NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

Besser, das Mütterchen lacht . . .

Die Schweiz als Gasthaus oder Räuberherberge?

Von Peter von Matt

Glücklicher Walser! Ihm gab es der Herr zwar nicht im Schlaf, aber doch haarscharf daneben: «Derjenige, der gern Artikel über die Schweiz schreibt, hält zum Beispiel die Angehörigen anderer Nationen für klüger und glücklicher als die Schweizer. Ich frage mich: wie kommt er dazu, so etwas zu glauben? Glaubt er nicht in genügendem Mass an die Schweiz? Es scheint fast so. Er besitzt eben diesbezüglich nicht das fröhliche, feste Zutrauen, das schon an und für sich schön ist. Ich aber entdecke dieses Zutrauen täglich in mir, nämlich, wenn ich frühmorgens aus dem Möbel steige, das unter der Bezeichnung Bett weltbekannt ist.»

So lässt sich Robert Walser 1927 im «Berliner Tageblatt» vernehmen, und es geschah ihm demnach der amor patriae täglich neu in der Übergangsminute zwischen Bett und Welt, geschenkhaft, ohne alles Zutun und weiteres Überlegen. In dem existentiellen Sattelmoment, wo wir alle uns jeden Morgen in den aufrechten Gang zurückächzen, zerknittert und unansehnlich, während irgendwo auf einem Stuhl die schlappen Kleider und die straffen Rollen warten, das, was wir dann sind, wenn wir es wieder angezogen haben - in diesem Augenblick ist Walser bereits ein entzückter Schweizer und braucht nicht mehr zu begründen, warum er es weiterhin sein oder aber nicht länger bleiben möchte. Andere würgen sich ab mit der Kleinheit des Landes weitab vom Meer und von den ungeheuren Horizonten, ihm jedoch garantiert das Bett den Weltbezug, und damit erübrigt sich alle Frustration über die Kläglichkeit der Heimat.

Zynischer Walser? Der Text hat tatsächlich seinen diabolischen Rand. Er fordert ganz unverstellt den Glauben an die Schweiz, bevor noch die Reflexion des ausgeschlafenen Kopfes einsetzen konnte. Das deutet auf einiges Misstrauen den Ergebnissen solcher Reflexion gegenüber. Wie die Gläubigen in frommen Zeiten Gottes Vorsehung allmorgendlich lobten, auch wenn Kirchen einstürzten, Inselgruppen versanken und ganze Städte mit Gerechten und Ungerechten von den Vulkanen zugeschüttet wurden, so soll sich, meint Walser, das «fröhliche, feste Zutrauen» zum Vaterland stets und unter allen Umständen in der Brust entfalten. Auch in Zeiten also, müsste das wohl heissen, wo zum Beispiel keiner mehr ganz sicher sein kann, ob der Mann am Nebentisch seiner Stammbeiz nicht nur deshalb dort sitzt und gleichfalls Spargel isst, um am Schluss seine Grappas zu zählen und daraus sicherheitspolitische Schlüsse zu ziehen. Der patriotische Grundakt, angesetzt auf die Zeit unmittelbar vor Denkbeginn: ist das Zynismus oder eine Art weltlicher Frömmigkeit? Etwas pendelt da auf jeden Fall zweideutig zwischen beidem hin und her, so zweideutig wie im alten amerikanischen Spruch: «But our country - right or wrong!»

Etwas anders drückte es Gottfried Keller aus: «Besser, das Mütterchen lacht als es weint!»

Das Mütterchen ist «Frau Helvetia», und der Spruch pendelt auch ganz schön. Ein Tischlied musste der Dichter schreiben für die Schweizerische Militärgesellschaft, wobei ihm ein patriotischer Gassenhauer gelang, der so prächtig tönt, dass ihn bis heute noch nie jemand genau gelesen zu haben scheint. Wie immer, wenn Keller schubhaft kreativ wurde, schoss Unkontrolliertes in die Gestaltung. Er sah die Schweiz als stattliches Gasthaus, hingebaut neben die Heerstrasse der Völker, und als er das so ausdichtete, Strophe für Strophe, geisterte ihm durch den wackeren Gesang unverhofft eine zweite Vision: die Räuberherberge - die Schweiz als Wirtshaus im Spessart der Weltgeschichte, der Weg der Schweiz als grosse Wegelagerei. Das «Mütterchen» ist jung und lebenslustig, eine «schöne Wirtin», die die Gäste heranlacht und «zu Bette» bringt, wo sie hinterher von der Hand des Wirts ein böses Ende finden: «Hat denn die blutige Zeche gemacht, dass die Frau Wirtin vor Freuden gelacht.» Das Bild ist nicht auflösbar, weder kritisch, als Tourismussatire, noch patriotisch, als Reminiszenz an Sempach und Morgarten. Die unberechenbare Imagination des kleinen Mannes vom Rindermarkt stiess hier vor zu einer Verbildlichung des eigenen Landes, die den Glanz und die Schändlichkeiten ineinanderkochte und es den Sängern überliess, darüber zu jubeln oder zu erschrecken.

