Viele träumten davon, und auch Pinocchio wollte dorthin: ins Land, wo Milch und Honig fliessen und die gebratenen Tauben einem direkt in den Mund fliegen, dorthin, wo Faulheit als höchste Tugend und Fleiss als schlimmstes Laster betrachtet werden. Schon im frühen Mittelalter überbrachten Reisende die Kunde vom Wunderland des Überflusses, fabulierten vom Land Cucania oder eben - vom Schlaraffenland.
Heute ist uns die Sehnsucht nach Milch und Honig so fremd geworden wie der Mangel daran. Das Schlaraffenland liegt gleich um die Ecke. Im Supermarkt finden wir, was Bauch und Gaumen begehren, und wenn gebratene Tauben auch nur in der Delikatessabteilung zu finden sind, so doch überall Fertigpizzas und «Gourmetmenus» wie Poulet «nach indischer Art» oder Nasi Goreng, direkt aus der arktischen Kälte der Kühltruhe.
Über 60 Prozent der Nahrung, die der Durchschnittsschweizer täglich verzehrt, werden von der Ernährungsindustrie bereitgestellt. Obst, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Getreide und Milch sind zu einem grossen Teil zu fast beliebig verwertbaren Materialien geworden. Als Rohstoff werden sie ausgepresst, in ihre Bestandteile zerlegt, mit Extrudern in neue Formen und Texturen verwandelt, zu neuen Gerichten komponiert und mit Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffen angereichert: Techno-Food aus den Labors der Konzerne, fixe Verpflegung, die sich - wenn auch selten hoch geschätzt - bei Konsumentinnen und Konsumenten reger Nachfrage erfreut.
Die Situation ist paradox: Nie waren Angebot und Kaufkraft, das Wissen um die richtige Ernährung in der westlichen Industriegesellschaft grösser, und dennoch ernährt sich die Mehrheit der Bevölkerung falsch. Wir essen zuviel, zu süss, zu fett. Und es mag durchaus für den Erfindungsgeist der Nahrungsmittelindustrie sprechen, dass sie auch dagegen Rezepte weiss. Nicht weit entfernt sind wir, so ist in einem unserer Beiträge zu lesen, beispielsweise von einem künstlichen Fett, das ohne verdaut zu werden durch die Därme saust.
Unappetitlich? Wir sind uns durchaus bewusst, dass unser Heft die Lust aufs Essen nicht unbedingt fördert. Dem Lesegenuss soll dies nicht abträglich sein.