NZZ Folio 02/92 - Thema: Kuba   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Was möchten viele Schweizer?

Von Wolf Schneider

«Viele Schweizer möchten die Armee, manche gar die ganze Nation abschaffen», schrieb im vorigen Jahr der «Spiegel». Das ist ein merkwürdiger Satz, rein sprachlich genommen. Bis zum Komma liest man ja, dass viele Schweizer die Armee mögen. Nun ist das zwar richtig, aber das Gegenteil dessen, was der «Spiegel» mitteilen wollte: abschaffen, das war seine Aussage. Zwei Sekunden lang also hat die korrekte Anwendung der deutschen Grammatik im Leser eine falsche Vorstellung von den Absichten des Schreibers erweckt. Die deutsche Syntax, das Regelwerk des Satzbaus, ist voll von solchen Fallstricken und für die meisten Ausländer ein Graus. Wir haben folglich allen Anlass und erfreulicherweise viele Möglichkeiten, von diesen Regeln einen selektiven und listigen Gebrauch zu machen, der unsere Sätze der überlegenen Klarheit der romanischen Wortfolge annähert.

Zwei Sekunden, lässt sich einwenden: Ist das den Aufwand wert? Ja - selbst eine Sekunde kann falsche Hoffnungen wecken: «Wir haben im Lotto», sagt ein Mitglied der Familie, und noch bleibt alles möglich, «wieder nichts gewonnen.» Fünf Sekunden lang führte die Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit» ihre Leser irre mit der Überschrift: «Nach 1945 versagte die Kirche, die Ausgebombten, Vertriebenen und auch Entnazifizierten half, den überlebenden Juden» (bis hierhin also hat sie «versagt»!) «die Zuwendung.» Und auf zwölf Sekunden Irreführung brachte es die NZZ in einer Musikkritik: «Vor dem Orchester stehend, verlassen ihn Konzentration auf die Aufgabe und die beinahe magisch anmutende Sicherheit, mit der er auf das Orchester, sein Orchester, einwirkt, mit der er, über dieses Orchester, das Publikum fesselt» (der arme Kerl - all das hat ihn verlassen?) «nicht mehr.»

Hier gibt es also ein Problem. Der Leser, über den Sinn des Satzes zu lange im unklaren gelassen, stellt während der Lektüre unwillkürliche Vermutungen darüber an, er baut einen Zwischensinn auf - und wenn der falsch ist, dann hat der Schreiber versagt. Simultandolmetscher, die auf internationalen Konferenzen übersetzen, müssen mit solchen Vermutungen operieren: Warten sie bis zur rettenden Auflösung am Schluss des Satzes, so können sie einen Teil der vorher genannten Einzelheiten nicht nachtragen, weil ihr Gedächtnis überfordert wird. Doch ihr Alltag ist voll von Pannen, weil ihre Vermutung falsch war - wie in dem Satz auf einem Historikerkongress: «Captain Jones fiel im Krimkrieg» (Gott sei Dank, denkt sich der Dolmetscher, das Verb steht diesmal vorn, ich kann schon anfangen, er ist gefallen, so ist das in Kriegen), «nachdem er nicht weniger als 21 feindliche Kanonen erbeutet hatte» (dabei fällt man, das ist klar), «auch in der Schlacht von Balaclava durch grosse Tapferkeit auf.»

Die Not der Konferenzdolmetscher macht nur deutlich, was unser aller Plage ist, wenn wir typische deutsche Sätze lesen: Erst von hinten her begreifen wir, wie wir sie hätten lesen müssen; die Hälfte haben wir bis dahin vergessen; und die beliebte Vorstellung, dass Leser nach dem Ende des Satzes den Anfang ja noch einmal lesen könnten, ist erstens unrealistisch und zweitens, falls sie den Schreiber leitet, nicht frei von Schamlosigkeit.

Was tun? Das Problem in aller Schärfe erkennen und dann ein bisschen List anwenden, mit grossen literarischen Vorbildern. «Viele Schweizer möchten die Armee abschaffen, manche gar die ganze Nation»: Das Verb wird einfach nach dem ersten Glied der Aufzählung eingeschoben, die grammatische Korrektheit ist gewahrt, der falsche Zwischensinn beseitigt und sogar ein bisschen Kraft gewonnen. Wie bei Schiller: «Alle Bande des Gewinns waren aufgelöst, alle des Bluts und der Liebe.» Die Kirche versagte nicht, wenn wir den Satz so umbauen: «Kirche nach 1945: Den Ausgebombten half sie, den Juden versagte sie die Zuwendung» (die Verbergänzung, die den Sinn trägt, ist ans Verb herangezogen). «Nichts verlässt ihn mehr, wenn er vor dem Orchester steht: Konzentration auf die Aufgabe . . .» (das nichts vom vorletzten Platz auf den ersten geschoben). «Auch in der Schlacht von Balaclava fiel Captain Jones durch grosse Tapferkeit auf; schon vorher hatte er . . .» (fiel und auf sind nicht mehr durch 21 Wörter getrennt, sondern nur noch durch 5; und selbst auf diesem kurzen Weg ist kein Missverständnis möglich, denn das einleitende auch lässt die Deutung, dass er gefallen sei, nicht zu - man fällt nur einmal).

Schliesslich sollten wir mit einer Sitte brechen, die nicht von der Grammatik vorgeschrieben, sondern lediglich im Deutschunterricht hochgehalten wird: der Wortfolge «. . . bis sein Grab auf dem Kirchhof gerüstet sei». Die Grammatik lässt zu, der Verständlichkeit ist gedient, und Johann Peter Hebel hat geschrieben: «. . . bis sein Grab gerüstet sei auf dem Friedhof.» Die Umstandsangabe ist also aus dem Mittelfeld des Satzes herausgenommen und hinter das Verb geschoben - romanische Wortstellung! In diesem kurzen Satz noch mit geringem Gewinn, bei typisch deutschen Satzschachteln aber mit dramatischen Vorzügen. Und eben dies ist der klassische Satzbau des Deutschen, den eine verblendete Germanistik uns entfremdet hat. Schiller: «. . . was Menschen wagen dürfen für die gute Sache und ausrichten mögen durch Verneinung.» Heine: «Flammenströme des Gesanges sollen sich ergiessen von der Höhe der Freiheitslust in kühnen Kaskaden, wie sich der Ganges herabstürzt vom Himalaya.» Max Frisch: «Sie will nichts mehr wissen davon, was hier in der Kajüte geschehen ist vor siebzig Jahren.» Peter Handke: «Ein schmaler Himmel, der verhüllt wird von dem Qualm der Eisenwerke.» Patrick Süskind: «[ein Mann,] . . . der sein Leben lang auf der Flucht war vor dem Tod.» Man sieht: Wer die deutsche Syntax phantasievoll liebt, kann selbst ihr schöne Kinder machen.




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