schwarzafrikanern und Asiaten; er fordert die Repatriierung derer, die sich bereits in Grossbritannien niedergelassen haben. In seinem rhetorischen Glanzstück versetzt er sich in die Rolle eines Römers, schaudernd sieht er düstere Vorzeichen vor seinem geistigen Auge - den «vor Blut schäumenden Tiber». Monströser Kitsch und eitle Bildungstümelei sind ganz nach Powells Geschmack, und seine Argumentationsweise machte ihn zum Vorläufer eines Le Pen und anderer Zeitgenossen der extremen Rechten. Besonders spitzfindigen Leuten konnte es im übrigen schon damals nicht entgehen, dass Powell, wie es ein böswilliger Zufall verfügte, jene Rede ausgerechnet am 20. April hielt - Adolf Hitlers Geburtstag.
Im Wahlkampf vom Juni 1970 stellte dann manch ein Meinungsforscher einigermassen verblüfft fest, für welchen Politiker letztlich viele der Wähler stimmten, die damals zur allgemeinen Überraschung die Konservativen in die Downing Street brachten: Nicht für den Parteichef Edward Heath, sondern für den damals dem Schattenkabinett längst nicht mehr angehörenden Enoch Powell. Und nicht trotz, sondern wegen jener Rede . . .
Im Februar 1974 gibt Powell wegen der EG-freundlichen Haltung der Konservativen Partei sein Mandat im Wahlkreis Wolverhampton auf und schliesst sich den Ulster Unionists an. Im Dezember 1985 tritt er aus Protest gegen das anglo-irische Abkommen, das der Republik Irland ein Mitspracherecht in Angelegenheiten des Nordens der Insel zubilligt, endgültig zurück. Er schimpft die damalige Premierministerin Margaret Thatcher eine Verräterin.
Im nächsten Jahr allerdings nimmt er wieder sein Mandat entgegen. Als er, wieder ein Jahr später, in den Unterhauswahlen von 1987, in seinem Wahlkreis South Down unterliegt, nimmt Powell endgültig Abschied von der Politik und widmet sich bloss noch Kommentaren zum aktuellen Geschehen in verschiedenen Tageszeitungen. «Wer mit 75 Jahren unterliegt, beginnt nicht mit 80 den Kampf von neuem», sinniert Powell mit resigniertem Unterton.
Monate nach der ersten, zufälligen Begegnung eine geplante in seinem Haus in Belgravia. Powell wetteifert mit dem Wetter draussen, um den Standarderwartungen und Klischeevorstellungen des Kontinentaleuropäers zu genügen. Draussen ist es so nasskalt und grau, wie es in London nur sein kann, und drinnen führt Powell seinem Gast die ganze Kauzigkeit und Insularität vor, die er an diesem elenden Nachmittag aufzubringen vermag. Vorbei an Büchertürmen auf prall gefüllten Regalen ein Blick ins Arbeitszimmer, das durchaus nach Arbeit aussieht: Powell ist nach wie vor gefragt - als Lieferant von Kurzstatements und als Autor von aktuellen Kommentaren für die Sonntagszeitungen.
Im engen Salon mit den antiken Möbeln herrscht dumpfe Bürgerlichkeit. Nippsachen und Silberkram hinter Glas. Ein grosses Bild: Englische Landschaft im Zwielicht; im Unterholz eine Jagdpartie auf der Pirsch. England, wie es sein soll. «Little Englander», denkt man unwillkürlich und schaudert dann vor dem eigenen, vorschnellen Urteil zurück, das sich wohl mit «kleinbürgerlich-engstirniger Patriot» übersetzen liesse. Eine sinnige Einrichtung lässt vor dem zugenagelten Kamin ein künstliches Feuer flackern, elektrisch beleuchtet und angetrieben, darüber ein elektrischer Heizstrahler, allerdings abgeschaltet: «Alles psychologisch», freut sich der Gastgeber über sein Feuer, das zwar nicht wärmt, aber flackert.