Merkwürdig ist, wie hartnäckig das Wirtshaus in der Schweizer Literatur wiederkehrt, oft genug allegorisch akzentuiert als Zeichen für das Ganze. Der Urroman der neueren Schweizer Literatur, der «Bauernspiegel», deklariert sich selbst als in der Wirtschaft geschrieben; die rabiateste Verdichtung von Kellers Vaterlandskritik ist die Spelunke mit der nationalen Landschaftstapete im «Verlorenen Lachen», und noch das Kurhaus in Dürrenmatts «Durcheinandertal» ist, bei aller schwarzen Theologie, die es zu versinnbildlichen hat, so penetrant schweizerisch wie das «Haus zum Schweizerdegen». Der unterirdisch rollende Humor in der Darstellung dieses apokalyptischen Hotels kann nur mit der Schilderung der ersten und herrlichsten aller Räuberhöhlen der literarischen Schweiz verglichen werden. Diese liegt südlich von Solothurn, ungefähr zwischen Gerlafingen und Bätterkinden - allerdings im Mittelalter -, und es kennt sie nur deshalb niemand, weil man von Gotthelf einzig die «Schwarze Spinne» liest und nie den «Kurt von Koppigen». Vielleicht ist es die geographische Nähe zu dieser prototypischen helvetischen Mördergrube, was noch den heutigen Autoren vom Jurasüdfuss ihren Hang zu den Kneipen gibt, zum Erzählen in den Kneipen und von den Kneipen.

Die Schweiz als schönes Wirtshaus an der Heerstrasse, dann als zwielichtiges Etablissement und schliesslich als Diebesherberge im Weltmassstab: die Bilder gleiten ineinander über, tauchen auf und verschwinden wieder. Keines wird so eindeutig gesetzt, dass es zur Definition gerinnt und wie eine Münze gehandelt werden kann. Die Arbeit der Verbildlichung der Schweiz, die die Dichterinnen und Dichter leisten, unterscheidet sich von den erstarrten Piktogrammen, mit denen die Politiker hausieren, durch die dauernde Umgestaltung. Nur wenn sie fluktuieren, leben die Metaphern; nur wenn ihre Erfinder selbst nicht wissen, was sie damit alles sagen, setzen sie die heisse Wahrheit frei.

«Besser, das Mütterchen lacht als es weint!» - das ist so eine Metapher, mit der man nie fertig wird.

Der Stachel hinter dem Ganzen, der diese Arbeit der Verbildlichung nicht zur Ruhe kommen lässt, hängt mit dem grössten Tabu zusammen, das es im Bereich der laufenden nationalen Diskussionen gibt. Die Schweiz ist zunächst einmal ein Wort. Das weiss jeder, aber keiner stellt sich den Konsequenzen dieser Tatsache. Niemand gesteht ein, dass die Schweiz als Wort keine Sachbezeichnung ist, sondern (mit den alten Griechen und den neuen Franzosen gesprochen) eine Metonymie: ein sprachliches Zeichen, das immer nur für einen Teil dessen steht, wofür es zu stehen vorgibt. Die Summer aller Realitäten, die das Wort Schweiz als Sachbezeichnung enthalten würde, kann sich kein menschliches Gehirn vergegenwärtigen. Deshalb reagieren alle metonymisch: sie setzen einen Teil für das Ganze. Der eine denkt an das Glück beim Cup-Final, der andere an den Stacheldraht um die Asylantenunterkünfte. Dann sagen sie sich gegenseitig die Meinung.

Die Tabuisierung der Tatsache, dass die Schweiz ein Wort ist, das jeder willkürlich mit seinem Partialsinn füllt und dann als Sachbezeichnung für das Ganze ausgibt, ermöglicht das leidenschaftliche landesweite Missverstehen, dessen Zeugen wir sind und das unsere Nachbarländer mit höflicher Verdutztheit zur Kenntnis nehmen. Wenn dem einen beim Wort Schweiz seine Wahl zum Ratspräsidenten vor Augen steigt, der Empfang am Dorfbahnhof, die Blumen und der Männerchor und der Marsch zur Mehrzweckhalle; und wenn die andere dabei an die Kinder der Landstrasse denkt und an die verwaltete Jugend, die gestohlene Mutter und die befohlenen Zuchtanstalten; und der dritte sieht eine Alp vor sich, ein grünes Gehügel mit einem schwimmenden Himmel, Insektensirren und Glockentöne; vor der vierten aber taucht ebenso unabweisbar ein todesmutiger dunkelblauer Polizist auf im Nahkampf mit zwei Kurdenbuben («Euch will ich eine Gasse machen!») - wie reden die dann alle miteinander, erfüllt von ihrer Wahrheit, wie sie sind, der Wahrheit dieses einen, undurchschauten Worts?

Die fluktuierenden Metaphern, in denen die erprobten Dichterinnen und Dichter von der Schweiz reden, sind genauer als der sogenannte Klartext der Politisierenden, die sich, um den Selbstgenuss nicht zu gefährden, der im leidenschaftlichen Missverstehen liegt, um den moralischen Rausch des Rechthabens nie verdampfen zu lassen, jedes Nachdenken über ihre Hauptwörter verbieten.

Und die sorgsame Beobachtung, wie jene unberechenbaren Bilder zustande kommen, was sie hervortreibt und wieder verschwinden lässt, kann genauere Auskunft schaffen über das Ganze als ein ganzer Stoss wohlberechneter Grundsatzpapiere. Nur muss man dann auch mit so unangenehmen Fragen umgehen wie der, warum die Metapher vom «Weg der Schweiz» immer dann in den Vordergrund tritt, wenn sich freiwillig fast nichts mehr vom Fleck bewegt.

Peter von Matt ist Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich.


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