NZZ Folio 07/11 - Thema: Velo   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Schnee, ein Drachen und 4 Millionen Samen

© Jesper Grønne/groenne.eu
Der Flugsame einer Föhre in Bewegung. Linktext
Vor 85 Jahren wollte der Forstwirtschafter Leo Isaac messen, wie weit Flugsamen durch die Luft getragen werden. Seine Erfahrung mit Holz für den Flugzeugbau kam ihm dabei gelegen.

Von Reto U. Schneide

Im Januar 1926 quartierte sich eine kleine Gruppe Forstwirtschafter auf einer entlegenen Farm bei Maupin in Oregon ein. Im Gepäck hatten sie Ski, Schneeschuhe, einen Drachen und vier Millionen Flugsamen von Zedern, Föhren, Fichten und anderen Nadelbäumen. Zwei Tage nach der Ankunft fegte ein Schneesturm über das Gebiet, und die Temperatur fiel auf minus 38 Grad. Einer der Männer musste die ganze Nacht Holzstücke in den Ofen schieben. «In der Küche gefror das Wasser im Teekessel und im Wohnzimmer die Milch in der Kanne», erinnerte sich der Leiter der Gruppe, Leo A. Isaac, vierzig Jahre später an die Umstände, unter denen er sein berühmtestes Experiment durchführte.

Isaac war das Leben in der Wildnis gewohnt. Er wuchs auf einer Farm in Wisconsin auf, verdiente sich sein Taschengeld als Fallensteller und lebte zwei Jahre in einer Hütte, die er nur mit dem Boot erreichen konnte. Später studierte er an der Universität von Minnesota Forstwirtschaft und bekam mit 32 Jahren eine Anstellung an der Pacific Northwest Forest & Range Experiment Station, wo er den Drachen baute, den er für seinen Versuch brauchte.

In den Jahren bevor Isaac 1924 seine Arbeit an der Forschungsstation aufnahm, hatte der frühere Direktor Julius V. Hofmann eine Theorie über die Keimfähigkeit von Nadelbaumsamen aufgestellt. Hofmann hatte beobachtet, dass auf grossen Lichtungen, die durch Waldbrände entstanden waren, Jahre später plötzlich Schösslinge wuchsen. Er schloss daraus, dass die Samen jahrelang im Waldboden überlebten, bevor sie keimten. Diese Erkenntnis war für die Holzwirtschaft von grosser Bedeutung. Traf sie zu, würden sich Wälder nach einem Brand oder Holzschlag ohne Zutun regenerieren.

Doch der Leiter der Station, Thornton T. Munger, und andere Forscher zweifelten an Hofmanns These, denn es gab Stellen, an denen auch Jahre nach dem Abholzen keine Tannen nachwuchsen. Also beauftragte Munger Isaac, der Sache nachzugehen. Ein Auftrag, der die Freundschaft zwischen Leo Isaac und Julius Hofmann zerstören sollte.

Isaac begann mit dem einfachsten, aber langwierigsten Experiment: Er vergrub die Samen von Douglastannen in verschiedenen Tiefen im Boden und versuchte sie nach einem, zwei oder drei Jahren zum Keimen zu bringen. Doch nach zwei Jahren waren die Samen tot. Isaac wiederholte den Versuch mit anderen Nadelbaumsamen. Das Resultat blieb dasselbe. Hofmanns Theorie musste falsch sein. Doch woher konnten die Samen sonst kommen? Die nächsten Tannen standen zum Teil weit entfernt. Konnte es sein, dass ihre Samen so grosse Distanzen zurücklegten?

Diese Frage wollte Isaac beantworten. Allein mit Beobachtungen im Wald ging das nicht. Es war unmöglich, herauszufinden, von welchem Baum ein bestimmter Samen stammte. Was der Forscher brauchte, war ein freies Feld. Dort wollte er in sechzig Metern Höhe – so gross werden Douglastannen – Samen fliegen lassen. Und Isaac wusste auch schon, wie er die Samen in diese Höhe bekommen würde: mit einem Drachen.

Während des Ersten Weltkriegs beurteilte Isaac in Holzfällercamps die Holzqualität für den Flugzeugbau. Aus dieser Zeit wusste er, wie leicht und stark das Holz von Sitka-Fichten war. Also baute er daraus einen Kastendrachen, den er nun in der Nähe der Farm steigen liess. Zuvor hatte er eine leere Haferflockenpackung mit Samen gefüllt und darangehängt. Als der Drachen sechzig Meter Höhe erreicht hatte, öffnete Isaac über einen Faden den Boden des Behälters, und schon schwebte eine Wolke aus Flugsamen der Erde zu.

Nachdem sie gelandet waren, placierten Isaacs Helfer in regelmässigen Abständen in Windrichtung einen Holzrahmen am Boden und zählten die Samen darin aus. Jetzt zahlte sich aus, dass Isaac entschieden hatte, das Experiment im Winter durchzuführen: Die Samen waren im Schnee problemlos zu sehen.

Der Grossteil der Samen wurde schon bei einer Windgeschwindigkeit von 10 Kilometern pro Stunde mehr als 300 Meter weit getragen. Bei Wind von 40 Kilometern pro Stunde fand Isaac noch in über einem Kilometer Entfernung Flugsamen.

Bei 17 Flügen liess Isaac mehr als 4 Millionen Samen von seinem Drachen regnen. Der Versuch belegte, dass die auf Kahlschlägen nachgewachsenen Tannen von Flugsamen entfernter Bäume stammten und nicht, wie Hofmann vermutet hatte, von Samen aus früheren Jahren. Heute lässt man in einem Kahlschlag sogenannte Samenbäume stehen, die Samen für die nächste Generation Bäume liefern.

Hofmann hat Isaacs Resultat nie glauben wollen. «Ich habe nie wieder von ihm gehört», sagte Isaac, «er hat keinen meiner Briefe beantwortet und wollte mich nicht sehen, wenn er die Forschungsstation besuchte.»

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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