NZZ Folio 08/05 - Thema: Männer   Inhaltsverzeichnis

Die Männerärztin

© Katrin Raess
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Schmerzempfindlicher als Frauen? Ein Mythos! Geht das Machtgehabe mit der Ausstattung des Mannes zusammen? Nein! Die Berner Urologin Katrin Raess, die gern unter Männern einen Männerjob macht, zum Zustand der Krone der Schöpfung.

Von Lilli Binzegger

Frau Dr. Raess, wie wird eine Frau Männerärztin?

Ich wurde 1960 geboren und hatte bei Einführung des Frauenstimmrechts elf Jahre Frauenrollentraining hinter mir: Schürzchen tragen, mit Puppen spielen, manierlich sein. Als ich später Medizin studierte, sah man Frauen ganz selbstverständlich als Kinderärztin, Frauenärztin, Dermatologin oder Internistin, während Urologie, Orthopädie, Chirurgie Männersache war. Mir gefiel es aber viel besser, unter Männern einen Männerjob zu machen. Ich habe schon als Kind lieber die Dinge gemacht, die Jungs durften.

Wären Sie denn lieber ein Mann geworden?

O nein. Ich turnte zwar auf Bäumen herum, aber mit rosaroten Schleifchen im Haar. Ich wäre einzig in jener Situation lieber kein Mädchen gewesen, in der ich vom Baum runter musste, um aufs Klo zu gehen. Einen Pimmel zu haben, schien mir damals sehr praktisch – und er leuchtet mir noch heute oft ein.

Sie sind ein Einzelkind?

Nein, ich hatte einen grösseren Bruder, der mir extrem auf die Nerven ging. Er durfte alles, ich musste immer hintanstehen, für mich blieb immer das Kleinere, das Mindere, das Zweite. Ich hab mich selber aber als schneller, als gescheiter, lustiger gesehen. Dann hatte ich noch eine fast erwachsene Schwester, die war und ist echt toll.

Was meinten die Eltern zur Berufswahl?

Die Mutter war etwas befremdet, hat mich aber unterstützt. Mein Vater war dann, glaube ich, irgendwann einmal stolz. Jetzt liegt er unter der Erde.

Kam er auch als Patient zu Ihnen?

Ich hätte ihn nicht genommen. Überhaupt lass ich die Finger von Verwandten und Freunden. Zwischen Arzt und Patient sollte kein privater Kontakt stattfinden.

Auch nicht, wenn der Arzt ein Augenarzt ist?

Wenn man emotional verstrickt ist, beurteilt und entscheidet man möglicherweise nicht neutral. Schwierigkeiten bei der Diagnose oder Therapie sind bei Leuten, die einem nahestehen, schwerer zu erklären und zu ertragen, egal, ob man die Genitalien oder die Augen behandelt. Ich möchte aber betonen, dass die Urologie sich mit dem ganzen Urogenitaltrakt befasst, also mit Nieren, Harnleiter und Blase und nicht nur mit Prostata, Penis und Hoden. Ein schöner Teil meiner Patienten sind ja auch Frauen. Die Leute meinen immer: Urologie gleich Penis.

Lassen Sie uns dennoch über die Männer reden: Mit welchen Problemen kommen sie zu Ihnen?

Mit Blasen- oder Prostataleiden, mit Prostatakrebs, zur Vorsorgeuntersuchung, wegen Veränderungen am äusseren Genitale. Seltener mit Nieren- oder Harnleitererkrankungen. Und dann natürlich mit erektiler Dysfunktion.

Gehen sie mit dem denn nicht lieber zu einem Mann?

Ich denke, auch Männer sind primär an empathischer ärztlicher Beratung und an Kompetenz interessiert und nicht am Geschlecht des Gegenübers. Zudem sind sie gewohnt, über intime Probleme mit einer Frau zu sprechen; erst ist es die Mutter, später vielleicht die Partnerin. Manche gehen sogar lieber zu einer Frau. Sie denken, die sei vielleicht nicht so grob, operiere nicht so schnell, suche nach anderen Lösungen. Das ist oft Phantasie. Ich muss immer lachen, wenn ein Patient erzählt, dass der Hausarzt ihn gefragt habe: Macht es Ihnen etwas aus, zu einer Frau zu gehen? Ich stell mir dann vor, ich gehe zur Bank und will eine Anlageberatung, und man fragt mich dort: Macht es Ihnen etwas aus, wenn es eine Frau ist? Dann mach ich doch eine Pirouette und geh gleich wieder raus.

