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NZZ Folio 10/11 - Thema: Ausgewandert Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Showdown im Ngorongoro-Krater
© Prof. Bernhard Grzimek/OKAPIA
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| Bernhard Grzimek mit Attrappe: Wenn der Nashornbulle wüsste! |
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Als der Tierschützer Bernhard Grzimek in den 1960er Jahren herausfinden wollte, wie ein Rhinozeros die Welt sieht, machte er sich auf die Suche nach einem Gumminashorn.
Von Reto U. Schneider
Es ist eines der ungewöhnlichsten Bilder aus der Tierverhaltensforschung: Bernhard Grzimek steht in der weiten Ebene des Ngorongoro-Kraters in Tansania alleine einem Nashorn gegenüber. Zwischen ihm und dem Bullen einzig ein aufblasbares Nashorn aus der Nürnberger Gummi- und Plasticwarenfabrik Eitel. «Ich vergesse ganz, dass mich nur Luft und ein bisschen Plastic-Haut von einem angriffslustigen Nashornbullen trennen», schrieb er später über die Begegnung. Vergessen hatte er offenbar auch, was er mit dem Experiment wollte. Jedenfalls sucht man in seinem Bericht darüber vergeblich nach einer Deutung.
Das aufblasbare Nashorn stand am Ende einer langen Reihe von Tierattrappen, mit denen Grzimek seit den 1940er Jahren versucht hatte, herauszufinden, wie ein Tier die Welt sieht. Wie ähnlich musste eine Attrappe oder ein Bild sein, damit es als Artgenosse wahrgenommen wurde? Vermutlich ahnte er, dass er nur scheitern konnte: «Wir Tierforscher haben es nicht ganz leicht, herauszufinden, was in Tierköpfen geschieht. Es geht uns ähnlich wie den Menschenpsychologen, die wissen möchten, was (…) ein kleiner Mensch denkt, der noch nicht reden kann.»
Während des Zweiten Weltkriegs unternahm Grzimek im Auftrag des Veterinärinspekteurs des Heeres Versuche zum «Erkennen von plastischen Nachbildungen und Bildern durch Pferde». Als Grund für diese Arbeit gibt Grzimek an, er wolle Aufschluss über «das oft unerklärliche Scheuen der Pferde» gewinnen. Doch der Antrieb, immer neue Versuche zur «Begrüssung zweier Pferde» oder «Zum Verhalten von Elefanten zu Bildern und kleinen Tieren» durchzuführen, dürfte ebenso sehr der Russlandfeldzug gewesen sein. Laut seiner Biographin Claudia Sewig hoffte Grzimek, so der Einberufung an die Front zu entgehen.
Über das Verhalten von Tieren gegenüber Attrappen und Bildern gab es viele Anekdoten: ein Hund, der kleine Tonlöwen anbellte, ein Wolf, der ein Hundebild zerriss (ein Papier gleicher Grösse zerriss er allerdings auch). Gesichert war einzig, dass Männchen mit allem zu kopulieren versuchten, was auch nur geringste Ähnlichkeit mit einem Weibchen hatte.
Grzimek konfrontierte seine Pferde als erstes mit einem «nicht gerade naturgetreu ausgestopften Pferd, das jahrelang im Schaufenster eines kleinen Sattlermeisters gestanden hatte», und später mit Pferdebildern auf Papptafeln. Die Pferde verhielten sich vor diesen Attrappen ähnlich wie bei richtigen Pferden. Dass zwei Hengste schon in 20 Metern Entfernung wieherten, eine Erektion bekamen und zum Sprung auf das Papppferd ansetzten, bewog Grzimek allerdings dazu, «auf irgendeine andere Art nachzuprüfen», wie echt Attrappen auf Tiere wirkten.
Nach dem Krieg wurde Grzimek Direktor des Zoos Frankfurt. Um die Zebras dort bei Kinderfesten vor der «Belästigung der Kinder» zu schützen, stülpten sich zwei junge Angestellte ein Zebrakostüm über und streiften durch den Zoo. Als sie dabei einmal ins Gehege der Zebras gerieten, beobachtete Grzimek, dass sie wie ein richtiges Zebra begrüsst wurden. Das brachte ihn auf die Idee, auf seine nächste Afrikareise ein Zebrakostüm mitzunehmen.
In diesem Kostüm schickte er im Herbst 1958 zwei afrikanische Helfer in Richtung einer frei weidenden Zebraherde. Doch die Zebras liefen weg. Grzimek vermutete, dass unter anderem der unnatürliche Gang für den Misserfolg verantwortlich war, und zog das Kostüm im nächsten Jahr über ein gepolstertes Holzgestell, das er an einem Wasserloch aufstellte, wo es Löwen niederrissen.
Doch auch das Holzgestell befriedigte Grzimek nicht. Zwei Jahre lang suchte er einen Gummihersteller, der ihm aufblasbare Giraffen, Löwen, Elefanten und Nashörner herstellen würde. Als Filmemacher und Fernsehmoderator hatte er damals wohl schon mehr die Wirkung des Bildes im Auge als den wissenschaftlichen Gehalt. Anders als die Versuche mit den Pferden und Zebras publizierte er die Studie mit den aufblasbaren Tieren nicht mehr in einer Fachzeitschrift, sondern in seinen populärwissenschaftlichen Büchern: «Nur einmal berührt sein Horn den Kopf des Kunstnashorns, ich habe schon Angst, dass er merkt, wie weich der Schwindel ist, doch nichts dergleichen. Haute er wirklich in mein dünnhäutiges Rhino, stünde ich schnell allein da.» Ob das Nashorn das Gummitier als Artgenossen wahrnimmt oder als Spielball, kann Grzimek nicht klären.
Grzimeks spektakuläre Aufnahmen aus Afrika haben Millionen von Menschen über die Gefährdung der Tiere aufgeklärt. Dass wir immer noch nicht wissen, wie ein Nashorn die Welt sieht, ist darob zu verschmerzen.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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