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Weder Magie noch Voodoo
© Ben Simmons, Transglobe, Hambu...
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| Innert Sekunden wird ein Thunfisch für 10000 Dollar versteigert: Tsukiji-Fischmarkt in Tokio . |
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Manche Anhänger der Marktwirtschaft sind von religiöser Leidenschaft beseelt. Doch Märkte, alte und neue, sind nur eine unzulängliche menschliche Erfindung.
Von John McMillan
Frühmorgens, wenn Tokio noch schläft, geht es auf dem Tsukiji-Fischmarkt bereits hektisch zu und her. Seeigel, Kugelfische, lebende Aale, Crevetten, Tintenfische: über vierhundert verschiedene Spezies von Meeresfrüchten und Fischen werden hier zum Verkauf angeboten, frisch gefangen, gefroren, getrocknet oder geräuchert. Ein Höhepunkt ist die Thunfischversteigerung. An die 3000 silbrigglänzende Thunfische werden von den Verkäufern der sieben Fischereiunternehmen, die den Markt versorgen, ausgelegt. Die Käufer inspizieren jeden Thunfisch durch sein «Fenster», einen schmalen Schnitt im Schwanz, um seine Tauglichkeit für Sushi und Sashimi zu überprüfen. Dann beginnt die Auktion. Die Käufer bieten und überbieten einander schweigend mittels Handzeichen - und zwar so schnell, dass es nur ein paar Sekunden dauert, bis ein Fisch im Wert von 10 000 Dollar verkauft ist.
Der Tsukiji-Markt vereinfacht den Fischgrosshandel in Tokio. Gäbe es ihn nicht, müssten Käufer und Verkäufer einzeln miteinander ins Geschäft kommen, was eine zeitraubende und schwerfällige Angelegenheit wäre. Auf dem Markt dagegen werden in eineinhalb Stunden Fisch und Meeresfrüchte im Wert von 25 Millionen Dollar versteigert. Die Käufer sehen auf dem Markt die ganze Breite des erhältlichen Angebots, die Verkäufer erfahren bei der Versteigerung sofort, wie viel die Käufer zu zahlen bereit sind.
Die Auktionen in Tsukiji werden in altehrwürdiger Manier abgehalten. Eine moderne Hightech-Variante kam indessen im Juli 1994 zum Zug, als sich die Manager der US-Telekommunikationsindustrie im Ballsaal des Omni Shoreham Hotel in Washington DC versammelten, um Lizenzen für Pager-Dienste zu ersteigern. Jede Lizenz, die die Regierung anbot, entsprach einem winzigen Frequenzbereich in einer Region des Landes.
Riesige Bildschirme zeigten den aktuellen Stand der Gebote. In abgeschirmten Kabinen am einen Ende des Saals standen Computerterminals. Ohne dass jemand sie beobachten konnte, tippten dort die Bieter ihren Geheimcode und ihr Gebot ein. Nach jeder Runde wurden die neuen Gebote bekanntgegeben - und von den einen mit Jubelschreien, von den andern mit ungläubigem Stöhnen quittiert. Die Auktion dauerte eine Woche und brachte 617 Millionen Dollar ein - für nur gerade zehn Lizenzen. In weiteren Auktionen wurden grössere Frequenzbereiche für Mobiltelefonie und drahtlose Computernetzwerke versteigert. Nach dem Testlauf im Washingtoner Hotel ging man dazu über, die Auktionen elektronisch durchzuführen. Bei der Versteigerung neuer Mobilfunklizenzen wurde dasselbe System in vielen Ländern übernommen, in Neuseeland, Mexiko, Australien, Kanada, Italien, Grossbritannien, Taiwan, Deutschland, Brasilien, den Niederlanden. Weltweit brachten sie mehr als 120 Milliarden Dollar ein.
Märkte sind uns allen vertraut. Wir bewegen uns täglich auf zahllosen von ihnen, gewöhnlichen und exotischen, alten und neuen: wenn wir kaufen und verkaufen, arbeiten und investieren. Aber die aktuelle ökonomische Forschung zeigt, welch subtile Organisationsformen Märkte sind, wie kompliziert und zudem ständig im Wandel begriffen.
