NZZ Folio 05/04 - Thema: Das Eigenheim   Inhaltsverzeichnis

Fix und fertig

In «Europas Hauptstadt der Fertighäuser» bei Wien ist der Hauskauf ein Shoppingerlebnis.

Von Andreas Dietrich

Der Leerwohnungsbestand verharrt seit den Anfängen stur bei 100 Prozent, dennoch sind die Eigentümer höchst zufrieden. Derart zufrieden, dass sie die Siedlung schon zweimal erweitern liessen. Auf diese Weise, nämlich Fertigbauweise, sind im Lauf der vergangenen 13 Jahre aus 17 leer stehenden Häusern 85 leer stehende Häuser geworden. Neue Häuser, tipptoppe Häuser. Nie jemand da, aber mit allem Drin und Dran und Drumherum. Drin etwa Leuchtsäulen am Fussende der Sprudelbadewanne, dran nicht ungern ein erkerartiges Allerlei und drumherum genügsame Rasentoupets, diese manchmal ein Gewässer umschmeichelnd, das Goldfischteich oder Kleinswimmingpool sein darf. Wie frisch geduscht stehen die Häuser da mit dem alleinigen Zweck, dazustehen und ihren Namen Ehre zu machen. Ihre Namen sind Libra, Optima, Fortuna, Novita, La Vita, Invito, auch Victory, Liberty, Magic, White Star, auch Kompakthaus R 112.

Die Musterhaussiedlung im Süden Wiens heisst Blaue Lagune und ist laut Eigenwerbung «Europas Hauptstadt der Fertighäuser». Die grösste. Die erfolgreichste. Die bekannteste. 46 Aussteller, 350 000 Besucher jährlich. Laut ihrem Gründer und Manager, dem Tiroler Erich Benischek, wird hier rund die Hälfte des Umsatzes im österreichischen Fertighausgeschäft gemacht; das wären fast 250 Millionen Euro oder so um die zehn verkaufte Häuser an jedem Betriebstag.
Mit einer blauen Lagune hat der grünliche Teich, um den dieses Ballenberg ohne Vergangenheit errichtet ist, so viel zu tun wie manches Hotel Vistamar mit Meersicht. Auf drei Seiten Schnellstrasse, auf der vierten Seite Interio. Dort schliesst die Anlage direkt an die Shopping-City Süd an, eine kolossale Warenmaschine, die Spreitenbach zum Quartierladen degradiert und das Glück der Menschen zur schäbigen Freude, vor dem andern den freien Parkplatz erhascht zu haben. Der Teich war in alter Zeit eine Lehmgrube gewesen, aus ihr wurde Baumaterial für Wiens Pracht gefördert. Doch was heute hier aufgereiht salutiert, gelangt nicht in die Städte, sondern hundertfach kopiert in die Vorstädte, Agglomerationen, Dörfer. Es ist Benischeks Gespür für Marketing zu verdanken, dass der Tümpel zu einem Ort der Sehnsucht und der Verheissung wurde: blaue Lagune… Wenn im gewöhnlichen Leben schon viel zu selten nackte Nymphen aus dem Wasser steigen, soll Vati wenigstens den Wintergarten mit Whirlpool kriegen.

Die Nachbarschaft mit Interio, Ikea, Beate Uhse und Media-Markt ist symbiotisch. Hier das Haus, da die Ausstattung: alles am selben Ort zu kaufen. Der 51-jährige Benischek verabscheut den Begriff «Häuslbauen» – «man geht ja nicht aufs Topferl, sondern tätigt die grösste Investition seines Lebens». Aber er nennt sein Angebot «house shopping». Für aufgeschlossene Menschen sei der Unterschied zwischen dem Kauf eines Flachbildschirms und der Anschaffung eines Satteldachhauses bloss ein preislicher, kein grundsätzlicher.

Und so schlendert die Klientel, prototypisch als Paar mit Kinderwagen, in Shoppinglaune durch die Geisterstadt, schaut bei diesem Knusperhäuschen und jener Beinahvilla rein, wägt den Vorteil der Wohnküche gegen den Vorteil der Porensteinelementkonstruktion ab, vergleicht Schlafzimmergrössen und Cheminéevariationen. Ohne Hemmungen darf jeder Winkel (die liegen übrigens im Trend) erforscht werden. Es sind ja keine Bewohner da, die sich an stochernder Neugier stören würden, nur leutselige Verkaufsberater. Die aber leben davon, dass sie sich über Besuch freuen.

House-Shopper sind gemäss dem Fertighausverband «moderne Menschen, die Projekte effizient und innerhalb eines exakt definierten Zeitrahmens abwickeln wollen». Sie müssen keine Konstruktionspläne lesen können, nicht die Vorstellungskraft zwingen – what you see is what you get, inklusive Festpreisgarantie und Qualitätszertifikat. Da weiss man, was man hoffentlich bald schon hat, denn in der Blauen Lagune ist der Traum vom Traumhäuschen näher als zum Greifen nah. Er ist begehbar wie der mondäne Kleiderschrank.

Wären da nur nicht die Taschenrechner und Excel-Tabellen der Verkäufer. Sie mahnen die Besucher, woran die meisten ohnehin zu oft denken: dass sie es sich bestenfalls knapp leisten können. «Irgendwie geht’s schon», lautet die Standardermunterung der Standardbauer. Der besonders menschenkundige Anbieter von Haus Nr. 30 (Firmenmotto: «Marles – daheim sein») hat in das Bücherregal wie zufällig Flaschen von Retsina und süssem Samoswein gerückt. Sehet her und fürchtet euch nicht: Griechenlandferien liegen zwar nicht mehr drin, aber die braucht ihr dann auch nicht mehr. Für Details wendet man sich vertrauensvoll an das Kreditinstitut gleich beim Eingang zur Blauen Lagune.

Dem Manager Erich Benischek sind alle Besucher lieb, auch jene, die noch lange werden bausparen müssen. «Jeder, der hier war, trägt die Idee des Fertighauses in positivem Sinn in die Welt hinaus.» Gern erinnert er sich an die Chinesen, die unlängst begeistert vorbeischauten. Die hatten, um in ihrem gedrängten Sightseeingprogramm die Blaue Lagune unterzubringen, den Ausflug nach Schloss Schönbrunn gestrichen.

Andreas Dietrich ist NZZ-Folio-Redaktor.


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