Nein, unsympathisch ist er durchaus nicht - doch auch nicht ganz so brillant, wie ihn seine mehr oder weniger heimlichen Bewunderer gerne darstellen. Das brillanteste an ihm sind nicht die Bonmots, die er, bald auf englisch und, dem Gast zuliebe, bald in Deutsch radebrechend, ununterbrochen zusammenschustert - es ist die Hingabe, mit der er sich selbst, seine schillernde Persönlichkeit beziehungsweise sein eigenes Klischee in den Raum projiziert, wie mit einer alten Laterna magica.
Dabei weicht er sämtlichen Fangfragen, auch den subtilsten, die ihn auch nur im entferntesten des Rassismus überführen könnten, mit der Geschicklichkeit eines Florettfechters aus. Erschöpft muss der Herausforderer nach mehreren Partien eingestehen, dass der Altmeister sich in puncto Rassismus oder Antisemitismus nicht die geringste Blösse gegeben hat. Aber auch die höflichen Fragen nach dem Stand seiner Dichtkunst interessieren Powell nicht im geringsten.
Was ihn beschäftigt, was heute seinen Zynismus und seine Sprachkunst mobilisiert, ist die Kapitulation der Briten vor Europa, die «freiwillige Unterwerfung» unter fremde Richter und Gesetzgeber. Europa - das sei die «Negierung der Nation». Und Margaret Thatcher sei «ermordet» worden wegen ihrer mutigen Bruges-Rede, in welcher sie die Wahrheit gesagt habe über Europa.
Zum Thema Europa liefert Powell bereitwillig Pointe um Pointe, Zitat um Zitat. All dies in einem Tonfall, wie wenn er, mit einem Pathos eines besessenen Altphilologen, Hexameter deklamierte. Die Sätze sind kurz und prägnant. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er verliebt ist in seine Formulierungen.
«To be understood is to be misunderstood», sagt er und weiss eigentlich selbst nicht genau, warum. Doch fast besser noch als diese sprachlich-intellektuellen Vehikel, die bisweilen zu extravagant sind, um funktionell zu sein, die ebensowenig vom Fleck kommen wollen wie von Künstlern entworfene Flugmaschinen, sind Mimik und Gestik: Augenrollend und händeringend beklagt er die Irrwege seiner Nation.
«Die Engländer sind misstrauisch gegenüber jeglicher Veränderung», erklärt er, «und sie haben völlig recht.» Die jüngsten Wahlen bestätigen dies. «Und ich gestehe, ganz und gar Engländer zu sein. Veränderungen entpuppen sich üblicherweise als Irrtümer.» Konservatismus geht für ihn notwendigerweise Hand in Hand mit Isolationismus.
Was «für Euch Schweizer» die Berge sind, sei für sie, die Briten, das Meer, welches die Inseln umgibt: ein Schutzwall nicht nur gegen das Äussere, Andere, Fremde - sondern auch gegen die Veränderung. Grossbritannien sei, doziert Powell, «unbesiegbar». Doch nur, solange es sich nicht ergebe. Den Deutschen hätten sich die Briten nie ergeben; jetzt ergäben sie sich den Bürokraten in Brüssel - womit er wiederum den Bogen zu seinem Lieblingsthema schlägt.
Nietzsche, so bekennt er, sei sein grosser Lehrmeister. Worin? Weil jener mit 24 Jahren Universitätsprofessor für Altphilologie geworden sei. Er selbst habe allerdings ein Jahr länger gebraucht. Und natürlich auch dessen Sprachbeherrschung bewundert er, vorbildlich, sagt er, auch für die heutige Generation. Auf die Inhalte der Philosophie Nietzsches will er nicht näher eingehen.
Einmal während des Gespräches, als er über seine eigene Lebenssituation reflektiert, scheint er ihn für Augenblicke sprachlich und atmosphärisch einholen zu wollen, seinen geistigen Vater: «Eine gewisse Endgültigkeit dämmert über dem Menschen, wenn er sich seinem achtzigsten Lebensjahr nähert. Es ist, als ob man einen Berg erklimme, dessen Gipfel sich zu einem Plateau ausweitet. Und der Weg wird steiler, je näher man dem Gipfel kommt. Auf dem Gipfelplateau ist das Wetter nicht sehr gut - und schlecht ist demnach auch die Aussicht.»