NZZ Folio 04/08 - Thema: Die Sinne   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Lesseps, Jongleur der Kanäle

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
Eines der prunkvollsten Feste, die die Welt je gesehen hat, fand 1869 in Kairo statt: Da feierten der Khedive von Ägypten und Ferdinand Vicomte de Lesseps, Erbauer des Suezkanals, die Eröffnung der Schifffahrtsstrasse, die den Weltverkehr veränderte. Verdi hatte dazu die «Aida» komponiert, und Lesseps wurde gefeiert als der andere grosse Franzose des Jahrhunderts (der eine: Napoleon). Er war kein Ingenieur, nur ein pensionierter Diplomat – und ein begnadeter Meister der Selbstreklame. Mit einer Denkschrift hatte er den Khediven für den Kanal gewonnen und die Franzosen für die Idee, Kanal-Anleihen zu zeichnen. Alles funktionierte nach Plan. Wir brauchen 1600 Kamele, um das Trinkwasser für die 25 000 Arbeiter heranzuschaffen? Kein Problem, Lesseps organisierte es.

Drei Tage nach der Uraufführung der «Aida» feierte der weltberühmte Mann seinen 64. Geburtstag; wieder vier Tage später schritt er zum zweiten Mal zum Traualtar, mit einer 20-jährigen üppigen Schönheit aus Martinique, der er emsig Kinder machte, zwölf an der Zahl. Mit diesem Abenteuer vor sich und dem anderen hinter sich hätte er sich auf seine Lorbeeren betten können. Zehn Jahre lang tat er das auch, aber offenbar langweilte ihn das. Da trat 1879 die nächste Versuchung an ihn heran: Er konnte eine Konzession für einen Kanal durch Panama ergattern – das nur 60 Kilometer breite Landstück zwischen Atlantik und Pazifik inmitten der 15 000 Kilometer langen Barriere von der Arktis bis nach Feuerland, die selbst einen Schnellsegler drei Monate kostete, wenn er von New York nach San Francisco wollte.

Nur gab es da ein Problem. Der Suezkanal durchschneidet flaches Land; in Panama ist der Landrücken auf 8 Kilometern mehr als 50 Meter hoch und sogar 102 Meter beim Cerro Culebra – dies alles abzuräumen also eine Erdbewegung, wie es noch keine gegeben hatte. Für Lesseps Grund genug für die Prognose: «Der Panamakanal wird weniger Probleme machen als der Suezkanal!» Da bedrängten die Franzosen ihren grossen Sohn, er selbst solle auch diesen Kanalbau leiten. Seine Frau beschwor ihn, die Finger davon zu lassen. Auch dass die Banken ihm die Kredite verweigerten, irritierte ihn nicht; wieder forderte er alle Franzosen auf, Anleihen zu zeichnen – und tatsächlich: 80 000 seiner Landsleute brachten mehr als 1 Milliarde Francs zusammen, doppelt so viel, wie der Suezkanal gekostet hatte. 1882 rückten die Dampfbagger an. 3000 französische Techniker und an die 20 000 Arbeiter, überwiegend Schwarze von den Karibischen Inseln, machten sich ans Werk.

Kaum aber hatte die Regenzeit begonnen, da schlug das Gelbfieber zu – mit blutigem Erbrechen und mindestens bei jedem Dritten mit dem Tod. Noch wusste niemand, dass dies eine Viruskrankheit ist, die durch Moskitostiche übertragen wird. So verreckten sie ahnungslos zu Tausenden, Schwarze und Weisse, eine Zeitlang zwei von drei französischen Technikern. Doch neue rückten nach, getrieben von glühendem Patriotismus und dem Willen, den deutschen Siegern von 1871 und der ganzen Welt zu demonstrieren, was Frankreich vermochte.

Zum anderen Unheil geriet der Versuch, den Culebra-Rücken zu durchstechen. Lesseps hatte kühn unterstellt, man werde eine fast senkrechte Schlucht aus den Felsen meisseln – schwierig genug. Niemand hatte bedacht, dass der Fels von Lehm durchsetzt und von einer dicken Lehmschicht bedeckt war; und wenn die Tropenregen kamen, rutschte der Lehm in die Tiefe, begrub Bagger und Lokomotiven und machte die Arbeit von Monaten zunichte. Nur mässig geneigt also durften die Seitenwände sein, mehr als doppelt so viel Abraum wie geplant war wegzuschaffen, und nach dreijährigem Kampf gegen die Seuche und den Schlamm zeichnete sich ab, dass der Kanal nur mit jenem Schleusensystem zu retten wäre, das Lesseps hohnlachend verworfen hatte.

Der, inzwischen 80 Jahre alt, gab in Frankreich alle zwei Wochen ein Bulletin mit Erfolgsmeldungen an die Presse, hielt feurige Vorträge überall im Land und zahlte hübsche Summen an Journalisten, Verleger und Abgeordnete. 1887 endlich gelang es seinen Ingenieuren, den Greis zum Verzicht auf die fixe Idee mit dem Kanal ohne Schleusen zu bewegen. Aber die Wahrheit begann in Frankreich durchzusickern, und 1888 machte Lesseps Bankrott. Zehntausende von Franzosen waren um ihre Ersparnisse geprellt, im Abgeordnetenhaus gab es Prügelszenen, und Lesseps wurde, 83 Jahre alt, wegen Betrugs zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Fünfzehn Jahre lang geschah nichts mehr in Panama. Erst 1904 nahm ein amerikanisches Konsortium die Bauarbeiten wieder auf, und das liess sechs Schleusen bauen. Am 15. August 1914 wurde der Kanal eröffnet – ohne Fanfarenstösse, denn inzwischen war der Weltkrieg ausgebrochen. Lesseps war da schon zwanzig Jahre tot. Die Strafe hatte man ihm erlassen. Seine letzten sechs Jahre hatte er im Lehnstuhl oder im Bett verbracht, körperlich verfallen und geistig verwirrt. Die Zeitungen las er regelmässig. Seine Frau gab ihm nur solche, die vor 1888 erschienen waren.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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