NZZ Folio 12/92 - Thema: Supermarkt E-Musik   Inhaltsverzeichnis

Portfolio -- «Davoser» Schlitten - unverwüstlich

Von Claudia Kühner

Auf lila Plastic sitzend einen Hügel runterrutschen, das kann nicht die Alternative sein für den, der es liebt, bäuchlings auf dem Holzschlitten die Schlittelbahn hinunterzusausen. Und es muss der Holzschlitten sein, so ein «Davoser» oder ein «Grindelwaldner», einer von der Art, wie ihn schon die Grosseltern besessen haben und dessen «Ahnen» aus den Talschaften von Davos und Grindelwald stammen.

Wohl haben die beiden Berggemeinden den Schlitten einst ihre Namen gegeben, doch gebaut werden sie beide seit bald hundert Jahren in Rümligen im Berner Gürbetal. Sie kommen auch nicht aus einer grossen Fabrik, wie man vielleicht denkt, sondern von jeher aus einer kleinen Schreinerei. Als einzige versorgt sie die Schweiz mit den unverwüstlichen Schlitten, und seit dreissig Jahren werden sie hier, in der Werkstatt von Walter Pfau, mit Kenntnis und Hingabe gebaut. Der Markt ist gerade so gross, dass Pfau der Nachfrage nachkommen kann. Das mögen in guten, schneereichen Wintern bis zu dreitausend Schlitten sein: zwei Drittel etwa Davoser, der Rest Grindelwaldner.

Beide Typen sind im letzten Jahrhundert aus leichten norwegischen Schlitten entstanden, die damals in der Schweiz auftauchten und dann von hiesigen Schreinern «weiterentwickelt» wurden. Der Unterschied ist gar nicht so gross und liegt in der Bauweise. Sind beim Davoser die Latten auf die Tragjoche aufgeschraubt und ragen hinten frei heraus, werden sie beim Grindelwaldner durch Löcher in den Tragjochen geschoben und hinten von einem Abschlussjoch zusammengehalten. Beide Schlittenformen baut Walter Pfau in sechs verschiedenen Grössen.

Die Aufteilung hat auch noch mit regionalen Vorlieben zu tun. Davoser gehen eher in die Ostschweiz, Grindelwaldner eher ins Berner Oberland. Abnehmer sind Sportgeschäfte und die Sportabteilungen einiger ausgesuchter Warenhäuser. Im Laden ist der normale Schlitten für rund 100 Franken zu haben, und der teuerste kostet 350 Franken. Soviel bezahlt der Kunde für das neuste Modell, das sich Walter Pfau hat einfallen lassen: Es sind Spezialschlitten mit Rennkufen, mit Belag und Stahlkanten wie bei Skiern. Eine naheliegende Idee, wie die wachsende Nachfrage bei allen zeigt, die es gerne noch ein bisschen schneller haben. «Seit dem letzten Winter gehen diese Schlitten wirklich prima», freut sich der Erfinder. Seine Frau und er, der 63jährige, fahren selber regelmässig an Schlittenrennen mit; sie sind sozusagen ihre eigenen Testfahrer.

Der Käufer im Sportgeschäft muss aber wissen, dass es auch nachgemachte, ausländische Davoser gibt, denn Markenname und Bauweise sind nicht geschützt. Bei genauerem Hinsehen erkennt man den Unterschied: Die Schlitten von Walter Pfau haben neben dem Namen noch die Armbrust mit dem «Swiss made» eingebrannt, die Kopien nur den Schriftzug «Davos». Sie sind schlechtere Kopien aus der früheren DDR, aus Österreich, Deutschland, Skandinavien. Billiger sind sie zwar, dafür überstehen sie kaum mehr als ein paar rasante Abfahrten ohne Schaden. Denn gebaut sind sie aus dem weniger wertvollen, weicheren Buchenholz. Walter Pfau dagegen verwendet nur harte und strapazierfähige Esche. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass seine Qualitätsarbeit ihre Abnehmer findet.