Also da liegt der Fall schon ein bisschen anders, oder nicht?

Ich gebe zu, manch einer macht bei mir in der Sprechstunde ein Gesicht, als müsste er wie bei der Pfadfindertaufe gleich Regenwürmer essen; er merkt dann aber meist rasch, dass es bloss kalte Spaghetti sind.

Gynäkologen gibt es sehr viele, Urologinnen fast keine.

Tatsächlich. Zurzeit sind wir ganze drei von hundertzweiundvierzig Schweizer Urologen. Weitere drei, vier sind in Ausbildung. Aber es findet ja auch nicht jede Frau die Urologie ein spannendes Fach, und zudem hat es bei den niedergelassenen Fachärzten generell weniger Frauen als Männer. Es verschwinden immer noch viele Frauen nach dem Staatsexamen in Haushalt und der Mutterrolle.

Urologen sollen die bestverdienenden Ärzte sein. Hat das Bewahren der Männlichkeit einen besonderen Preis?

Ich würde sagen, in der Praxis strampeln wir alle plus minus gleich. Tarmed hat nivelliert. Und die Chefarzteinkommen sind heute limitiert. Ich leide jedenfalls nicht unter einem zu hohen Einkommen.

Sie haben, liest man in Ihrem Curriculum, ein Jahr Gynäkologie gemacht und waren auch bei Geburten dabei.

Ja. 103 Mal.

Man sagt ja, eine Nierenkolik sei so schmerzhaft wie eine Geburt: Sind Männer nun wirklich schmerzempfindlicher?

Das ist auch ein Mythos, ich mache diese Erfahrung jedenfalls nicht, und wir muten den Männern manchmal viel zu. Sicher gibt es solche, die haben etwa vor einer Blasenspiegelung oder einer Prostatabiopsie Angst, lassen sie dann aber tapfer über sich ergehen. Bei einer Nierenkolik braucht jeder einfach schnell Hilfe, egal ob Mann oder Frau, sie sind in einem Ausnahmezustand. Genau wie die Frau während der Geburt, mit der kann man auch nicht mehr diskutieren.

Wie jung kommen die Männer zu Ihnen?

Mit 17, 18 Jahren – die, die selbständig herkommen.

Was sind ihre Probleme?

Verdacht auf Tumor, Angst vor Tumor. Oder sie haben irgendwelche anderen Veränderungen bemerkt. Dann kommen bald einmal die sexuell übertragbaren Erkrankungen dazu und auch Hauterkrankungen, die zur Vorhautverengung führen. Potenzstörungen sind in diesem Alter selten, und wenn, dann konsultieren junge Leute eher Internetforen. Zum Glück kommt es nicht oft vor, dass ein junger Mann den Weg zur Aufnahme der sexuellen Aktivität nicht findet, das klappt meistens irgendwie.

Hat sich die Geschlechtsreife der Jungen eigentlich auch so vorverschoben wie die der Mädchen?

Ich habe zu wenige junge Männer in der Pubertät hier, als dass ich das beurteilen könnte. Ich staune aber manchmal etwas darüber, wie früh sie sexuell abgebrüht sind, wie rasch ein neuer Kick her muss, etwa regelmässiger Analverkehr mit der ebenfalls minderjährigen Freundin. Wenn ich feststelle, dass es destruktiv für einen der Partner ist, empfehle ich dem Paar eine Beratung.

Die wachsende Unfruchtbarkeit der Männer, ist die wirklich ein Problem?

Das ist echt ein Thema! Man schraubt die Normwerte für ein Spermiogramm dauernd herunter: wie viele Spermien es hat, wie viele sich normal bewegen, wie viele morphologisch normal sind. Diese Norm ist heute ein Bruchteil von jener der frühen 1980er Jahre.

Sieht nicht besonders gut aus für die Menschheit.

Ich sehe eher schwarz für unseren Planeten oder zumindest für seine Bewohner.

Woher rührt die Unfruchtbarkeit?

Genau wissen wir das noch nicht. Es gibt wohl einen Zusammenhang damit, dass in der Umwelt immer mehr weibliche Sexualhormone und ähnliche Substanzen aus der human- und veterinärmedizinischen Anwendung auftauchen, aber auch Toxine aus der Industrie.