Versuch und Irrtum stehen am Anfang von jedem Markt. Die Geschichte des Fussballs ist ein Modell dafür, wie sich ein Markt entwickelt: Das Spiel geht zurück auf eine mittelalterliche Volksbelustigung in England, bei der es darum ging, eine ausgestopfte Schweinsblase ans Ende des gegnerischen Spielfelds zu bringen, mit welchen Mitteln auch immer. Die Zahl der Spieler war nicht festgelegt, die Zuschauer konnten ins Geschehen eingreifen, Schiedsrichter gab es keinen. Nach und nach bildeten sich Strukturen, bis es zur entscheidenden Trennung in Fussball und Rugby kam. Erst im 19. Jahrhundert kodifizierte der nationale Fussball- beziehungsweise Rugby-Verband die Regeln.
Auch Mechanismen für den Austausch von Waren oder Dienstleistungen entwickeln sich von unten nach oben, durch Innovationen der Marktteilnehmer: Spontane Evolution ist die wichtigste Triebfeder für Märkte. Damit sie ihr ganzes Potential entfalten können, brauchen Märkte aber die Hilfe der Regierung. Staat und Markt leben zwar in einer angespannten Beziehung: Märkte koordinieren die Wirtschaft besser, als jede zentralistische Instanz es könnte, und manchmal verzerren, ja zerstören die Regierungen Märkte. Aber die Hilfe des Staates ist entscheidend, wenn die Marktwirtschaft voll erblühen soll.
Der Tsukiji-Fischmarkt und die Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen dienen der Erwirtschaftung eines Gewinns. Je besser der Markt funktioniert, desto höher der Gewinn - darum haben die Menschen von jeher bestehende Märkte verbessert und neue geschaffen. Das Internet und die neuen Handelsformen, die es ermöglicht, haben uns enger vernetzt als je zuvor. Aber frühere Fortschritte in der Kommunikationstechnologie hatten eine ähnliche Wirkung, und Unternehmer benutzten sie, um Märkte auszuweiten und zu verbessern. «Der Telegraph und die Druckpresse», schrieb das Magazin «Contemporary Review» 1886, «haben Grossbritannien in eine grosse Agora verwandelt, einen einzigen Marktplatz, auf dem sich das Volk versammelt.»
Die Post, die Eisenbahn, Telefon, Radio und Fernsehen haben alle auf ihre Weise die Kommunikation verändert. In seinen «Grundsätzen des Kommunismus» schrieb Friedrich Engels 1847: «Es ist dahin gekommen, dass eine neue Maschine, die heute in England erfunden wird, binnen einem Jahre Millionen von Arbeitern in China ausser Brot setzt. Auf diese Weise hat die grosse Industrie alle Völker der Erde miteinander in Verbindung gesetzt, alle kleinen Lokalmärkte zum Weltmarkt zusammengeworfen.» Engels war von dieser Entwicklung der Märkte natürlich nicht sehr angetan, sie ist unerbittlich, aber unausweichlich. Mögliche Gewinne werden verpasst, wenn die Transaktionskosten - Zeit, Aufwand und Geld, die zur Abwicklung eines Geschäfts auf beiden Seiten nötig sind - zu hoch sind; darum winkt dem ein Profit, der einen Weg findet, diese Kosten zu verringern. So entstehen neue Marktmechanismen. Manchmal auch ganz neuartige Märkte.
Heutige Märkte sind hochentwickelte Organisationen. Vor allem jene für komplexe Produkte wie Autos und Computer oder für Arbeit und Finanzdienstleistungen müssen mit Problemen fertig werden, die sich bei einfacheren Produkten wie Kleidern nicht stellen. Grundsätzlich funktionieren Märkte nur reibungslos, wenn sie gut strukturiert sind. Zentral sind dabei fünf Elemente: die Informationen fliessen frei; die Eigentumsrechte sind geschützt; die Vereinbarungen werden eingehalten; die Nebeneffekte auf Dritte werden eingeschränkt; die Konkurrenz wird gefördert.