Holz- wie Metallteile - alles an den Schlitten aus Rümligen ist handgemacht. Im Sommer schon fangen Pfau und ein Schreinerkollege mit den Vorbereitungen an. Sie schneiden und fräsen die Einzelteile zurecht, die sie dann ab Herbst nur noch zusammensetzen müssen. Für die Kufen werden jetzt aus dem Holz lange Blöcke gefräst, und handgefräst sind auch die Tragjoche wie die Latten, auf denen man sitzt. In einer eigenen kleinen Schmiedevorrichtung schneidet und presst Walter Pfau die Stahlkufen und Stege aus Eisen. Bis im September dann die drei- bis viermonatige Hauptsaison anfängt, lagern die vorgefertigten Teile in grossen Stössen. Um sie dann möglichst rasch zusammenzusetzen, beschäftigt Pfau in der Zeit noch drei bis vier weitere Mitarbeiter.

Der eigentliche Schlittenbau beginnt mit dem im Sommer vorbereiteten Kufenstück. Zunächst kommt der lange, rechteckige Klotz in ein holzgefeuertes Dampfbad, wo er bei 130 Grad weich gemacht wird. Nach dieser Prozedur lässt er sich wie Gummi formen. Nun legt Walter Pfau das (gerade) Stück in eine gebogene Eisenblechform, spannt das Ganze in die Biegemaschine, wo das Holz den Bogen des Blechs und damit der Kufe annimmt. Einen Tag lang wird es dort getrocknet und danach in seine endgültige Form gehobelt und gefräst. Jetzt werden die anderen Teile zusammenmontiert, und zum Schluss wird der Schlitten noch in ein Lackbad getaucht. Man muss nur zusehen, wie Pfau eine Stahlkufe allein mit der Kraft seiner Arme auf das Holz biegt - erst von Hand, dann mit Hilfe einer Rolle -, und man versteht, wieviel körperliche Anstrengung hinter dieser Arbeit steckt.

Solche Schlitten sind so robust, dass sie gut ein paar Jahrzehnte halten, im Gegensatz zu den ausländischen Billigimporten. Auch die Plasticrutscher sind eine Konkurrenz, aber der Kenner weiss einfach, dass sich mit ihnen nicht dasselbe anfangen lässt wie mit dem Holzschlitten.

Dass es in der Schweiz nicht noch andere Schlittenschreiner gibt, erklärt sich Walter Pfau nicht nur mit dem doch kleinen Schweizer Markt, sondern auch mit der Knochenarbeit, die mit dieser Art des Schlittenbaus verbunden ist. Selbst seinem Sohn, Schreiner wie er, ist sie zuviel; er wird den Betrieb nicht übernehmen. Auch sonst hat sich bis heute kein interessierter Käufer für die Schlittenschreinerei gefunden. «Wenn er sieht, wieviel Mühe dahintersteckt, ist er abgeschreckt», stellt Walter Pfau immer wieder fest. Auch für ihn wird es langsam zu viel. Allmählich denkt er ans Aufhören. Zwar liesse sich in der Werkstatt das eine oder andere modernisieren, aber er hat Angst, dass die Investitionen zu teuer würden. Und eine völlige Automatisierung wäre so aufwendig, dass sie erst recht nicht rentierte.

Damit sich das Ganze trotzdem lohnt, hat sich der Schreiner ausgerechnet, sollte auf einen Schlitten nicht mehr als eine Stunde Arbeitszeit kommen. Aber leben kann er von den Schlitten alleine nicht. Walter Pfau kommt finanziell nur über die Runden, weil er in der restlichen Zeit noch als Bauschreiner arbeitet. Damit ist er auch in schlechteren, schneearmen Jahren ausgelastet und kann Einbussen ausgleichen.

