NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Andreas März, Fundamentalist mit Humor

© Ueli Meier
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Von Peter Rüedi

HUMOR IST, wenn man trotzdem lacht, also so etwas wie die Einübung ins Unvermeidliche. Humor ist vor allem, wenn man über sich selbst lacht, eine unter Lehrern, Propheten, Predigern, Weltverbesserern eher seltene Eigenschaft. Andreas März (52), Kleinstwinzer (2 Hektaren) und Olivenbauer (3300 Bäume) im toscanischen Lamporecchio, in Personalunion Herausgeber, Degustator und Hauptautor der deutschsprachigen Zeitschrift «Merum», eines «Insidermagazins zum italienischen Wein» mit Samisdat-Auflage (weniger als 3000 Exemplare, nötig wären 5000), will zweifellos die Welt verändern, wenigstens im Bereich von Essen und Trinken. Er hält glühende Plädoyers für die Authentizität, die Rückverfolgbarkeit der Nahrungsmittel, für die Rettung von Riechen und Schmecken, versteht sich als «Gegenkraft» zu unhinterfragten Moden und, im Hinblick auf Italiens Weine, als Kämpfer für die Entrechteten: die von den grossen Weinführern übergangenen Unzeitgemässen. Zweifellos aber hat er auch Humor.

Seinen flächendeckenden Degustationsnotizen, die keinerlei Beisshemmung vor Monumenten und Nobilitäten erkennen lassen, stellt März eine mit Ausrufezeichen versehene Warnung! voran: «Die Weinbewertungen auf den folgenden Seiten sind Ausdruck der persönlichen Meinung von Andreas März und sollten nicht pur genossen werden. Wir raten unseren Lesern – zu ihrem und der Weinproduzenten Vorteil –, die folgenden Weinbewertungen mit denen anderer Autoren zu vergleichen.» Er verweigert Verantwortung. Selber testen oder selber schuld, bleut er seinen Lesern ein.

Für alle, die behaupten, sie verstünden nichts von Wein, hat er, nur halb im Spass, seinen «JLF-Test» erfunden, sozusagen den jurylosen Weintest. Zu einem Essen werden vergleichbare Kreszenzen kurz degustiert, dann in der Flasche erkennbar auf den Tisch gestellt. Sieger ist der Wein, von dem am Ende des Abends am meisten getrunken ist (JLF: «Je leerer die Flasche . . .»). Selten ist es der teuerste. «Jeder weiss, welcher Wein ihm schmeckt», sagt der in seinen Meinungen dezidierte, aber undogmatische März. «Es sagt ja auch keiner, er verstehe nichts von Spaghetti. Der grösste Feind des Weins ist die Angst, nichts davon zu verstehen.»

Auf die Landwirtschaft kam der Stadtbasler März «über das Kuhfüdli»; schon als Bub und Jugendlicher verbrachte er seine Freizeit lieber auf dem Bauernhof als in der Disco. Der Geruch der Kartoffelfeuer, die im Herbst die abgeernteten Äcker verschleiern, zieht ihm noch im gänzlich kartoffelfreien toscanischen Paradies durchs Gemüt. Zum Gut, das er 1981 am Fuss des Montalbano kaufte (6 Hektaren), führte eine väterlich verordnete Umwegschlaufe über Matura, ein eher zufällig beendetes Studium der Agronomie an der ETH. Es folgte ein Brotjob bei der Sandoz und die vergebliche Suche nach einem erschwinglichen Betrieb in der Schweiz.

Ein Olivenölschlecken war’s auch im geliebten Süden nicht, der Frost im Winter 84/85 ruinierte die Bestände auf Jahre, und so wurde März mit vierzig auch noch Italienkorrespondent von «Vinum». «Merum», seine eigene Gründung, ist ein Reflex darauf und Ausdruck März’scher Reinheitsvorstellungen: das lateinische Wort bezeichnet den im Gegensatz zum vinum unverdünnten Wein. Das Heft, herausgegeben von Verlag und Agentur für italienische Lebensfreuden (Inhaber zu 51 Prozent ist Andreas März), erscheint inzwischen im zehnten Jahr. Das zweimonatlich publizierte Heft ist mit seinem extrem aufwendigen, faktenharten, ohne atmosphärische Parfumerie hantierenden Journalismus jedem zu empfehlen, der’s denn ganz genau wissen will. Von Profis abgesehen, werden das immer wenige sein.

Zapfen ab. Fast hätte März zu einem seiner geliebten Nordpiemonteser Nebbioli gegriffen (Gattinara, Ghemme, Bramaterra, Carema), an denen der Trend zurzeit so bedauerlich vorüberrauscht. Aber er bleibt – weiter östlich, gleiches Problem – an einem Veltliner hängen, einem Sassella Rocce Rosse Riserva 1991 von Arturo Pelizatti Perego. Es ist ein Wein nach seinem Gusto, an dem etwas gutzumachen ist: vor Jahrzehnten gerade in der Schweiz sehr verbreitet, sind die traditionellen Veltliner Nebbioli mehr und mehr ins Abseits geraten. «Heute würde kein Weintester einen solchen Wein ernst nehmen, schon wegen der hellen Farbe. Er ist nicht fehlerlos und doch in der Nähe von Grösse. Ich kenne die steilen Weinterrassen, die Kultur, die dahintersteckt. Das sind Weine mit einer Würde. Wenn der Markt dereinst von den verdichteten Konfitüren genug hat, wird dieser Wein auch wieder eine Zukunft haben.»

Das braucht Zeit. Bis jetzt ahnen die Wende gerade ein paar Meinungsmacher, Carlo Petrini etwa von Slow Food. «Aber bis sein ganzes Fussvolk vom ‹Gambero Rosso› umschwenkt, gehen leicht zehn Jahre ins Land.» März, der gelegentlich die Meinung der Meinungsmacher macht, ist da beweglicher. Als Journalist und Bauer «mitten im brodelnden italienischen Weinsumpf» riecht er ziemlich alles ziemlich schnell: die Wohlgerüche und die unangenehmeren Aromen.


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