Ein Markt funktioniert nur gut, wenn darin die Information frei fliessen kann. Ist sie ungleich verteilt, werden Verhandlungen behindert und Vertragsabschlüsse beschränkt. Und es braucht Vorkehrungen, die garantieren, dass die ausgetauschten Informationen verlässlich sind. Auf einem arabischen Basar zum Beispiel bezahlt jeder Tourist zu viel: Ihm fehlen im Unterschied zu den Einheimischen die Informationen über das normale Preisniveau und die Qualität der Ware, die ihn dem Händler ebenbürtig machen würden.
Ein Markt funktioniert auch nur gut, wenn die Menschen einander trauen können. Und wie der Informationsfluss bedarf ebenso das Vertrauen unterstützender Mechanismen, weil leider nicht jeder vertrauenswürdig ist. Viele Güter haben «versteckte Eigenschaften», also muss es Wege geben, den Käufer von ihrer Qualität zu überzeugen - Markennamen mit einem guten Image spielen dabei eine wichtige Rolle. Vertrauen braucht es auch bei Geschäften, die sich nicht sofort zum Abschluss bringen lassen. Die Menschen sind zurückhaltend, wenn sie investieren sollen, ohne die Gewissheit zu haben, dass der Partner die Vereinbarung einhält. Darum braucht eine moderne Marktwirtschaft eine Grundlage, die robust genug ist für hochkomplexe Geschäfte.
Manche bemühen das Übernatürliche, um das Ausserordentliche zu erklären: dass Märkte funktionieren, ohne dass jemand die Aufsicht darüber hat. Der Geistliche Richard Whately, Professor für politische Ökonomie an der Universität Oxford im 18. Jahrhundert, hielt die Existenz des Marktes für einen Gottesbeweis. Wenn der Markt nicht von Menschenhand geschaffen und geführt wird, muss die Hand Gottes im Spiel sein. Auch heute sind manche Anhänger des freien Marktes von religiöser Leidenschaft beseelt. «Das wahre Kapital der heutigen kapitalistischen Ökonomie ist nicht materiell», sagt etwa Georg Gilder, ein Missionar des Laisser-faire, «es ist moralisch, intellektuell und spirituell.» Ronald Reagan mochte den Ausdruck «die Magie des Marktes» - und bestätigte damit unabsichtlich jene, die seine «Voodoo-Ökonomie» verhöhnten.
Harvey Cox, Theologieprofessor in Harvard, machte sich über die Marktfanatiker lustig, die den Markt - «das Mysterium, das ihn umgibt, die Ehrfurcht, die er weckt» - mit Gott vergleichen. Für sie ist der Markt allmächtig, allwissend und allgegenwärtig. Diese göttlichen Attribute, so Cox, «sind für die Sterblichen nicht immer völlig einsichtig, sie verlangen Vertrauen und Glauben».
Aber es braucht keinen Glauben. Die Hand, die den Markt führt, mag unsichtbar sein, wie Adam Smith es formulierte, aber sie ist nicht übernatürlich. Der Markt ist weder allmächtig noch allwissend, sondern eine menschliche Erfindung mit Unzulänglichkeiten. Er funktioniert nicht zwingend gut und schon gar nicht dank irgendwelcher Magie oder Voodoo. Er funktioniert dank Institutionen, Regeln, Gewohnheiten.
Die moderne Ökonomie hat einiges über Märkte zu sagen, Theoretiker haben die Blackbox von Angebot und Nachfrage geöffnet und einen Blick hineingeworfen. Die Spieltheorie wird herangezogen, um das Verhalten der Marktteilnehmer zu verstehen, Marktstörungen werden untersucht und Modelle entworfen, wie sie zu beheben sind. Die neuen Erkenntnisse werden in mathematischen Formeln und in einem schwer verständlichen Jargon festgehalten und führen weitgehend ein verborgenes Leben in der Fachliteratur. Sie haben jedoch unbestreitbar einen praktischen Gehalt. Denn jeder Markt ist eine soziale Konstruktion, der Handel ist «eine der reinsten und primitivsten Formen menschlicher Vergesellschaftung», wie der Soziologe Georg Simmel 1900 schrieb, er macht «aus dem blossen Nebeneinander der Individuen die Gesellschaft».