Die Männer sollen und wollen länger jung bleiben.

Sie sprechen das Thema des Aging Male an, das teilen wir uns mit den Endokrinologen und den Internisten. In meinem Praxisalltag geht es primär um Erektionsstörungen. Manchmal ist das pure Sexualberatung, häufiger liegt aber eine sekundäre Potenzstörung vor aufgrund von Nikotinkonsum, hohem Blutdruck, Cholesterin und übergewichtbedingter Zuckerkrankheit, oder die erektile Dysfunktion weist auf eine Herzkrankheit hin. Die Beratung muss also umfassender sein, als nur Viagra, Levitra oder Cialis zu verschreiben.

Gibt es eigentlich wirksame Aphrodisiaka?

Meines Wissens nicht. Irgendwelche Hormone zu futtern, etwa DHEA oder Yohimbin, bringt jedenfalls nichts. Nützt es, ist das ein Placeboeffekt. Wenn schon Placebo, dann aber lieber Hummer oder Austern mit Champagner, von mir aus auch Spargel.

Und Testosteron?

Nur wenn ein Testosteronmangel besteht.

Beeinflusst das nicht auch das Verhalten?

Bei hohen Dosen schon.

Wie handhaben Sie eine unbotmässige Erektion?

Meine Praxisassistentin und ich sind bemüht, das Schamgefühl des Patienten zu respektieren und seine Intimsphäre zu wahren, aber auch unser eigene. Wenn jemand eine Erektion hat, dann hat er halt eine. Das ist den meisten Männern unangenehm, aber den meisten ist auch klar, dass ich Ärztin bin. Ich kommuniziere sehr deutlich, dass es hier medizinische Leistungen gibt und sonst nichts. Manchmal kommt auch ein Exhibitionist, ich erschrecke nicht, er muss einfach wieder gehen.

Was wollten sie als Kind werden?

Hexe, ich wollte fliegen und zaubern können.

Mögen Sie Männer?

Ich? Ja! Die sind doch lustig! Ich bin wahrscheinlich oft ein Schreck für sie, weil ich nicht ganz ins Schema passe vom Schweizer Frauchen, aber ich lebe gut damit. Ich hab mir erlaubt, mich auf meinem Weg nicht immer an die gängigen Vorstellungen zu halten – um dann ein bisschen beruhigter vierzig zu werden.

Wen mögen Sie lieber: den Softie oder den Macho?

Wenn einer für sich gern Macho ist, bitte. Auf zum Klingenkreuzen! Wenn er mir aber näherkommen will, muss er Eigenschaften haben, die ich attraktiv finde: er muss lustig und gescheit sein und innere Freiheit und Beweglichkeit haben. Wenn Sie mich aber fragen, wen möchten Sie lieber mit in die Alphütte nehmen, dann würde ich vielleicht den Macho mitnehmen. Aber der müsste viel aushalten, der würde dort gestutzt und geformt. Der Softie dürfte dafür meinen Namen in den Morgentau schreiben.

Merken Sie einem Mann den Macho an, wenn er hier reinkommt?

Sofort. Aber das merkt jeder.

Korreliert Machismo mit der männlichen Ausstattung?

Oh, nein. Ich habe aber selten Leute hier, die sich aufführen, als müssten sie mir da jetzt etwas Schönes zeigen. Aber auch selten jemanden, der sich für einen zu kleinen oder einen zu grossen Penis schämt.

Was bedeutet für Sie Männlichkeit?

Das Y-Chromosom.

Wie leben Sie selbst?

Mit einem jüngeren Freund betrachte ich mich als alleinerziehend. Immerhin: er hat einen gut bezahlten Krippenplatz in Zürich.


Katrin Raess, 1960 geboren, hat in Bern, Washington DC und Rochester NY Medizin studiert und 1986 mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Nach Fortbildung in Innerer Medizin, Chirurgie, Anästhesie und Gynäkologie erwarb sie 1998 den Facharzt für Urologie FMH. Seit 1999 hat sie ihre eigene Praxis an der Kramgasse in Bern und ist als Belegärztin am Berner Salemspital tätig. Katrin Raess ist Fellow of the European Board of Urology.

Lilli Binzegger ist stv. Redaktionsleiterin von NZZ-Folio.


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