Ausserdem - für die Betriebsrechnung nicht zu unterschätzen - hilft Frau Pfau tatkräftig mit. Nicht nur legt sie in der Schreinerei wenn nötig mit Hand an, sie geht auch jedes Jahr auf «die Reise» zu den Kunden und hilft so den Vertreter einsparen. Die gegenwärtige wirtschaftliche Flaute bereitet Pfau nicht allzu grosse Sorgen, weil er festgestellt hat, dass Wintersportler in schlechten Zeiten oft aufs teure Skifahren verzichten und statt dessen schlitteln. Trotzdem, es ist schon vorgekommen, dass er in schneearmen Wintern nicht mehr als ein paar hundert Schlitten absetzen konnte. Fällt dann aber der grosse Schnee und schneien mit ihm die Nachbestellungen herein, müssen Pfau und seine Leute zwischen 80 und 100 Schlitten in einem Tag zusammensetzen können. Woher aber sollen sie kommen, wenn sich für Walter Pfau kein Nachfolger findet?



Leserbriefe:

Zu Portfolio -- «Davoser» Schlitten - unverwüstlich - NZZ-Folio Supermarkt E-Musik (12/92)

Eine späte Leserpost aus Deutschland - der Artikel, auf den sie Bezug nimmt, erschien im Dezember 1992. Die letzten 25 Jahre verbrachte er allein in dunklen Kellern. Anscheinend wollte ihn niemand mehr haben. Aber dennoch war dies ein Zeichen seiner Wertschätzung: fast alle anderen Dinge meiner Kindheit haben die Zeit, sei es durch Alterung oder Umzüge, nicht überdauert. Er aber nicht. Im Gegenteil. Er erfreut sich nach langem Schlaf wieder einer neuen Wertschätzung - durch die nächste Generation. Ich spreche von "meinem Davoser-Schlitten", auf dem nun mein Sohn wie ich damals vor 35 Jahren die Welt er-fährt. Ich brachte es nie übers Herz, ihn wegzugeben. Das sperrige Gefährt passte dank meines Willens stets in jedes noch so kleine Umzugsgefährt. Dafür mussten andere Dinge weichen. Wenn ich ihn anschaute, wurden meine Erinnerungen an Erlebnisse mit ihm wieder lebendig, die mein Kinderherz damals vor Glück fast zerspringen ließen. Das gleiche Glücksgefühl sehe ich nun in den Augen meines Sohnes. In der heutigen Schnelllebigkeit ist es rar geworden, dass Dinge von einer Generation auf die andere vererbt werden. Kaufen und wegwerfen ist die Devise. Doch den ganzen Unrat, der den Weg der Entropie gegangen ist, ohne dass man sich an ihn überhaupt noch erinnert, hat er überlebt. "Mein Davoser". Er ist nur "mein Davoser", weil er, wie ich aus ihrem Artikel von 1992 erfahren habe, kein echter Davoser, sondern "nur" ein Nachbau aus Buche - und nicht wie im Original aus Esche - ist. Und dennoch hat er meine strapazierende Kindheit mit allen ihm nicht zugedachten Nutzungsformen überlebt. Wie mag wohl das Original der Zeit und - viel schlimmer noch: unbändigen Kindern - trotzen? Aber die rührselige Geschichte hat auch eine Moral. Nach Jahren des Konsums leichter und leicht vergänglicher Dinge, die nicht glücklich machten, schaue ich auf "meinen Davoser" und fühle das einstige Glück wieder in mir. Es sind die Dinge wie "mein Davoser" oder mein (original) Schweizer Taschenmesser, die wir der nächsten Generation mitgeben können. In zweierlei Hinsicht: als Dinge, die unsere Erinnerungen tragen, und als Dinge, die uns zeigen, dass ihre nachhaltige Nutzung im Gegensatz zum vergänglichen Konsum ein Geschenk für die zukünftigen Generationen ist.
Claus Stumpp, per E-Mail



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.