Die Meinungen über Märkte stehen sich diametral entgegen: Manche schmähen sie als Ursache für Ausbeutung und Armut. Andere preisen sie als Quelle der Freiheit und des Wohlstands. Es gibt das Dogma, dass Märkte an sich schädlich sind und vom Staat kontrolliert werden sollten. Und es gibt das gegenteilige Dogma, dass Märkte grundsätzlich nützlich sind und man ihnen alles überlassen sollte. Der streitbare Journalist und Kritiker der amerikanischen Gesellschaft, Henry Louis Mencken, schrieb einst: «Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die einfach ist, direkt und falsch.» Die beiden einfachen, direkten Lösungen, die gewöhnlich für alle möglichen sozialen Missstände vorgeschlagen werden - den Markt unterdrücken oder dem Markt alles überlassen - sind öfter falsch als richtig.
«Bringt mir einen einarmigen Ökonomen», befahl einst Präsident Herbert Hoover aus lauter Frustration über seine Wirtschaftsberater, die immer «einerseits, andererseits» sagten. Aber wenn sie über das Verdienst der Märkte reden, sind die meisten Ökonomen zu Recht zweiarmig. Die Märkte sind zu wichtig, als dass man sie den Ideologen überlassen darf. Letztlich sind sie das wirkungsvollste Mittel, das wir haben, um das Wohlergehen der Menschen zu verbessern. Für arme Länder sind sie der zuverlässigste Weg aus der Armut. Für reiche Länder sind sie nötig, damit der Lebensstandard gehalten werden kann.
Märkte sind also die mächtigste Waffe gegen Armut - aber nur, wenn sie gut funktionieren. Diese Einschränkung ist entscheidend. Über eine Milliarde Afrikaner und Asiaten müssen sich laut Weltbank mit einem Dollar oder weniger pro Tag durchs Leben schlagen. Es scheint also, dass die Märkte für sehr viele nicht viel Gutes bringen. Die Regierungen in armen Ländern mischen sich zwar oft zu sehr ein, würgen Märkte ab und verschlimmern damit die Armut noch. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Würde der Staat seine kontraproduktive Einmischung aufgeben, blieben diese Länder trotzdem arm. Wer Kalkutta oder Kairo oder andere Städte der Dritten Welt besucht, findet überall Märkte. Man entgeht den vielen Kleinhändlern kaum, die sich eifrig bemühen, ihr Zeug an den Mann zu bringen. Das Problem in den Entwicklungsländern ist nicht, dass es keine Märkte gibt, sondern dass sie schlecht funktionieren. Wenn die Marktregeln nicht adäquat sind, ist es schwierig und zeitraubend, sie zu ändern. Viele Länder sind, zum Schaden ihrer Bürger, bisher nicht fähig gewesen, dies zu tun.
Märkte sind nichts Übernatürliches, und es gibt Probleme, die sie nicht lösen. Wenn sie auf einer unsicheren Grundlage stehen, lösen sie nicht einmal die Probleme, die zu lösen man von ihnen erwartet. In Anlehnung an Churchills Bonmot über die Demokratie könnte man sagen: Das Marktsystem ist die schlechteste Wirtschaftsform, ausser allen anderen, die man bisher versucht hat. Betrachtet man Märkte als Instrumente, braucht man sie weder zu verehren noch zu verteufeln - man soll ihnen bloss erlauben, dort betrieben zu werden, wo sie nützlich sind. Es gibt also eine doppelte Ironie: Jene, die die Armut verabscheuen, treten für eine Politik ein, die die Armut zementiert, indem sie die Märkte einschränkt. Und jene, die das Loblied der Märkte und des Laisser-faire singen, stehen ein für ein System, das zum Zusammenbruch der Märkte führen würde, indem es die Unterstützung des Staates abschafft.
John McMillan ist Professor für Ökonomie an der Stanford School of Business. Bei W. W. Norton & Company ist soeben sein neustes Buch erschienen, «Reinventing the Bazaar. A Natural History of Markets».
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